BUCH: Kampf den Klischees

Er hatte die starren Geschlechterrollen satt und entschied, sich temporär als Frau zu kleiden. Buchautor Christian Seidel über Strümpfe, plumpe Anmache und sinkende Testosteronwerte.

Interview Annette Wirthlin
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Hat den Vorteil von Nylonstrümpfen und Kleidchen entdeckt: Christian Seidel während seiner Zeit als «Christiane». (Bilder Florian Seidel)

Hat den Vorteil von Nylonstrümpfen und Kleidchen entdeckt: Christian Seidel während seiner Zeit als «Christiane». (Bilder Florian Seidel)

Herr Seidel, Sie sind bis vor kurzem in Frauenkleidern durchs Leben gegangen – fast zwei Jahre lang. Fühlen Sie sich im falschen Körper gefangen, oder weshalb tut man so etwas?

Christian Seidel: Ich stehe mit meiner Männlichkeit nicht im Geringsten im Zwist. Aber ich habe mich von der sehr klischierten Geschlechterrolle «Mann», von dem Bild, wie ein Mann eben zu sein hat, sehr eingeengt gefühlt.

Was genau wollten Sie mit Ihrem Versuch herausfinden oder beweisen?

Seidel: Ich wollte die Geschlechterklischees auflösen. Ich wollte herausfinden, wie fühlt man sich als Frau – vielleicht –, denn ich werde es ja immer nur als Annäherung erfahren können. Und: Wie kann ich davon in meinem Leben als Mann profitieren?

Journalisten und Buchautoren machen ja allerlei verrückte Experimente, wenn daraus ein toller Text werden kann. Aber was Sie machten, Hut ab, hätte längst nicht jeder gewagt.

Seidel: Ich habe diese Erfahrung nicht gemacht, um ein Buch darüber zu schreiben. Überhaupt mag ich den Begriff «Experiment» nicht. Hätte ich diesen Versuch jemals als Experiment betitelt, hätte mein gesamtes Umfeld in die Hände geklatscht und mich dann wie immer behandelt. Ich wollte hingegen herausfinden, wie sie sich verhalten, wenn sie wirklich denken, ich bin so. Es sollte keine klamaukige Verkleidungsparty werden, sondern mein Alltag.

Was war denn der Auslöser?

Seidel: Aus Frust über die Tatsache, dass es für Männer im Winter keine gescheiten warmen Unterhosen gibt, habe ich vor zwei Jahren ein paar Nylonstrümpfe angezogen und mich dabei pudelwohl gefühlt. Die Absurdität, dass das ein Mann entgegen jeder Logik nicht darf, bloss weil es weiblich ist, hat mich in diesen Selbstversuch hineingezogen.

War es Ihnen peinlich, für eine transsexuelle Person gehalten zu werden?

Seidel: Doch, das war mir teilweise peinlich. Ich habe mich ständig in diese Richtung gedrängt gefühlt. Vor allem wenn das Wort «Transvestit» fiel, dazu noch mit einem beleidigenden Unterton, hat mich das verletzt. Übrigens waren es immer Männer, die das taten. Frauen sagten hingegen immer: «Aha, ein Mann, der versucht, als Frau herumzulaufen. Interessant.» Irgendwann begann ich mir sogar selbst zu überlegen, ob ich vielleicht transsexuell bin, denn ich fühlte mich in der weiblichen Rolle enorm wohl.

Wie fühlte es sich an?

Seidel: Es war so, als wäre zu meinem Leben ein Stück von etwas dazugekommen, das mir vorher gefehlt hat. Ich habe festgestellt, dass ich in meinem früheren Leben meine Männlichkeit immer dadurch definierte, dass ich das «Weibliche» in mir ausgrenzte.

Hat man Ihnen das Frausein überhaupt abgenommen?

Seidel: Na ja, auf den ersten, seitlichen Blick vielleicht schon, aber spätestens, als die Leute meine Stimme hörten, wurden sie skeptisch. Frauen haben doch keine breiten Schultern oder tiefen Stimmen zu haben! Dabei gibt es das sehr wohl! Genau darin äussert sich das, wogegen ich kämpfen möchte. Das, was Männer und Frauen voneinander halten, ist so extrem von Klischees dominiert, dass wir jemanden sofort nicht mehr akzeptieren, wenn er nur ein bisschen aus dem Klischee hinausfällt.

Man sagt: «Kleider machen Leute». Aber kann man mit etwas Schminke und einem Kleid zur Frau werden?

Seidel: Für mich ist das «Verkleiden» wie ein Schlüssel zum Innern. Einfach in Jeans und Jackett durch die Strassen laufen und sich eben mal ein bisschen als Frau fühlen, das funktioniert einfach nicht.

Wie vertrug sich Ihre Aufmachung als Frau mit dem Berufsleben?

Seidel: Ich bin zum Glück selbstständig und kann meinen Arbeitsstil selbst bestimmen. Aber ich hatte auch mit Banken zu tun und musste an Sitzungen mit klassischen Businessmännern teilnehmen. Als ich da in Frauenkleidern auftauchte, sind den Anwesenden reihenweise die Kiefer runtergefallen. Und die Besprechung war zerstört. Ganz anders übrigens unter Frauen. Zwei, drei kurze Sätze der Erklärung, und dann lief die Sache. Völlig problemlos.

