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BUCHBIOGRAFIE: Der Bundesrat, der zu viel wollte

Seine politische Karriere war steil, seine Stimmenzahlen bei den Bundesratswahlen traumhaft. Dann aber stolperte Arthur Hoffmann 1917 über seinen eigenen Ehrgeiz.
Kaiser Wilhelm II. und Bundesrat Arthur Hoffmann (rechts) im Gespräch an den «Kaisermanövern» 1912. (Bild: Staatsarchiv St. Gallen)

Kaiser Wilhelm II. und Bundesrat Arthur Hoffmann (rechts) im Gespräch an den «Kaisermanövern» 1912. (Bild: Staatsarchiv St. Gallen)

Was bleibt in Erinnerung von der Amtszeit von Bundesrätin Elisabeth Kopp? Richtig, ihr Rücktritt im Januar 1989. Ähnlich liegt der Fall bei Arthur Hoffmann, der als Schweizer Aussenminister am 19. Juni 1917 zurücktreten muss. Die Karriere eines Mächtigen, vielleicht sogar Übermächtigen kommt da abrupt an ihr Ende.

Wohl in keinem andern Fall liegen Höhen und Tiefen so weit auseinander wie beim St. Galler Arthur Hoffmann. Mit 186 (von 195) Stimmen wird der Freisinnige am 4. April 1911 in den Bundesrat gewählt, sogar einstimmig wird er 1914 am Ende seines Präsidialjahres wiedergewählt. Den Bundesrat dominiert er weitgehend und macht zuweilen ganz, was er will. Durch die vom Parlament beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs ihm ­übertragenen Vollmachten verfügt er über eine ­beispiellose Machtfülle.

Er wollte eine Rolle auf der Weltbühne spielen

Der Ostschweizer Paul Widmer, während Jahrzehnten selber als Diplomat tätig, nimmt sich in seiner Biografie des Mannes an, der über eine diplomatische Affäre gestürzt ist. Und obwohl neben ein paar Briefen an seine Frau kein Nachlass über seine persönlichen Beweggründe Auskunft gibt, ist Widmer in den Archiven fündig geworden. Er erzählt von einem Mann, der auf der Weltbühne eine grössere Rolle spielen wollte, als es der neutralen Schweiz zustand. «Wenn sein Ehrgeiz angestachelt war, schien er das Augenmass zu verlieren.»

Macht hat in der Familie Hoffmann Tradition. Der 1857 geborene Arthur Hoffmann ist Spross einer St. Galler Advokatendynastie. Mit seinem Vater Karl sitzt er im Kantonsparlament, als Ständerat wird der Vater gar in den Bundesrat gewählt. Doch Karl Hoffmann nimmt die Wahl nicht an, wohl wegen einer Krankheit seiner Frau.

Der Sohn ist ähnlich ehrgeizig wie der Vater. Und ebenso verschlossen. Seine Kinder beschreiben ihn in einer Gedenkschrift so: «Er war ein Müssender, ein Getriebener, ohne sich deutlich dar­über bewusst zu sein. Jede Stunde des Tages war für ihn ein: Hier stehe ich und kann nicht anders.» Rasch steigt er auf, im Zivilen und im Militär, wo er den umstrittenen Korpskommandanten Ulrich Wille schätzen lernt. Anerkannt wird er weit über die Parteigrenzen hinweg. «Wenn je einmal der Mann nicht das Amt, sondern das Amt den Mann gesucht hat, so ist es hier der Fall», kommentiert denn auch Emil ­Buomberger in der katholischen «Ostschweiz» Hoffmanns unbestrittene Wahl in den Bundesrat.

Zur Höchstform läuft er 1914 auf – als Bundespräsident. Es ist der Beginn des Ersten Weltkriegs. In einem gewagten Manöver überredet er seine Bundesratskollegen, Ulrich Wille als General vorzuschlagen, und setzt dann das Parlament unter Druck. Wohl auf Hoffmanns Rat hin bringt Wille seinen ungleich beliebteren Konkurrenten, Generalstabschef Theophil Sprecher von Bernegg, dazu, auf eine Wahl zu verzichten. «Bundesrat Hoffmann ist derjenige, mit dem ich alles immer durchbespreche», schreibt Wille in einem Brief an seine Frau, «und wenn ich schon weiss, dass der kleine kluge Mann ebenso kalt ist wie ich warm, so weiss ich doch, dass er mich versteht.»

Einmal zu viel hat er sich eingemischt

Warum hat Hoffmann diesen Mann um jeden Preis durchgedrückt? Weil sie beide deutschfreundlich sind? So lautet der Vorwurf. Widmer geht davon aus, dass Hoffmann, der 1912 in der Ostschweiz in den «Kaisermanövern» auch dem deutschen Kaiser Wilhelm II. begegnet, durchaus eine Nähe zum grossen Nachbarn im Norden empfindet. Er stellt aber auch fest, dass Hoffmann sich, als er von 1914 an als Aussenminister amtet, um strikte Unparteilichkeit bemüht.

Öffentlich verteidigt Hoffmann die Neutralität in allen ­Debatten. Insgeheim aber sucht er nach Wegen für einen Friedensschluss. Denn die Schweiz hat immer grössere Schwierigkeiten, Lebensmittel zu importieren. Sogar eine Hungersnot droht. Und der persönliche Grund: Hoffmann will eine bedeutendere Rolle auf der weltpolitischen Bühne spielen. Das eine Mal konferiert er mit französischen Oppositionellen, das andere Mal düpiert er den US-Präsidenten.

Als SP-Nationalrat Robert Grimm 1917 ins revolutionäre Russland reisen will, unterstützt er dieses Anliegen und ­verknüpft damit einen Versuch, zwischen der deutschen und der neuen russischen Regierung einen Separatfrieden anzubahnen. Als die Geheimaktion öffentlich wird, muss Hoffmann den Hut nehmen – am Tag nach seinem im Bundeshaus lebhaft gefeierten 60. Geburtstag. Deutschlands Gegner sind erzürnt, die Schweizer Aussenpolitik ist diskreditiert.

So endet jäh, was so glanzvoll begonnen hat. Ein Betriebsunfall war es nicht. Denn, schreibt sein Biograf: «Was ihm zustiess, lief eher nach dem Motto: Der Krug geht zum Brunnen, bis er bricht.»

Rolf App

kultur@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Paul Widmer: Bundesrat Arthur Hoffmann – Aufstieg und Fall. NZZ Libro, 373 S., Fr. 53.–.

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