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BUCH: Trübe Gedanken einer Krähe

In «Munin oder Chaos im Kopf» vermengt Monika Maron einen Aufruhr mit Parallelen zum Dreissigjährigen Krieg.
Valeria Heintges
Bild: PD

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Mina Wolf erhält den Auftrag, zum 1000-Jahr-Jubiläum einer westfälischen Kleinstadt einen Aufsatz zum Dreissigjährigen Krieg zu schreiben. Dafür braucht sie Ruhe. Aber die ist dahin, seit sich im Haus gegenüber eine Sängerin eingenistet hat, oder besser: eine Frau, die sich für eine Sängerin hält, in Wirklichkeit aber mit ihrem Gekreisch auf dem Balkon die Nachbarschaft gegen sich aufbringt.

Wer in der Nacht arbeitet, vereinsamt. Auch Mina Wolf würde vereinsamen, wäre da nicht die einbeinige Krähe Munin. Munin wird vom Hundefutter ins Haus gelockt und macht es sich schliesslich in der Ecke des Wohnzimmersessels bequem. Da hockt Munin nun – und redet. Jedenfalls kann sie Mina Wolf hören und mit ihr diskutieren, über Menschen, Tiere und Götter. Und ob ein Fortschritt zu sehen ist in der Geschichte der Menschheit. Charmanterweise ist die Grundlage für Minas Wissen über Vögel ein Büchlein mit Namen «Krähengekrächz» – eine Selbstreferenz, das Buch hat Monika Maron 2006 selbst veröffentlicht. Nun also «Munin oder Chaos im Kopf», in dem Maron ausführlich, genau und in gewohnt hoher sprachlicher Qualität berichtet, wie ihre Recherchen über den Dreissigjährigen Krieg sie immer mehr zu der Einsicht kommen lassen, «dass nichts vorbei war, dass die Gewalt, Rohheit, Dumpfheit auch uns wieder erobern könnte», sie fürchtet mithin zunehmend, selbst in einer Vorkriegszeit zu leben. Damals wie heute sehe man Verunsicherung, damals wie heute «religiös verbrämte Herrschaftskämpfe, wechselnde und undurchschaubare Bündnisse».

Ausländerfeindlich und islamophob

Manches an Marons düsteren ­Gedanken fasziniert, manches stimmt – auch wenn sie als Quelle für den Dreissigjährigen Krieg ein Werk von Cicely Veronica Wedgwood nutzt, das vor 80 Jahren erschienen und somit aus Historikersicht als Dinosaurier längst überholt ist. Und auch wenn Monika Maron in ausländerfeindlicher Manier ihre Islamophobie pflegt, aus der sie auch in Interviews und Essays, etwa im Juni 2016 in der NZZ unter dem Titel «Links bin ich schon lange nicht mehr», keinen Hehl macht.

So verflüchtigt sich die anfängliche Hoffnung, die Autorin würde sich nicht ganz so ernst nehmen und auch ein wenig ­Ironie einfliessen lassen. Maron schildert minutiös die kleine Revolution in der Strasse, samt diversen Zusammenkünften, Übereinkommen und nachbarschaftlicher Piesackerei. Doch lässt das Buch insgesamt einen schalen Geschmack zurück, weil Marons Argumentation, die zuweilen eher an Essays als an Belletristik erinnert, auf allzu tönernen Füssen steht. Von wirklich guter Literatur darf man eine differenziertere Sicht der Dinge erwarten. Und keine Wutrede mit allzu vorhersehbarem Ende.

Valeria Heintges

David Eagleman, Pantheon-Verlag 2018, 224 S., Fr. 24.–

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