Wie reagierte Ihre Ehefrau? Die war doch sicherlich nicht begeistert über Ihre Verwandlung?

Seidel: Allein aufgrund der Angst, dass sich mit dem Wegfallen der Geschlechterpolarität der Sex verschlechtern könnte, ist genau das erst einmal eingetroffen. Doch mit der Zeit stellten wir fest, dass das Miteinander in jeder Hinsicht eigentlich leichter und lockerer wurde. Jetzt waren wir plötzlich Freunde und Liebende gleichzeitig. Wir begegneten uns mehr auf Augenhöhe. Es war nicht mehr dieses Geschlechterverhalten, wo der Mann meint, irgendwas darstellen oder flirten zu müssen, was das Zeug hält.

In Ihrem Buch beschreiben Sie, dass nach einer gewissen Zeit sogar Ihre Testosteronwerte sanken.

Seidel: An meinem Verhalten spürte ich schon relativ schnell Veränderungen, je mehr ich in diese Rolle hineinschlüpfte. Ich wurde viel dünnhäutiger, emotionaler. Im Kampfsporttraining sagte man mir, ich würde weniger intensiv kämpfen als vorher. Bei einem Bluttest stellte der Arzt fest, dass mein Testosteronspiegel sehr stark abgesunken war. Der Wert lag so tief, wie ihn auch Frauen erreichen können.

Es überrascht, wie respektlos Ihnen Männer in dieser Zeit immer wieder begegneten. Haben Sie das überzeichnet dargestellt?

Seidel: Es war wirklich frappierend, wie übergriffig sich Männer teilweise benahmen. Zum Beispiel wurde mir an den Hintern gegriffen und man stach mir mehrmals ungefragt mit dem Finger in meine Brüste hinein, weil es ja eh keine echten waren. Frauen haben zwar auch das Bedürfnis, so was mal anzufassen, aber sie fragten charmant um Erlaubnis.

Was war Ihre negativste Erfahrung?

Seidel: Der Verlust meiner männlichen Freunde. Und die Feststellung, wie falsch ich die Menschen bis anhin eingeschätzt hatte. Beispielsweise hatte ich die plumpsten Attacken von Proleten und Randständigen erwartet. Völlig falsch. Diese Leute zeigten mir die grösste Toleranz und echtes Interesse. Am aggressivsten reagierten Leute, von denen man denkt, sie hätten die Lockerheit gepachtet: zur Mittelschicht Gehörende, Akademiker, Künstler.

Leben Sie denn jetzt wieder als «normaler» Mann?

Seidel: Wenn Sie das normal in Anführungsstriche setzen, dann würde ich sagen ja. Ich betrachte meine Erfahrung als Frau wie ein leckeres Gericht, von dem ich gekostet habe und das man auf ganz verschiedene Arten zubereiten kann. Ich werde jederzeit gerne wieder einen Bissen davon nehmen.

Was waren Sie vorher für ein Mann? So ein Bilderbuch-Macho?

Seidel: Ich weiss nicht, ob ich ein typischer Macho war. Ich habe nie einen Ferrari gefahren oder Frauen offensiv angebaggert. Aber ich glaube, dass ich schon ein Mann war, der sehr erfolgsstrebend und rechthaberisch war. Als Junge habe auch ich gelernt, dass man erst ein richtiger Mann ist, wenn man bestimmte Leistungen erbringt.

Und was sind Sie jetzt für einer?

Seidel: Ich bin nicht generell ein anderer Mann als früher, aber ich versuche, das, was ich im Bereich der Weiblichkeit kennen gelernt habe, in mein Leben zu integrieren.

Was denn zum Beispiel?

Seidel: Die Offenheit, die ich im Gespräch mit vielen Frauen kennen gelernt habe. Diese Art, dass man über alles Mögliche, über Unangenehmes und Angenehmes miteinander sprechen kann, gibt es unter Männern überhaupt nicht.

Ist es denn so grundsätzlich etwas anderes, eine Frau zu sein?

Seidel: Der Unterschied wird durch die gesellschaftlichen Normen gemacht und nicht durch die Art und Weise, wie wir geschaffen sind. Ich glaube, wir müssen den Mut haben zu sagen: Wir sind am Ende alle gleich. Weibliche Menschen und männliche Menschen. Wenn wir mit dieser Einstellung aufeinander zugehen, haben wir viel mehr Möglichkeiten, unsere Lebensfülle in voller Breite miteinander zu leben. Indem wir ständig sagen, wir seien von zwei verschiedenen Planeten, trennt man sich nur voneinander.

Zur Person

wia. Christian Seidel (54) war jahrelang Berater und Manager für Medienkonzerne und Prominente. Seit einigen Jahren konzentriert er sich ausschliesslich auf das Schreiben. Das unterhaltsam geschriebene Buchüber sein Experiment als Frau, «Die Frau in mir», ist soeben im Heyne-Verlag erschienen (19.90 Franken). Seidel ist verheiratet und lebt in München und Imperia (Italien). Am 31. Januar um 22.40 Uhr zeigt Arte den Dokumentarfilm«Christian und Christiane».