BÜCHER: Das Bücherregal hat ausgedient

Überfüllte Bücherregale dürften bald der Vergangenheit angehören. E-Books sind auf dem Vormarsch – und sogar die Lese-Flatrate kommt.

Michael Graber
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Überfüllte oder gut gefüllte Bücherregale, wie hier im Thomas Mann-Archiv in Zürich, könnten bald der Vergangenheit angehören. (Bild: Keystone / Gaetan Bally (Archiv))

Überfüllte oder gut gefüllte Bücherregale, wie hier im Thomas Mann-Archiv in Zürich, könnten bald der Vergangenheit angehören. (Bild: Keystone / Gaetan Bally (Archiv))

Flatrate meint: einmal zahlen, alles kriegen. Flatrate-Abos gibt es, Flatrate-Partys, und widerwärtigerweise sogar Bordelle bieten dieses Modell mittlerweile an. Und auch in Verlegerkreisen hat man es derzeit öfters mit diesem Wort zu tun. Immer mehr Anbieter drängen mit einer E-Book-Flatrate auf den Markt. «Skoobe» gibt es bereits, «readfy» folgt in diesen Tagen. Gegen eine (abstufbare) Grundgebühr ist so eine recht breite Palette an Büchern dauerhaft verfügbar. Alles, was es braucht, ist ein Tablet oder ein Smartphone und eine gelegentliche Internetverbindung. Oftmals ist das Angebot beschränkt, man kann also nicht mehr als eine bestimmte Anzahl von Büchern gleichzeitig auf sein Gerät laden.

Vergleichbar mit Spotify

Im Prinzip ist das nichts anderes als vergleichbare Angebote im Musikbereich, die schon deutlich länger auf dem Markt sind. Spotify und Co. sind grosse Erfolgsgeschichten und ermöglichen Zugriff auf eine gigantische Online-Bibliothek mit Musik aus allen Sparten. Wie so häufig gibt es aber dabei nicht nur Gewinner. Während die Macher solcher Apps abkassieren, beklagen sich viele der Künstler über ausbleibende Erlöse. So klagte etwa der Innerschweizer Musiker Reto Burrell in dieser Zeitung: «Wenn ein Musiker ein Sandwich essen und ein Cola trinken will, brauchte er dafür einen Gegenwert von 44 400 ­Streams. Um ein Existenzminimum von 2800 Franken zu erreichen, müsste er monatlich über 10 Millionen Streams generieren können.»

Genau bei solchen Rechenbeispielen wird es wohl auch einigen Autoren mulmig. Richtig leben vom Schreiben können sowieso nur die wenigsten. Wenn dann aber die Werke auch noch in solchen Modellen angeboten werden, springt fast gar nichts mehr heraus.

Einige Widrigkeiten

Die Macher der E-Book-Flatrate-Angebote argumentieren anders: Sie würden so auch Leute erreichen, die sonst nur wenig lesen. Zumal die E-Book-Angebote zwar auf dem Vormarsch sind, aber wegen einiger Widrigkeiten zumindest in Europa den ganz grossen Durchbruch noch nicht geschafft haben. So gibt es beispielsweise immer noch kein einheitliches Dateiformat, das mit allen Readern und sonstigen Lesegeräten kompatibel ist. Ebenfalls wird oft ins Feld geführt, dass ein E-Book im Verhältnis zum gedruckten Produkt zu viel koste. Gerade bei aktueller Literatur mag dieser Vorwurf sogar stimmen. Anders als beim Musikmarkt sind die Preise online doch recht nahe an jenen in einer Buchhandlung.

Dagegen kann man bei «Skoobe» für 10 Euro im Monat beliebig viele Bücher «ausleihen». Sprich: bis zu drei gleichzeitig. Dann muss man eines zurückgeben, um wieder ein neues herunterzuladen. Etwas populistischer ausgedrückt: drei Seiten gelesen, keine Lust mehr, weggeklickt, neues Buch bestellt. Wertschätzung sieht anders aus.

Vielleicht ist dies auch mit ein Grund, warum sich in Europa noch eine Vielzahl von Verlagen dagegen sträuben und bei den Flatrate-Angeboten nicht mitmachen. Im Gegensatz zu einer Bibliothek, in welcher Bücher nach einem gewissen Gebrauchsgrad wieder neu angeschafft werden – wer will schon Eselsohren und Kaffeeflecken in seinem Buch –, können E-Books ohne Schaden beliebig oft weitergegeben werden.

