BUCHBESPRECHUNG: Dritter Krimi aus Emmenbrücke: «Vor der Zeit»

Beat Portmanns «Vor der Zeit» bietet selbst geübten Krimilesern einiges zum Brüten: Die Handlung orientiert sich an Religionsthrillern à la Dan Brown, die Form entspricht einem Buch im Buch im Buch.

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Auch die Handlung von Beat Portmanns drittem Streich startet in Emmenbrücke. (Bild: PD)

Auch die Handlung von Beat Portmanns drittem Streich startet in Emmenbrücke. (Bild: PD)

Im dritten Teil seiner Emmenbrücke-Krimitrilogie spielt Beat Portmann mit einer bedenkenswerten These: Wenn sich vor 1000 Jahren Islam, Christentum und Judentum verschwistert hätten, wären der Welt nicht nur Kriege, sondern auch Seuchen erspart geblieben.

Und wäre den Anhängern der jeweiligen Glaubensrichtungen die Gemeinsamkeiten ihrer Religionen bewusst, unreflektierte gegenseitige Pauschalverteufelungen kämen nicht mehr vor und so etwas wie das Minarettverbot wäre undenkbar.

Im Buch steht die epochemachende Enthüllung unmittelbar bevor: Der Mittelalterforscher Ralph Thelmann kündigt an, er habe ein historisches Dokument ausfindig gemacht, das eine Übereinkunft der Religionsführer von Judentum, Christentum und Islam beweise. Kurz darauf wird er entführt - angeblich von Salafisten, für welche so eine Verbrüderung Blasphemie wäre.

Klischees - scheinbar

Hier gerät der Ich-Erzähler ins Spiel, den Leser aus den Vorgängerbüchern «Durst» und «Alles still» kennen: ein dem Alkohol und Cannabis zugetaner Schriftsteller, der nur Krimis «nach der Wahrheit» schreiben kann und sich deshalb detektivisch betätigen muss. Diesmal braucht er sich seinen Fall nicht einmal aktiv zu beschaffen, er wird ihm von einem anonymen Bewunderer und Mäzen angetragen: die Suche nach Thelmann und dem Dokument.

Der Autor wird nach Sizilien geschickt, wo er «zufällig» einer früheren Weggefährtin begegnet, die vom selben Thema umgetrieben wird. Die Befreiung des Wissenschaftlers verläuft erstaunlich unspektakulär. Doch anscheinend sind auch Schweizer Anti-Islamisten am Verschwinden der Schrift interessiert. Sie wird abwechslungsweise gestohlen, als Fälschung entlarvt, zum Kauf angeboten, vernichtet, wieder aufgespürt und so weiter und so fort.

Spiel mit der Realitätsfiktion

Dabei wimmelt es geradezu von unglaublichen Zufällen: Wäre da nicht der anspruchsvolle Schreibstil von Portmann, man würde diesen Plot für das Machwerk eines Dilettanten halten. Um soviel vorwegzunehmen: Das ist er auch, ersonnen von einem, der gern Gott spielt und aus Wirtschaftskreisen stammt, die kein Interesse am Religionsfrieden haben.

Der Strippenzieher ist ein ehemaliger Mitarbeiter von Marc Rich, wie es im Buch heisst, aber offensichtlich fiktiv: ein unermesslich reicher, unglaublich fetter, menschenverachtender Manipulator.

Die Vermischung realer Figuren und Ereignisse mit fiktiven ist charakteristisch: Real sind etwa der «Club Helvétique», der sich für eine weltoffene Schweiz einsetzt und die islamfeindliche Internet-Bewegung «Crusaders». Auch die historischen Ereignisse rund um die mysteriöse interreligiöse Zusammenkunft sind belegt: Portmann weist seine wissenschaftlichen Zitate minutiös nach.

Bis zuletzt spielt die Geschichte mit der Fiktion, wahr zu sein: Offeriert werden zwei Enden, ein «erfundenes» und ein «wahres». Und wer genau liest, merkt, dass das «erfundene» weder vom Ich-Erzähler noch dem Strippenzieher stammt, sondern von einer dritten Figur. Das ist eine weitere von vielen Finessen, die dieses Buch zu einem Leckerbissen für verwöhnte Krimifans machen.

Beat Portmann: «Vor der Zeit». Limmat Verlag Zürich 2014, 205 Seiten, Fr. 34.50 (UVP)

sda