Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

BÜHNE: «Das Pferd auf der Bühne äpfelt noch»

Bloss kein Held werden, empfiehlt der deutsche Regisseur Philipp Becker. Nächsten Samstag zeigt er in Altdorf seine Sicht auf den Wilhelm Tell.
Julia Stephan
Der deutsche Regisseur Philipp Becker bei den Proben im Tellspielhaus Altdorf. (Bild Eveline Beerkircher)

Der deutsche Regisseur Philipp Becker bei den Proben im Tellspielhaus Altdorf. (Bild Eveline Beerkircher)

Julia Stephan

Wilhelm Tell gab am letzten Mittwoch in Altdorf wahrlich keine Heldenfigur ab. Im Gegenteil: Der Regen trommelte heftig auf den Bronzeschädel von Richard Kisslings Statue (Baujahr 1895). Fast hatte man Mitleid mit dem bärtigen Kerl, dessen fabelhafte Biografie im benachbarten Tellspielhaus gerade bis zur Erschöpfung durchreklamiert wurde.

Verregnet werden wird dieser Tell auch in der Inszenierung des deutschen Regisseurs Philipp Becker (37). Becker, der nach Volker Hesses Erfolgsinszenierungen von 2008 und 2012 nach mehr als drei Jahren konzeptioneller Vorarbeit und sieben Monaten Proben für die Festspiele Altdorf am nächsten Samstag Schillers «Wilhelm Tell» mit 84 Spielern und 26 Blasmusikern stemmen wird, hatte schon früh angekündigt, er wolle mit grossem Geschütz auffahren. Neben einem künstlichen Regenguss wird ein echtes Gesslerpferd durch die denkmalgeschützte Pferderampe des Tellspielhauses traben. Dass es «bei den Proben noch nervös auf die Bühne äpfelt», verrät Becker während einer Pause.

Er erklärt uns, warum er das Rütli als reines Lichtgebilde auf die Bühne lasern lassen will. «Wie lässt sich die Vergänglichkeit von Grösse besser darstellen als mit der Flüchtigkeit von Licht?» Mit Musicalmethoden habe das nichts zu tun. «Wir machen zu 100 Prozent Schiller», sagt er. «Jeder Musicalproduzent würde da sagen: Die spinnen ja.»

Nahbar und leidenschaftlich

Der Mann, der von so renommierten Häusern wie dem Nationaltheater Gent und dem Thalia in Hamburg Aufträge erhält und an der Hochschule der Künste in Zürich doziert, eilt in Altdorf leger mit Kapuzenpulli und Jeans durch das von den Proben belebte Haus. Hier spürt er ein wenig seinen eigenen Anfängen nach, denn in genau so einer grossen Laientheaterkiste fand er als Elfjähriger selbst zum Theater.

Bei einer Inszenierung, die zur Zeit der Bauernkriege spielte, sei er in einem sechzigköpfigen Ensemble «voll belastet», aber auch «voll ernst genommen worden». Die Erfahrung, sich nicht selbst zu spielen und dennoch vollkommen präsent zu sein, habe ihn nie mehr losgelassen, sagt er heute, 26 Jahre später.

Auf dem intellektuellen Nährboden Tübingen, wo neben Hölderlin und Hegel auch der Schiller-Herausgeber Johann Friedrich Cotta gewirkt hat, ist Becker aufgewachsen. Noch heute lebt er da mit seiner Familie. Am humanistischen Gymnasium hat er erst die «Räuber», dann den «Tell» kennen gelernt – die Lektüre des Letzteren war für ihn nach den «Räubern» eher eine harzige Angelegenheit. Ein Grund vielleicht, warum der Regisseur bis heute noch keine «Tell»-Inszenierung besucht hat.

Faszination für zeitlose Themen

Die Historiker Valentin Groebner und Michael Blatter haben die Tell-Fabel in ihrer Publikation «Wilhelm Tell. Import – Export» jüngst als fliegenden Teppich bezeichnet, der im Flug durch die Zeiten von jeder Epoche neu ausgeschmückt werde. Für Becker ist das Theater, das in seiner Spielanlage wohl gegenwärtigste Medium überhaupt, der ideale Ort, um solche Geschichten aus der Vergangenheit in die Gegenwart zu holen. Gegenwärtig zu inszenieren, das heisst für ihn auch, ein Stück «schnell und filmisch» zu machen. In Altdorf kriegt man den «Tell» in nur zwei Stunden – andere Regisseure brauchen doppelt so lang.

Becker interessieren keine Stücke mit «krampfhaft tagespolitischen Referenzen», sondern Fabeln, «die in ihrer Präzision über den bloss tagespolitischen Kommentar hinausweisen und so wahrhaft politisch sind».

In Fragen wie «Wo endet deine Heimat?», «Was bedeutet Freiheit?» oder «Für wen möchtest du ein Held sein?» verbeisst sich die Menschheit nicht erst seit Schiller. Und sie wird sich, das beweist die lange Lebensdauer der Tellspiele in Altdorf und Interlaken, weiterhin darin verbeissen, solange es Regisseure wie Becker gibt. Er hat aus seinen Recherchen folgenden Schluss gezogen: «Ein Held möchte ich nie werden, denn Held bist du nur für andere, gegenüber dir selbst bist du es nicht.» Die Geschichte sei voll mit diesen gebrochenen Figuren. «Selbst über Helden, die ihre Heldentat überlebt haben, erfährt man Jahrzehnte später, dass sie saufen oder ihre Frau schlagen», so Becker.

Tell – ein Mann für alle

Beckers Tell – gespielt vom Schauspielstudenten Pan Aurel Bucher – ist deshalb einer, der sich dieser Heldenrolle bewusst entziehen will. In der Inszenierung, die auch getragen sein wird von der Musik von Johannes Hofmann, bleibt er letztlich chancenlos damit, denn seine Geschichte schreibt nicht Tell selbst, sondern andere schreiben sie. «Am Ende stellt man ihn aufs Tell-Denkmal. Und seither kann er aus unterschiedlichsten Richtungen zitiert, genutzt, benutzt werden», so Becker.

Dass dabei so absurde Dinge herauskommen wie jüngst, als die Tell-Fabel, deren Apfelschuss-Kern im 12. Jahrhundert ursprünglich mal ein persischer Sufidichter in die Welt gesetzt hat, im Jahr 2016 von einem SVP-Politiker dazu benutzt werde, gegen die EU zu schiessen, mache «diese Geschichte in unserem Sinn nur noch schillernder», so Becker.

Sagts und rauscht auch schon zur Probe, wo der Chor bereits frei nach Schiller reklamiert: «Drum nicht, in alte Fesseln uns zu schlagen, / Erneuern wir dies Spiel der alten Zeit.»

Hinweis

Tellspiele im Tellspielhaus Altdorf. Regie: Philipp Becker. Premiere: Sa, 20. August, 15 Uhr. Derniere: Sa, 22. Oktober. Tickets über Tel. 041 874 80 09 oder www.tellspiele-altdorf.ch

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.