Bibliotheken mit anderem Modell

Diese und andere Bedenken spüren aber nicht nur Flatrate-Apps-Hersteller, sondern auch die klassischen Bibliotheken. In der Zentralschweiz haben sich mehrere Institutionen zusammengeschlossen und bieten die «Digitale Bibliothek Zentralschweiz» (DiBiZentral) an. Mit einem gültigen Bibliotheksausweis kann man bequem per Mausklick Bücher ausleihen. Online ist das Angebot seit letztem Juni, und bereits gab es über 70 000 digitale Ausleihen. «Das Angebot ist attraktiv, allerdings gibt es auch Verlage, die nicht mitmachen wollen», sagt Jörg Müller, Fachverantwortlicher Elektronische Medien an der Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern (ZHB). Er selber könne das nicht ganz nachvollziehen, zumal die Bibliothek ja auch für jedes Exemplar bezahle. Anders als bei Flatrate-Angeboten kann ein Buch immer nur dann ausgeliehen werden, wenn es verfügbar ist, also wenn es nicht gerade ein anderer Benutzer ausgeliehen hat. Mit Mehrfachlizenzen lässt sich jedoch die Verfügbarkeit auch von viel gelesenen Titeln erhöhen.

Warum musste es 2013 werden, bis sich die Bibliotheken zu DiBiZentral zusammengeschlossen haben? Müller: «Während im wissenschaftlichen Bereich das E-Book seit längerem präsent ist, hat die Nachfrage nach Belletristik und allgemeinbildender Literatur später eingesetzt, nimmt jetzt aber stark zu – wohl auch durch das grössere und günstigere Angebot an mobilen Geräten. Anders als bei Musik ist jedoch beim Buch von einem Nebeneinander von analoger und digitaler Form auszugehen.»

Bei der Anschaffungspraxis der Bücher steht die Bibliothek vor der Herausforderung, dass die beschränkten Mittel keine durchgehende Doppelstrategie Print/Elektronisch erlauben: «Das E-Book-Angebot wird ausgebaut, aber es gilt auch, dem Versorgungsauftrag des nach wie vor stark gefragten Printbestandes nachzukommen», so Müller. Das E-Book biete natürlich grosse Vorteile, ersetze jedoch das gedruckte Buch keineswegs. So wird man auch in Zeiten von Online-Ausleihe künftig in die Bibliothek oder in die Buchhandlung gehen. Das ist eigentlich auch nicht sonderlich schlimm. Gerade dort kann man dank fachkundiger Hilfe einfacher Lese-Perlen finden als in gigantischen App-Datenbanken. Flatrate hin oder her.

Project Gutenberg: Klassiker frei erhältlich

Digitale Bibliothek mg. Mal wieder «Woyzeck» lesen? Oder «Faust»? Oder gar «Kabale und Liebe»? Alles Werke, durch die man sich in der Schule eher gekämpft denn gelesen hat, die es aber mehr als wert sind, sie ohne jede Prüfung noch einmal zu lesen. Jetzt kann man in die Buchhandlung um die Ecke springen oder im Internet auf das «Project Gutenberg» surfen. Das amerikanische Projekt, benannt nach dem Erfinder des Buchdrucks, stellt Bücher in digitaler Form gratis zur Verfügung, bei denen nach amerikanischem Recht das Copyright – meist 70 Jahre nach dem Tod der Autoren – abgelaufen ist (was nicht zwingend heissen muss, dass das in allen Ländern so ist). Dementsprechend findet man viele Klassiker zum freien Download, aber auch einige weitere Bücher, für deren Publikation die Macher teils die Erlaubnis der Autoren eingeholt haben.

Ableger in Deutschland
In Deutschland gibt es einen Ableger des Projekts, das «Projekt Gutenberg DE», das sich hauptsächlich um deutschsprachige Literatur kümmert. Im Gegensatz zum amerikanischen Original sind die Werke allerdings nicht kostenlos verfügbar, sondern als kostenpflichtige Gesamtausgaben auf CD oder Stick. Beim «Project Gutenberg» findet man allerdings auch eine beachtliche Zahl an deutschen Werken – neben E-Books auch Hörbücher oder gescannte Originalbücher. Auch die Bibliotheken der Zentralschweiz haben sich zu einem Verbund (Digitale Bibliothek Zentralschweiz) zusammengeschlossen und bieten einen Download-Service an – allerdings können die Bücher dort nur geliehen werden.

www.gutenberg.org
www. gutenberg.spiegel.de
www.dibizentral.ch