BÜHNE: «Hatte das Gefühl, dass ich als Emil Steinberger zu kurz kam»

Gerade begeisterte er in Cham, am Montag wird Emil Steinberger im ausverkauften Luzerner Theater auftreten. Der Kabarettist über sein Comeback als Emil, die Lust am Spiel und warum er lieber gümmelet als radiert.

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Emil Steinberger am Freitag in der Garderobe vor dem Auftritt in Cham. Trotz langjähriger Bühnenabstinenz sagt er: «Emil war nie ganz weg.» (Bild Manuela Jans)

Emil Steinberger am Freitag in der Garderobe vor dem Auftritt in Cham. Trotz langjähriger Bühnenabstinenz sagt er: «Emil war nie ganz weg.» (Bild Manuela Jans)

Sprechen wir heute mit Herrn Steinberger oder Emil?

Emil Steinberger: Ich denke mit Herrn Steinberger. Denn wenn ich jetzt Emil wäre, dann müsste ich mich sehr kompliziert verhalten. Was wiederum Ihre Arbeit enorm erschweren würde. (lacht)

Ihnen gelingt auf der Bühne der Spagat zwischen Emil und Steinberger: Sie können innert Sekunden Ihre Identität wechseln.

Emil: Ich übe das nicht speziell – ich hatte für dieses Programm nicht eine einzige Probe. Ich kann schlicht nicht vor leerem Saal allein auf der Bühne stehen und mich rezitieren, ich habe das auch früher nie gemacht. Ich übe auch nicht vor dem Spiegel. Hier in der Garderobe – das fällt mir gerade auf – ist es das erste Mal, dass ich mich bewusst im Spiegel wahrnehme. (lacht) Wahrscheinlich lebe ich mit meinen Figuren, daher kommen diese einfach auf Knopfdruck. Und wenn diese, meine Figuren, etwas tollpatschig sind, dann nehme ich wohl automatisch deren Mimik an. Das ist für mich selbst auch ein Phänomen. Ich wechsle auf der Bühne auch nur teilweise bewusst zwischen Emil und Steinberger – oft geschieht das einfach so.

Warum eigentlich jetzt wieder Emil? Nach so langer Abstinenz?

Emil: Als wir uns überlegten, was wir an meinem 80. Geburtstag machen könnten, sagte ich zu meiner Frau, es würde mich reizen, den Leuten «Merci» zu sagen. Anstatt dass ich Geburtstagsgeschenke bekomme, bedanke mich bei den Gratulanten. So entstand die Idee, das KKL in Luzern für einen Abend zu mieten. Das hat wunderbar geklappt, und ich habe mich an die Vorbereitungen für diesen Abend gemacht; erst wollte ich nur zwei, drei Nummern spielen. Es wurden dann einige mehr, und diese sind so gut angekommen, dass es sich quasi organisch ergeben hat, wieder ein Programm für alle auf die Beine zu stellen.

Warum sind Sie denn damals überhaupt aufgehört?

Emil: Das war 1987. Ich habe mich damit abgefunden, dass es keinen Applaus und keine Lacher mehr geben wird. 1990 kam dann ein Buchhändler auf mich zu und wollte mit meinem damaligen Buch Lesungen veranstalten. Diese Lesungen wurden immer länger und immer lustiger, bis irgendwann mal 600 Leute in der Buchhandlung sassen, ohne mich überhaupt zu sehen. Alles ohne Bühne, ohne Scheinwerfer. Und: Man muss auch sagen – obschon das damals nicht so direkt kommuniziert wurde – ich war 1987 einfach ausgebrannt. Ich hatte das Gefühl, dass ich als Emil Steinberger zu kurz kam. Um so grösser ist jetzt die Freude, wieder Emil sein zu können. Und ganz weg war Emil irgendwie ja nie.

Wie kommen Sie eigentlich auf Ihre Figuren?

