BUCH: Musiker treibt dem Blues den Teufel aus

Der Gitarrist Richard Koechli ist «dem Blues auf den Fersen»: Das Romandebüt des Luzerners erweist sich als Werk von eigenwilliger Raffinesse.

Stefan Christen
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Der Roots-Gitarrist als Romancier des Blues: Richard Koechli veröffentlicht seinen ersten Roman. (Bild: PD/Mathias Haehl)

Der Roots-Gitarrist als Romancier des Blues: Richard Koechli veröffentlicht seinen ersten Roman. (Bild: PD/Mathias Haehl)

Stefan Christen

Richard Koechli (52), Gitarrist, Sänger und Songwriter, ist ein intimer Kenner und Könner der amerikanischen Rootsmusik – das wissen seine Hörer, aber auch seine (an der Kunst des Gitarrenspiels interessierten) Leser: Neben der Musik hat sich Koechli in den letzten Jahren als Verfasser von Gitarren-Lehrbüchern, als Vermittler von Spieltechniken im Country-, Blues- oder Slide­gitarrenstil (seine Spezialität) einen ausgezeichneten Ruf erworben.

Nun geht der Luzerner Musiker einen grossen Schritt weiter: Der Fachbuchautor Koechli ist jetzt auch ein Romancier. «Dem Blues auf den Fersen» heisst sein belletristischer Erstling, der im deutschen Self-Publishing-Verlag Tredition erschienen ist.

Die Karte Blues

Letztlich geht «Dem Blues auf den Fersen» wohl auf einen vor einigen Jahren gefällten Entscheid zurück. Richard Koechli, bekannt geworden als Vertreter eines erdigen Schmelztiegelstils aus Blues, Folk, Rock und Country, beschloss, «für ein paar Jahre voll auf die Karte Blues zu setzen». Ein Lehrbuch resultierte daraus («Masters of Blues Guitar»), auch zwei in der Blues-Szene viel beachtete Alben («Howlin’ With The Bad Boys», «Still Howlin’»), auf denen Koechli den Pionieren des frühen Blues in seiner nachdenklichen, einfühlsamen Art die Ehre erwies.

«Dem Blues auf den Fersen» geht diesen Weg auf dem Feld der Literatur weiter. Der Gitarrist Koechli bleibt also auch als Romanautor bei seinen Leisten: bei der Musik, dem Blues, und im Speziellen einer ewigen Gretchenfrage: Worin besteht letzten Endes die Magie, das Geheimnis, der «Code» dieser genuin afroamerikanischen Musik, die als «kultureller Rohdiamant» (Koechli) einer unterdrückten Bevölkerung in kaum zu überschätzendem Ausmass die gesamte Rock- und Popmusik seit Mitte des 20. Jahrhunderts prägte.

Koechli erweist sich wie erwartet als kenntnisreicher Chronist und Interpret der teils mythisch verbrämten Bluesgeschichte. Zum anderen präsentiert er sich hier auch als engagierter Erzähler, der mit verspielter Leichtigkeit und mit Hilfe einer ziemlich verschachtelten epischen Konstruktion zwischen der eigentlichen Geschichte des Romans und seinem historischen Hintergrund hin- und herpendelt. Gewöhnungsbedürftig sind hingegen ein etwas forcierter Erzählstil und einige gewagte Metaphern und Wortgirlanden.

Der Protagonist: Loosli

Der Autor tritt dabei selber als Erzähler auf, der sich immer wieder einmischt – auch gegenüber den Protagonisten, zuvorderst seinem Helden namens Fred Loosli, einem Gitarristen aus dem Nordwesten der USA, mit dem sich der Autor in teils heftige Diskussionen verstrickt. Loosli ist nicht Koechli, aber doch eine Art Alter Ego mit durchaus autobiografischen Zügen des Autors. Demnächst soll Loosli an einem wichtigen Festival spielen, doch Selbstzweifel und Ängste nagen an ihm – und eben diese Suche nach dem wahren Kern dessen, was grosse (Blues)musik ausmacht. Man erfährt viel über die fragile Musikerseele, was sie blockieren kann, und wie sie sich (übrigens auch ohne vorgängiges Musikhochschulstudium) umgekehrt im richtigen Moment auf der Bühne zu Höhenflügen aufmachen kann.

Nebenher steuert Koechli einige feine Porträts und Apologien bekannter Blues­pioniere sowie späterer (weisser) Adepten bei: Son House, John Lee Hooker, J. J. Cale, Mark Knopfler, Eric Clapton oder Charlie Patton und andere: Alle finden sie ihren Platz in dieser Geschichte. Und schliesslich, in ihrer mystischen Zuspitzung gegen das Ende hin, einer der grossen Mythen des Blues, gemäss welcher der legendäre «King of the Delta Blues», Robert Johnson (1911–1937), seine Seele dem Teufel verkauft haben und im Gegenzug in die Geheimnisse des Blues eingeführt worden sein soll.

Doch dieses Buch treibt dem Blues den Teufel aus. Loosli begegnet Robert Johnson im Traum und macht ihn mit einem gewissen Ike Zimmerman bekannt, angeblich einer von Johnsons Lehrmeistern. Kann er den «Code», die Frage nach der Seele des Blues, knacken? Tatsächlich gibt der Roman darauf eine Antwort: keine platte, auch keine allzu abwegige. Sie reicht den Schlüssel zum «Code» an denjenigen weiter, der sich redlich darum bemüht – und setzt gleichzeitig doch auf die Hilfe einer gewissermassen metaphysischen «Vermittlung».

Persönlich und leidenschaftlich

Über den Blues, seine Geheimnisse und seine Heroen, gibt es längst Myriaden von Abhandlungen, neben historischen übrigens auch literarisch aufbereitete. Und doch ist «Dem Blues auf den Fersen» anders: ein gerade in seiner subjektiven Leidenschaftlichkeit ausserordentlich einnehmendes Buch zum Thema – und zur Essenz von Musik und des Musikmachens überhaupt.

Richard Koechli: Dem Blues auf den Fersen. Roman, Tredition Verlag, 2014. Erhältlich als Taschenbuch, Hardcover oder E-Book. 212 Seiten, zirka 44 Franken (Hardcover).