BUCH: Eine Chronik mit offenem Ende

Erich Singer hat die Geschichte des Lucerne Festival aufgearbeitet: Das Buch spiegelt im Aufstieg zum bedeutendsten Orchesterfestival auch Entwicklungen der Zeit.

Urs Mattenberger
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Oben: Claudio Abbado, der 1966 in Luzern debütierte, in einer undatierten Aufnahme. Unten: Starreigen im alten Kunsthaus mit Herbert von Karajan, Yo-Yo Ma und Anne-Sophie Mutter (1978). (Bilder Archiv Lucerne Festival/Emanuel Ammon)

Oben: Claudio Abbado, der 1966 in Luzern debütierte, in einer undatierten Aufnahme. Unten: Starreigen im alten Kunsthaus mit Herbert von Karajan, Yo-Yo Ma und Anne-Sophie Mutter (1978). (Bilder Archiv Lucerne Festival/Emanuel Ammon)

Das Warten hat sich gelohnt. Vor zwölf Jahren erteilte Verleger Peter Schulz dem langjährigen Lucerne-Festival-Mitarbeiter Erich Singer den Auftrag, eine Geschichte des Festivals zu schreiben. Singer recherchierte in Sitzungsprotokollen, Privatkorrespondenzen und anderen Quellen. Und weil im letzten Moment der Tod Claudio Abbados mitberücksichtigt werden konnte, dokumentiert das Buch «Lucerne Festival» jetzt im Untertitel «Von Toscanini zu Abbado», auf welchem Spitzenniveau sich diese Festivalgeschichte bewegt.

Trotz der Fülle an Dokumenten ist es Singer gelungen, daraus weit mehr als eine Festivalchronik zu machen. So bettet der 1943 geborene Autor die Festivalgeschichte ein in historische Entwicklungen und das gesellschaftlich-politische Umfeld Luzerns. Das gilt vor allem für die Gründungsgeschichte zur Zeit von Hitlerdeutschland. Zu Wort kommen aber auch der Kalte Krieg und der Umbruch der 68er-Jahre, auf den das damals als elitär kritisierte Festival mit einer «populären Note» reagierte. Dass diese schon 1942 Walter Strebi als einer der Gründerväter forderte, ist ein Beispiel dafür, dass viele spätere Neuerungen im Keim bereits in frühen Jahren angelegt waren.

Empfehlung von Richard Strauss

Dass Singer einen Fokus auf die in historische Distanz gerückte Gründerzeit legt, hat gute Gründe. Erstmals werden in einer Festival-Publikation umfassend und unbeschönigt die Umstände und Motive der Gründung aufgezeigt. Zwar ist bekannt, dass es den Initianten um Stadtpräsident Jakob Zimmerli um die Ankurbelung des Fremdenverkehrs ging – und nicht darum, Luzern mit Exilmusikern aus Deutschland zum «Hort der Freiheit» zu machen, wie die verklärende Formel dafür lautete. Aber Singer zeigt, wie weit solche Ansinnen zurückgingen – selbst Richard Strauss empfahl 1932, Luzern solle nach dem Vorbild Salzburgs «dem Reiseverkehr durch solche Veranstaltungen neue Impulse zuführen». Das Spannungsfeld, in dem sich die Gründung selber bewegte, veranschaulichen Dokumente zu dem von Frontisten und Antisemitismus mitgeprägten Umfeld in Luzern.

Singer dokumentiert diese 1988 von Peter Bitterli lancierte Diskussion um die Gründungsgeschichte bis in die jüngste Zeit. An einer Tagung zum Thema resümierte Verena Naegele: Dass die Gründerväter «Hitlerdeutschland nicht mit einem Gegenfestival vor den Kopf stossen wollten», zeige schon die Tatsache, dass bei der Eröffnung 1938 «politische Vertreter aus Frankreich, Italien und dem Deutschen Reich teilnahmen.»

Unangefochten bleibt die zentrale Rolle des Antifaschisten Arturo Toscanini, dessen Gründungskonzert – und Extravaganz – ein Bericht der Kustodin des Wagner-Hauses auf Tribschen hautnah dokumentiert. Es erstaunt, wie lange es ging, bis sich aus diesem prominenten Auftakt über Krisen und Querelen hinweg in den 50er- und 60er-Jahren ein Festival entwickelte, das zum «führenden Forum für internationale Orchester» wurde, wie es der Pianist András Schiff im Vorwort formuliert. Deutlich wird anderseits, welch zentrale Rolle das Schweizerische Festspielorchester lange Zeit als Rückgrat des Festivals spielte.

Weg vom «elitären» Image

Auf dem Weg dahin porträtiert Singer die unglaublich lange Reihe von bedeutenden Musikern, Dirigenten und Persönlichkeiten, die das Festival prägten – von Toscanini und Furtwängler über Karajan bis Abbado. Als ein entscheidender Schritt erwies sich die Professionalisierung des Betriebs, als 1970 mit Rudolf Baumgartner erstmals ein künstlerischer Intendant berufen wurde.

Bei den Intendanten zieht Singer, der sparsam Anekdoten, Erinnerungen und auch kritische Einschätzungen einstreut, persönlich ein Fazit. So stand der «autoritäre» Baumgartner für mehr thematisches Profil und die Öffnung zur Moderne, die Publikumseinbrüche zur Folge hatte. Ulrich Meyer-Schoellkopf gewann mit einer Konsolidierung das Vertrauen von Politik und Wirtschaft auch für sein wegweisendstes Postulat: den Ruf nach einem neuen Konzertsaal, den Vladimir Ashkenazy Anfang der 80er-Jahre prominent lancierte.

Den Weg dahin ebnete Matthias Bamert, indem er das «in der breiten Bevölkerung unbeliebte» und als «elitär» geltende Festival (der Intendant im Gespräch mit Singer) öffnete – bis hin zur Umsiedlung im Jahr 1997, während des Baus des Konzertsaals, in eine Von-Moos-Stahl-Halle in Emmenbrücke: «Es war mir klar», sagt Bamert, «dass dieser Faktor mitentscheidend war für die Abstimmung über den neuen Konzertsaal.»

Quantensprung KKL

Der Quantensprung im KKL unter Michael Haefliger schlägt sich in der Verdoppelung des Budgets auf 26 Millionen Franken nieder. Weil er in Publikationen zu Abbados Lucerne Festival Orchestra und Pierre Boulez’ Academy dokumentiert ist, fasst sich Singer hier knapper. Aber in Gesprächen mit Michael Haefliger und Stiftungspräsident Hubert Achermann wird einem mit Blick auf die «Salle Modulable» bewusst, wie sehr das Festival Geschichte schrieb und weiter schreibt. Und dass wir in dieser Geschichte «von Toscanini zu Abbado» mittendrin und vielleicht wieder an einem Neuanfang sind.

Hinweis

Erich Singer: «Lucerne Festival – von Toscanini zu Abbado», 400 Seiten mit zahlreichen Abbildungen und DVD; Pro Libro Verlag, Luzern, Fr. 79.–.

Wir verlosen 3 Exemplare des Buches «Lucerne Festival – von Toscanini zu Abbado». Wählen Sie heute die Telefonnummer 0901 83 30 23 (Fr. 1.– pro Anruf, Festnetztarif), oder nehmen Sie an der Verlosung teil auf www.luzernerzeitung.ch/wettbewerbe