Emil: Meistens durch Alltagssituationen oder Beobachtungen. Ich nehme Situationen im Alltag wahr und speichere diese oft unbewusst. Manchmal komme ich auf neue Figuren auch durch Improvisationen ... und wenn ich merke, dass diese gut ankommt, nehme ich die Figur auf und versuche mich ganz in den Charakter dieser fiktiven Person zu versetzen. Die Hauptwache-Nummer ist ein Paradebeispiel, ich habe diese damals in einer Nacht geschrieben und einfach versucht, mich in die Person des Polizisten hineinzuversetzen. Ich habe mir damals gedacht, dass das doch ein armer Siech ist, so allein wie er da sitzt und ein Buch liest.

Heute würde der Polizist wohl eher mit einem Tablet dort sitzen und das Telefon macht auch nicht mehr «ring-ring» ...

Emil: Es würde mir nie in Sinn kommen, die Nummern entsprechend anzupassen. Ich finde, das braucht es gar nicht. Beim Parkierer lasse ich die Scheibe manuell herunter, auch wenn das heute kaum einer mehr machen muss. Wenn schon Klassiker, dann wirklich genau so wie damals. Auch textlich ... es gibt so viele Leute, die die alten Texte Wort für Wort im Kopf haben. Wenn ich da plötzlich neue Elemente einbringen würde, wäre das in gewissem Sinne respektlos meinem Publikum gegenüber. Die Sketche haben eine Form gefunden, die funktioniert.

Werden Figuren auch wieder verworfen?

Emil: Ja. Bei diesem Programm beispielsweise habe ich relativ schnell gemerkt, dass zwei Figuren nicht so optimal funktionieren. Die Premiere ging ja dreieinhalb Stunden, da musste ich auch aus Zeitgründen einiges an Figuren und Sketchen wieder streichen.

Sie treten fast jeden Abend auf, das muss unglaublich anstrengend sein.

Emil: Das ist etwas Schönes! Ein Beruf, in welchem man Hunderte von Menschen jeden Abend zum Lachen bringen kann, ist fantastisch. Ich kann mir kaum etwas Besseres vorstellen. Ich bin auch nach drei Stunden Auftritt nicht müde, meistens fahren wir nachher noch nach Hause – das geht alles ohne Probleme. Während des Auftrittes finde ich es auch immer spannend zu sehen, wie das Publikum reagiert. Manchmal komme ich mir vor wie ein Dirigent, und das Publikum ist mein Orchester. Mir ist es wichtig, dass möglichst schnell der erste Lacher kommt, das ist ein Gesetz für mich.

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen den vor allem in Deutschland sehr populären Stand-Up-Comedians und Emil?

Emil: Bei den Stand-up-Comedians liegt der Schwerpunkt auf dem gesprochenen Wort, bei Emil agiere ich mimisch, körperlich. Manche Stand-up-Comedians erzählen einfach Witze. Meinen Spielstil gibt es nicht mehr so oft. Ich bin aber positiv über­rascht, wie die jüngeren Comedians in der Schweiz sich langsam etablieren. Das freut mich. Was für mich manchmal ein Rätsel ist, ist dass gewisse TV-Shows auf den deutschen Privatsendern offenbar funktionieren. Kürzlich habe ich einen Comedian gesehen, der endlos lange einfach nur das Publikum begrüsst hat. Fatalerweise denken viele jungen Leute, dass das Humor sei. Daher haben wir für das aktuelle Programm mit verschiedenen Theatern eine Aktion gestartet und bieten für Leute unter 20 Jahren stark verbilligte Tickets an. Einfach, um ihnen zu ermöglichen, auch mal eine andre Art von Humor live erleben zu können.

Wie schreiben Sie eine Nummer? Rein technisch gesehen?

Emil: Wenn ich sehr konzentriert arbeite und weiss, dass die Nummer noch gar nicht weit vorangeschritten ist, mache ich gerne erste Notizen von Hand mit einem Bleistift. Der Denkprozess dauert etwas länger, wenn man von Hand schreibt. Wenn ich auf dem Computer tippe, dann ist das irgendwie schon endgültiger. Beim Bleistift gümmele ich gerne auch wieder durch ...

Sie sagen gümmele und nicht radiere. Es fällt auf, dass Sie das Schweizerdeutsche enorm pflegen.

Emil: Das ist auch meine Sprache. In dieser fühle ich mich wohl.

Interview: Haymo Empl