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BUCH: Neue Geschichte der Schweizer Musik

Endlich gibt es eine aktuelle Musikgeschichte der Schweiz: Der Obwaldner Angelo Garovi zeichnet von ihr ein erstaunlich farbiges Bild mit Blick auf andere Sparten.
Vielseitiger Wissenschaftler und Buchautor: der ehemalige Obwaldner Staatsarchivar Angelo Garovi. (Archivbild Neue LZ)

Vielseitiger Wissenschaftler und Buchautor: der ehemalige Obwaldner Staatsarchivar Angelo Garovi. (Archivbild Neue LZ)

Fritz Schaub

Eine «Musikgeschichte der Schweiz» gab es zuletzt vor 80 Jahren. Erstaunlicherweise erschien seit Antoine-Elisée Cherbuliez’ gleichnamigem Buch und trotz der grossen Umbrüche in den letzten Jahrzehnten kein vergleichbares Werk. Umso spannender ist, dass jetzt mit Angelo Garovi ein vielseitiger Wissenschaftler erneut den Versuch gewagt hat, wichtige Aspekte dieser schweizerischen Musikgeschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart darzulegen.

Zurück bis zu den Helvetiern

Dem 1944 geborenen Sohn des Innerschweizer Komponisten Josef Garovi (19081985) kam zugute, dass er sich nicht nur in der Musik auskennt, sondern als langjähriger Staatsarchivar des Kantons Obwalden auch in der Historie. Einen engen Bezug zur zeitgenössischen Musik hatte er als Musikredaktor des Schweizer Radios. Den unmittelbaren Anstoss zur vorliegenden Schrift aber gaben Vorlesungen, die er an der Universität Greifswald 2009 und 2012 gehalten hat. In diesen – und jetzt im Buch – nähert sich Garovi der Schweizer Musikgeschichte zeitgemäss aus europäischer Sicht und rückt sie damit in engen Zusammenhang mit dem Ausland.

Auf der Suche nach Spuren musikalischer Betätigung geht Garovi zurück bis in die Zeit der Helvetier. Sensationelle Funde in Erstfeld bezeugen die Kunstfertigkeit der Keltenstämme, die Instrumente wie die Kitara und die Lyra kannten. Eine spätrömische Wasser­orgel, die in Avenches gefunden wurde, weist auf ein hochstehendes Musizieren in der Hauptstadt der Helvetier hin.

Rund die Hälfte des nur 160-seitigen Buchs nimmt die Zeit in Anspruch, in der die Musik mit der Ausbreitung des Christentums vor allem im Dienste der Kirche, aber auch der Höfe stand und weniger Einzelpersonen im Mittelpunkt waren. Das geht vom gregorianischen Choral, der in den Klöstern der Schweiz besonders gepflegt und weiterentwickelt wurde, bis zu liturgischen Spielen, die im Luzerner Osterspiel europäische Bedeutung gewannen.

Von den Pfeifern zu Komponisten

Im Mittelalter herrschte in der Musik der Gesang vor, während Instrumentalmusik etwa der Pfeifer, Bläser und Trommler kaum in Noten aufgeschrieben wurde und erst im 18. Jahrhundert merklich zunahm. Weit verbreitet war dagegen schon damals die Orgelmusik. Im Hof zu Luzern wird erstmals 1412 ein Organist erwähnt. Mit der mehrstimmigen Musik wurde die Schweiz durch prominente ausländische Gäste am Konzil von Basel (14311449) bekannt. An diesem nahmen der Minnesänger Oswald von Wolkenstein und der damals berühmteste Musiker teil, der Flame Guillaume Dufay.

Den Schweizer Ludwig Senfl, der diese Kunst der Renaissance zum Abschluss führte, rückt Garovi an den Anfang einer langen Reihe von Schweizer Komponisten, die bis ins 21. Jahrhundert Mariengesänge komponierten. Nach dem in der Schweiz relativ spät vollzogenen Übergang zum Barock rückt Garovi stärker einzelne Komponistenpersönlichkeiten ins Zentrum, an denen sich solche Entwicklungen festmachen lassen. Dazu gehören im 18. Jahrhundert der komponierende Violinvirtuose Gaspard Fritz und die damals bedeutendsten Schweizer Komponisten Franz Xaver Dominik Stalder und Franz Joseph Leonti von Schauensee. Beide wirkten am Stift in Luzern und gelten als Vorläufer der Romantik und der Entdeckung der im 19. Jahrhundert aufkommenden Volksmusik und des Volkslieds.

Festspiel als Eigenart

Zu den eigenartigsten Kennzeichen der schweizerischen Musik gehört für Garovi das nationale Festspiel, das in Utopien von Gottfried Keller und dem in Zürich weilenden Richard Wagner erste Umrisse annahm. Es waren nicht etwa Randfiguren der Musikgeschichte, die Festspielmusiken schrieben, sondern im 20. Jahrhundert so bedeutende Komponisten wie Arthur Honegger und Frank Martin. Garovi zeigt, wie sich diese Tradition bis ins 21. Jahrhundert (Expo.02) fortsetzte in einem Ausmass, wie es ausserhalb der Schweiz nicht zu finden ist.

So gibt diese leicht lesbare Musik­geschichte nicht nur einen guten Überblick, sondern setzt durchaus aktuelle und persönliche Akzente. Die erwähnte europäische Perspektive zeigt sich darin, dass Garovi eine lange Reihe von Komponisten ausführlich zur Sprache bringt, die sich von Mendelssohn bis Rachmaninow gastweise in der (Zentral-)Schweiz aufhielten und schöpferisch tätig wurden. Dem Wandel der Rolle der Frauen trägt Garovi Rechnung, indem er nicht weniger als acht Seiten Komponistinnen (darunter die Luzernerin Hedy Salquin und die Genferin Fernande Peyrot) widmet. Die Internationalen Musikfestwochen Luzern (heute Lucerne Festival) erhalten als Festival von (inter-)nationaler Bedeutung ihren gebührenden Stellenwert. Nichtklassische Sparten wie Rock- und Popmusik, Filmmusik, Blasmusik, Jazz und Volksmusik werden im Schlusskapitel allerdings nur kurz – thematisiert.

Farbige Komponistenszene

Näher zur Gegenwart wird die Zahl der erwähnten Komponisten immer umfangreicher. Man vermisst dabei eigentlich keinen bekannten Namen bis hinein in die jüngste Gegenwart, die mit Klaus Huber, Heinz Holliger, Rudolf Kelterborn, Rolf Urs Ringger, Beat Furrer oder Alfred Zimmerlin vertreten ist. Wie breit das Stilspektrum ist, belegen allein schon die Komponisten mit Bezug zur Innerschweiz, wo die Reihe von Hansruedi Willisegger und Peter Benary über Urban Mäder bis zu Dieter Ammann und Michel Roth reicht. Wer Porträts und eine stilistische Einordnung erwartet, wird freilich enttäuscht, dazu fehlt doch der Raum.

Sehr einleuchtend beschreibt Garovi, wie sehr sich diese heutige Komponistenszene unterscheidet von jener der seriellen Musik der 50er- und 60er-Jahre. Der Autor hat am Schweizer Radio früh aufgezeigt, wie vielseitiger die Komponistenszene geworden ist. Das Buch bekräftigt, wie sich diese Tendenz hin zu einer viel persönlicheren und emotionaleren Schreibweise fortsetzt bis heute.

Angelo Garovi: Musikgeschichte der Schweiz, 160 Seiten, Stämpfli Verlag, Bern, Fr. 19.90.

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