BUCH: Ein Rückblick mit Seitenhieben

Ein ehemaliger Chefdirigent rechnet ab: John Axelrod spickt seine Kritik am Klassikbetrieb mit Beispielen aus seiner Zeit in Luzern.

Urs Mattenberger
Drucken
Teilen
Erwartungen nicht erfüllt: John Axelrod, hier in einer Aufnahme von 2009 vor dem KKL.

Erwartungen nicht erfüllt: John Axelrod, hier in einer Aufnahme von 2009 vor dem KKL.

Jetzt muss man Klartext reden zum Abgang des Amerikaners John Axelrod als Chefdirigent des Luzerner Sinfonieorchesters (2004–2009). Denn Axelrod tut es seinerseits erstmals in aller Öffentlichkeit selber. Sein Buch «Wie grossartige Musik entsteht ... oder auch nicht» ist eine kritische Diagnose des Klassikbetriebs. Aber Axelrod nutzt es für Seitenhiebe gegen seine Zeit in Luzern.

Axelrod musste gehen

Als sich das Luzerner Sinfonieorchester und John Axelrod 2009 trennten, wurde dies mit seinem Karriereschritt begründet, der in die französische Provinz von Nantes führte. Tatsache ist, wie Insider sagen: Axelrod wurde faktisch gegangen. Den Ausschlag gaben Verpflichtungen, die der damalige Chef­dirigent nicht wahrnahm. Aber der Konflikt hatte von Anfang an geschwelt. Zum einen von Seiten des Orchesters: Schon als Axelrod über Nacht als Chefkandidat präsentiert wurde, fühlten sich die Musiker durch den Zeitdruck übergangen, mit dem sie einen ihnen unbekannten Kandidaten abnicken sollten.

Rasch war aber auch deutlich geworden, dass der durchaus populäre Axelrod Erwartungen, für die er nach Luzern geholt worden war, nicht erfüllte. Projekte nach dem Vorbild der «Oper im Shoppingcenter» – ein Vorzeigeprojekt von Axelrods einstigem «Orchestra X» in Texas – blieben Einzelfälle. Auch LSO-Präsident Pierre Peyer räumte in unserer Zeitung zwei Jahre nach Axelrods Wahl ein, er hätte sich unter der rasch wieder eingestellten «Lifestyle»-Reihe «etwas anderes vorgestellt».

Steife und ernste Schweizer

Wie diese Schnellwahl aufgegleist wurde, erfährt man jetzt von der anderen Seite in Axelrods Buch. Da mokiert sich der 46-Jährige nicht nur über die Geschwindigkeit, mit der der «Intendant» (namentlich nicht genannt: Numa Bischof Ullmann) der Reihe nach seine «Forderungen akzeptiert» hätte. Axelrod spottet auch über die puritanisch-ernsten Umgangsformen in diesem darin typisch «schweizerischen» Orchester. Dazu gehörte der angebliche Tipp, er hätte die Musiker nicht als «my friends» anzusprechen, sondern mit ihrem «Professoren»- und «Doktoren»-Titel.

LSO-Intendant Numa Bischof Ullmann kennt das Buch nicht und möchte solche Aussagen nicht kommentieren. «Sie deuten wohl an, dass es damals offenbar für beide Seiten sinnvoll war, die Zusammenarbeit nicht weiterzuführen.» Dass man solche und viele andere Aussagen in dem Buch tatsächlich nicht für bare Münze nehmen darf, zeigt eklatant eine weitere Äusserung über Luzern. Dass Axelrod Lucerne Festival lobend einen «führenden Platz unter den altehrwürdigen europäischen Sommerfestivals» einräumt, lässt zwar erahnen, wie gerne er hier eingeladen würde. Aber die Aussage, das «Lucerne Festival sei permanent ausverkauft», ist so grundfalsch wie zahlreiche saloppe Behauptungen in diesem Buch.

Eine Art Racheakt für die Zeit in Luzern ist das Buch allerdings nur in wenigen eingestreuten Passagen. Vielmehr ist es ein assoziativ hin und her springender Ritt durch alle möglichen Themen des klassischen Musikbetriebs. Vieles bleibt schlagwortartig an der Oberfläche, wird aber mit vielen Anekdoten und Pointen gewürzt. Die Themen sind zwar nicht neu, aber durchwegs relevant. Dazu gehört etwa die gewerkschaftliche Überregulierung des Orchesteralltags, ökonomische Zwänge, Fragen der Orchesterpsychologie, die Kluft zwischen der «neuen Musik» und dem Publikum oder die Etikette an klassischen Konzertritualen.

Freilich bezieht Axelrod in solchen Fragen keine klare Position – die Neue Musik etwa ist zwar «kalt», aber er mag sie und findet sie sogar «richtig gut». Wie also kann man aus den geschilderten Einengungen ausbrechen und das Publikum der Zukunft gewinnen? Natürlich mit neuen Konzertformaten und unter Beizug neuer Medien, wie sie Axelrod bei Gustavo Dudamel oder beim Internet-Angebot etwa der Berliner Philharmoniker ortet.

Zum Schluss aber wirkt Axelrods Vision des neuen «Middle Class Orchestra» als Resultat einer «Kulturanthropologie» des Orchesters überraschend dünn. Es müsste «einen humanitären Auftrag» haben und durch niedrige Gagen und Mehrfachaufführungen die Eintrittspreise tief halten: «Das Publikum bringt sein eigenes Gebäck für einen Kuchenbasar mit, und alle machen ein musikalisches Picknick. Ein ‹Love-in›. Klingt absolut stark, oder?»

Da ist er wieder, der Dirigent, der auf sein «Charisma» vertraut – neben Orchester- und Dirigentenporträts auch eines der vielen Themen im Buch. Den grossen Worten Taten folgen lassen kann Axelrod aber auch beim Orchestre National des Pays de la Loire nicht. Da geht seine Zeit bereits wieder zu Ende. Klar, weil er seinen «Vertrag nicht verlängert hat», wie die offizielle Version auf der Homepage des Orchesters lautet.

John Axelrod: Wie grossartige Musik entsteht ... oder auch nicht. Henschelverlag, 160 Seiten, Fr. 29.80.