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BUCHTIPPS: Vier Krimis, die etwas ganz Besonderes sind

Keine Serienkiller, keine Ritualmorde, keine kochenden oder depressiven Kommissare. Die besten Krimis dieses Frühjahrs bieten originelle Storys, ohne die klassische Spannung zu vernachlässigen. Und sie könnten unterschiedlicher kaum sein.
Arno Renggli
Shari Lapena: The Couple Next Door. Lübbe Paperback, 352 Seiten, ca. Fr. 23.– (Bild: PD)

Shari Lapena: The Couple Next Door. Lübbe Paperback, 352 Seiten, ca. Fr. 23.– (Bild: PD)

Arno Renggli

arno.renggli@luzernerzeitung.ch

Spätestens seit «Girl on a train» und «Gone girl» weiss man, dass englischsprachige Thrillertitel auch im deutschen Sprachraum ziehen. Soeben erschienen ist «The couple next door». Dies ist der Erstling der Kanadierin Shari Lapena. Und er wurde nach grossem Erfolg in den USA auch bei uns mit vielen Vorschusslorbeeren versehen. Nicht zu Unrecht.

Hat ein Elternteil das Baby entführt?

Schon der Beginn ist furios: Das Ehepaar Anne und Marco kommt nach einem feuchtfröhlichen Abend bei den Nachbarn nach Hause und findet das Babybettchen leer. Dabei haben die beiden doch abwechselnd jede halbe Stunde nach dem Töchterchen geschaut. Es ist ein Albtraum für die beiden. Oder nur für einen von ihnen? Weil der andere in die Sache verwickelt ist?

So mutmasst zumindest die Polizei. Die Nachbarn scheinen auch nicht ganz koscher, zumindest die Frau, die an dem ominösen Abend heftig mit Marco geflirtet hat. Und da sind auch noch Annes Eltern, die dem Schwiegersohn alles andere als gut gesinnt sind. Die bange Frage, was mit dem Baby geschehen ist, steht zunächst im Vordergrund.

Aber noch vor der Hälfte des Buches nimmt die Story eine originelle Wendung. Denn eine der Hauptfiguren ist tatsächlich in den Babyraub involviert, nur ist das Ganze total ausser Kontrolle geraten. In der Folge verfolgt der Leser gespannt die Ermittlungen der Polizei, aber auch, wie der Mittäter verzweifelt versucht, die Sache wieder auszubügeln. Das funktioniert erzählerisch ausgezeichnet und führt zu vielen Wendungen, auch wenn am Ende die ganze Konstruktion ein bisschen übers Ziel hinausschiesst. Ein kleiner Abstrich in einem sehr unterhaltsamen Thriller.

Ermittlungen als Stafettenlauf

Einen ungewöhnlichen Ansatz hat der aus Transsilvanien stammende Amerikaner E. O. Chirovici in «Das Buch der Spiegel» gewählt – eine Art Stafettenlauf der Erzähler: Ein Literaturagent erhält das Buchfragment eines Autors, der darin über die Ermordung eines berühmten Psychologieprofessors vor 25 Jahren schreibt. Das Fragment bildet das erste Drittel des Romans und zeigt, wie der Autor als Student zusammen mit einer Kommilitonin in den Bann des genialen Professors gerät. Es endet abrupt.

Der Agent will wissen, wie die Story weitergeht, um einen Bestseller daraus zu machen. Er beginnt zu ermitteln, um den Stab dann einem Reporter zu überreichen. Dieser macht weiter, zieht aber einen pensionierten Polizisten bei, der im letzten Viertel des Buches der Erzähler ist.

So kommt Schritt für Schritt Licht in die damaligen Ereignisse. Es ist für die Ermittler schwierig und für die Leser spannend, dass sich Informationen widersprechen oder in den Erinnerungen der Involvierten unterschiedlich gedeutet werden. Das passt zum psychologischen Kontext, der die Figuren mit Tiefenschärfe zeigt. Natürlich ahnt man bald, dass mindestens eine Hauptfigur lügt. Der Spannungsbogen hält bis zur finalen Auflösung. Der Zufall, dass mehrere verdächtige Figuren nacheinander am damaligen Tatort auftauchten, ist wohl eine Konzession ans konventionelle Thrillergenre. Was angesichts des hochklassigen Krimis nicht zwingend nötig gewesen wäre.

