BÜCHER: Zensur oder Notwendigkeit?

Die «Kleine Hexe» wird politisch korrekt umgeschrieben. Was zu Entrüstung führt, ist längst bei «Rotkäppchen» passiert.

Michael Graber Michael Graber
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Keine Angst: So viel wird sicherlich beim «Rotkäppchen» nie zensiert werden. (Bild: Grimms Märchen/Bild Getty/Bearbeitung nos)

Keine Angst: So viel wird sicherlich beim «Rotkäppchen» nie zensiert werden. (Bild: Grimms Märchen/Bild Getty/Bearbeitung nos)

«Shitstorm» nennt man das neuerdings, was über den Thienemann-Verlag hereinbrach: Die Mailboxen der Mitarbeiter wurden geflutet mit Nachrichten – meist mit wüsten Beschimpfungen.

Dabei wollten die Verantwortlichen doch nur Gutes: Sie haben «Die kleine Hexe» von Otfried Preussler leicht angepasst. Künftig – die Neuauflage erscheint erst im Sommer – kommt darin kein «Neger» mehr vor, und auch «durchgewichst» wird nicht mehr.

Wohlgemerkt: Alles passiert in Abstimmung mit der Familie Preussler, und der Verlag versichert auch, dass die Geschichte nicht verändert wird, sondern eben nur den heutigen Sprachgepflogenheiten angepasst.

«Das wird man doch sagen dürfen»

Jetzt stecken hinter den Verteidigern vom Negerlein (so kommt das Wort im Buch vor) sicherlich nicht nur renitente Rassisten, die sich hinter dem Argument «das wird man wohl noch sagen dürfen!» verstecken. Unter den Mailschreibern dürften vor allem solche sein, die sich auf die Tradition berufen und sich im weiteren Sinne gegen eine politisch korrekte Sprache stellen.

Es ist tatsächlich so: Neger sagt heute niemand mehr – völlig zu Recht. Der Begriff ist im modernen Sprachgebrauch verletzend und abwertend. Wer das Wort verwendet, outet sich als Ewiggestriger und Rassist. Auch wird heute niemand mehr «durchgewichst». Das steht übrigens für verprügeln. Wichsen heute meint auch nicht mehr Schuhe putzen, sondern ist der ordinäre Bruder von onanieren.

Als Otfried Preussler die «Kleine Hexe» schrieb, war der Neger aber ebenso gebräuchlich wie das Durchwichsen. Und viele, die sich auf den Standpunkt stellen, man dürfe das Buch nicht verändern, argumentieren damit, dass Bücher halt ein Zeitdokument seien. Auch wenn es sich um Kinderbücher handle.

Auch Kasperli war betroffen

Die Diskussion ist nicht neu, auch Globi-, Kasperli- und andere Bücher wurden schon überarbeitet. Die Märchen der Brüder Grimm wurden ebenfalls nicht verschont: Dort wurde unter anderem aus der «kleinen, süssen Dirne» ein «kleines, süsses Mädchen». Die Dirne war lange ein gebräuchliches Wort für eben «Mädchen», wird heute aber hauptsächlich abwertend für Prostituierte verwendet.

Und beim Klassiker schlechthin, «Pippi Langstrumpf», kommen in der deutschen Fassung seit 2009 keine Neger und Zigeuner mehr vor – eine Änderung, die Autorin Astrid Lindgren zu Lebzeiten stets untersagt hatte; erst ihre Nachfahren liessen sich schliesslich vom Verlag dazu erweichen, den Sprachgebrauch an heutige Gepflogenheiten anzupassen.

So wurde etwa aus Pippis Vater der «Südseekönig», und auch andere leichte Änderungen fanden Eingang in die Abenteuer der eigentlich (im feministischen Sinne) sehr fortschrittlichen Pippi Langstrumpf.

Schon damals schüttelten viele Leute den Kopf, und schon damals argumentierten die Verlage ähnlich wie heute. Wer das Geschwurbel auf den Internet-Seiten etwas deutet, findet darin die immer selbe Botschaft: «Wir wollen nicht verantwortlich sein, wenn ein Kind diese Begriffe wegen unserer Bücher braucht.»

Beim Vorlesen ändern

Eine verständliche Haltung. Zumal Pippi wie auch «Die Kleine Hexe» zu jenen Büchern gehören, die Kinder als erstes selbstständig lesen. Hier können die Eltern also nicht mehr eingreifen und das Wort entweder beim Vorlesen erklären oder dieses halbwegs elegant einfach gleich verändern.

Das hat etwa die deutsche Familienministerin Kristina Schröder kurz vor dem Jahreswechsel so erzählt. Sie ändere bei «Jim Knopf» und «Pippi Langstrumpf» beim Vorlesen kurzerhand die Begriffe: «Auch ohne böse Absicht können Worte ja Schaden anrichten», sagte sie der «Zeit». Auch sie erntete damit vor allem eines: Häme.

Auch von der Zeitung, der sie das Interview gegeben hat – und die ist eher im linksintellektuellen Spektrum angesiedelt. Wer beginne, Kinderbücher zu ändern, so das Fazit der «Zeit» im Artikel mit dem wunderbaren Titel «Die kleine Hexenjagd», der meine es zwar gut, begehe damit aber ein Vergehen an der Literatur. Kinder seien in der Lage, die Begriffe als das einzuordnen, was sie eben seien: Ausdrücke einer anderen Zeit, die man heute nicht mehr verwende. Bei zwei deutschen Schulklassen, mit denen die Zeitung die Problematik besprochen hat, wurde gar ein höchst kritischer Umgang mit den Begrifflichkeiten festgestellt. Repräsentativ ist diese (Kurz-)Studie freilich überhaupt nicht.

Im Idealfall Diskussionen

Die Wahrheit liegt wohl, wie ja so oft, irgendwo zwischen den beiden Positionen. Wer seinen Kindern falsche Begriffe mit auf den Weg gibt, macht sie deswegen noch lange nicht zum schlechten Menschen oder gar zum Rassisten. Nur wer dies in einer Böswilligkeit tut und im täglichen Sprachgebrauch so spricht, hinterlässt wirklich einen negativen Einfluss. Im Idealfall führen aber abfällige Bezeichnungen zu Diskussionen, in denen Eltern Erklärungen abgeben können.

Angst, dass man als Nächstes auch andere Klassiker – auch der Erwachsenenliteratur – politisch korrekt machen will, braucht man aber auch nicht zu haben. Schliesslich halten wir uns (manchmal zu Unrecht) für weitaus mündiger als Kinder.

Auch darum darf «Shitstorm» am Anfang dieses Textes stehen, ganz unabhängig davon, was es auf Deutsch bedeuten würde.