BUCH: Kindheiten von hier und doch auch weit weg

Wie wurde Kindheit in unserer Region früher erlebt? Zehn Kurzgeschichten zeigen dies zwischen Biografischem und Fiktion.

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Nicht immer ist die Kindheit so unbeschwert wie auf diesem Foto von Autor Peter Weingartner. (Bild: PD/Privat)

Nicht immer ist die Kindheit so unbeschwert wie auf diesem Foto von Autor Peter Weingartner. (Bild: PD/Privat)

Bei den zehn Texten handelt es sich um prämierte Geschichten aus einem Wettbewerb des Innerschweizer Schriftstellerinnen- und Schriftstellervereins (ISSV). Und sie zeigen exemplarisch, was eine gute Kurzgeschichte ausmacht: nämlich die Fähigkeit, schnell eine plastische Atmosphäre und eine Bindung des Lesers zu schaffen – gerade bei einem emotionalen Thema wie Kindheit.

Lakonisch oder sinnlich

Eher lakonisch berichtet der Eschenbacher Bruno Bollinger (62) zunächst von seiner Kindheit in Ballwil. Etwa wie sein Vater sich als Arbeiter gewerkschaftlich engagierte und Ärger mit dem Chef bekam. Oder wie er dank der Zeitung «Vaterland» zum FCL-Fan wurde. Gerade in seiner unspektakulären Episodenhaftigkeit wirkt der Text authentisch.

Sinnlicher ist der Text des heutigen Wahlaargauers Rolf Brogli-Burgener (55): Es geht um einen Eisenofen, der für die Kinder in einem Haus ohne Zentralheizung zur begehrten Wärmequelle wird. Und dies nicht nur im physischen Sinne, denn man erahnt, dass in der jungen Familie emotionale Wärme nicht selbstverständlich ist, auch zwischen den beiden Eheleuten nicht.

Der Sarner Romano Cuonz (70) berichtet vom Kontrast der schulisch plädierten Keuschheit und dem eigenen Entdecken der Liebe. Derweil gerade seitens der Tugendwächter Missbrauch droht. Oder nur vermeintlich? Der Text, sehr gekonnt aus einer jungen Perspektive geschrieben, vermittelt bewusst eher Gefühlswelten als Gewissheiten.

Härte und scheinbare Idylle

Die Härte des Lebens, mit welcher Kinder gerade auch in früheren Zeiten konfrontiert waren, schildert der Nidwaldner Tony Ettlin (65). Arbeit in der Schule, Arbeit zu Hause, dann passiert ein Missgeschick. Doch siehe da, der doch so Furcht einflössende Vater reagiert anders als erwartet.

Die Obwaldnerin Heidy Gasser (58) schreibt von drei Schwestern, die in einer scheinbar behüteten Idylle aufwachsen, aber hilflos unter dem Psychokrieg der Eltern leiden. An einem Krieg, an dem niemand Schuld hat, weil Mutters heimtückische Krankheit dahintersteckt, die man damals wohl noch nicht einmal genau benennen konnte. Und auch der Vater hat ein Geheimnis.

Ausgerechnet der jüngste Text thematisiert das Alter, indes aus Sicht zweier junger Menschen von heute. Die gebürtige Zürcherin Rebecca Gisler (24) schreibt über die Schlattli-Stoosbahn, welche die beiden Geschwister zu ihrem Grossvater bringt. Man ahnt, dass er in ihrem Leben eine wichtige Rolle gespielt hat, nun liegt er im Sterben. Auf wenigen Seiten wird einem diese Erfahrung, die Kinder fast zwangsläufig irgendwann machen, sehr nahe gebracht.

Leben aus den Fugen

Von der Erstkommunion berichtet die Luzernerin Franziska Greising (72). Die kindliche Sicht konzentriert sich scheinbar auf Äusserlichkeiten, zeigt aber auf diese Weise auch viel Gesellschaftliches der damaligen Zeit.

Die Nidwaldnerin Irma Hildebrandt (80) geht weit zurück in die Zeit des Zweiten Weltkrieges. Ein bewunderter Junge namens Luigi ist der Anführer einer Clique, Luigis Vater ist in Italien im Krieg. Die Kinder wollen eine Zirkusvorstellung auf die Beine stellen, doch die Realität kommt ihnen dazwischen. Ein sehr berührender Text, der dies auch nur mit Andeutungen schafft.

Von einer Familie auf der Alp erzählt die Schwyzerin Therese Martino-Fässler (61). Ihre eingespielte Welt gerät durcheinander, als ein desorientierter Fremder auftaucht. Und der junge Protagonist erfährt, dass Armut ganz unerwartete Gesichter und Gründe haben kann.

Der Trienger Peter Weingartner (61) beschliesst den Reigen mit einer Geschichte über einen Knaben, der nicht sprechen kann. Sprachlosigkeit als sprachlich umgesetztes Thema ist eine Herausforderung. Der Autor meistert sie, auch weil er der Sprache nicht die zwingende Notwendigkeit beimisst, die Sprachlosigkeit des Knaben akzeptiert.

Interessant sind sie alle, die zehn Geschichten. Je nach Geschmack wird man an der einen mehr Gefallen finden als an der anderen. Bedauern mag man, dass ausser Rebecca Gisler jüngere Generationen nicht vertreten sind. Die Texte, teils biogeografisch, teils fiktional, reichen dadurch etwas weiter in die Vergangenheit zurück. In eine Welt, die sich von der heutigen oft stark unterscheidet.

Arno Renggli

Gestern. Kindheit in der Innerschweiz. Pro Libro Verlag, 116 Seiten, 25 Franken.