Rache einer Lehrerin löst fatale Ereigniskette aus

Eine besondere Geschichte hat sich auch Kanae Minato für den Roman «Geständnisse» ausgedacht. Dieser erschien in ihrer Heimat 2008 und sorgte dort, wie die folgende Verfilmung, für Furore. Auch Minato operiert mit sich folgenden Erzählperspektiven verschiedener Hauptfiguren.

Die ersten 60 Seiten beinhalten die Worte, welche die Lehrerin Moriguchi direkt an ihre Klasse richtet. Ihre kleine Tochter ist ertrunken. Moriguchi macht klar, dass dies kein Unfall war, sondern dass zwei Schüler der Klasse ein Verbrechen verübt haben. Deren Namen kenne sie, wolle sie aber vor der Klasse nicht nennen. Stattdessen enthüllt Moriguchi, dass die Rache bereits vollzogen sei, indem sie die beiden mit dem HI-Virus infiziert habe.

Diese Mitteilung löst unter den Mitgliedern der Klasse eine Kaskade von dramatischen Ereignissen aus. Erzählt werden diese nun von anderen Figuren, darunter auch die beiden Täter, welche völlig unterschiedlich darauf reagieren. Die Geschichte nimmt einige Wendungen, das letzte Wort hat die Lehrerin.

Der Roman zeigt verstörende Abgründe – Psychogramme von Menschen, die aufgrund der familiären oder gesellschaftlichen Hintergründe eine erschreckende Abgestumpftheit und Gewaltbereitschaft an den Tag legen. Der Erzählstil mit den verschiedenen Sichtweisen funktioniert gut, zumal jede von ihnen zusätzliche Informationen und Aspekte in die Story einbringt. Indes kommt sie nicht ganz ohne Wiederholungen aus, was vielleicht die einzige Schwäche dieses ungewöhnlichen Thrillers ist.

Ein Sheriff versucht, kühlen Kopf zu bewahren

Zum Schluss sei noch der Roman «Auf die sanfte Tour» von US-Autor Castle Freeman empfohlen. Aufgrund seiner Kürze und der linearen Erzählweise könnte man ihn als Krimi-Novelle bezeichnen. Hauptfigur ist Sheriff Wing, der in seinem beschaulichen District im Bundesstaat Vermont mit einem seltsamen Fall konfrontiert wird: Ein berüchtigter junger Taugenichts ist in eine abgelegene Villa eingebrochen.

Dummerweise gehört sie einem russischen Milliardär. Übel ist auch, dass der Dieb einen Safe mit brisantem Inhalt mitnahm. Der Oligarch macht klar, dass er den Safe sofort zurückhaben will. Und schickt zur Bekräftigung seine Schläger los. Doch Hektik ist nicht Sheriff Wings Stil. Er zieht es vor abzuwarten, wie sich die Dinge entwickeln. Und dem Taugenichts eine Chance zu geben, zur Vernunft zu kommen. Was nicht im Sinne seines übereifrigen Deputys ist. Und so gerät alles etwas ausser Kontrolle.

Der Krimi mit dem Sheriff, der seine Mitbürger und Pappenheimer wohl kennt, sprüht vor Klugheit und Humor, ohne die Spannung zu vernachlässigen. Die coole Erzählweise und die tollen Dialoge tragen zum Lesevergnügen bei. Hinzu kommt manch skurrile Szene, etwa als Wing bei der Observation des jungen Übeltäters unverhofft herausfindet, dass seine Frau ihn mit diesem betrügt. Aber sogar dadurch lässt er sich nicht wirklich aus der Ruhe bringen. Und bringt auch diese Sache mit Besonnenheit zum guten Ende.

E. O. Chirovici: Das Buch der Spiegel. Goldmann, 384 Seiten, ca. Fr. 29.– (Bild: PD)

E. O. Chirovici: Das Buch der Spiegel. Goldmann, 384 Seiten, ca. Fr. 29.– (Bild: PD)

Kanae Minato: Geständnisse. C. Bertelsmann, 270 Seiten, ca. Fr. 25.– (Bild: PD)

Kanae Minato: Geständnisse. C. Bertelsmann, 270 Seiten, ca. Fr. 25.– (Bild: PD)

Castle Freeman: Auf die sanfte Tour. Nagel & Kimche, 186 Seiten, ca. Fr. 27.– (Bild: PD)

Castle Freeman: Auf die sanfte Tour. Nagel & Kimche, 186 Seiten, ca. Fr. 27.– (Bild: PD)

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