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BÜHNE: Michel Gammenthaler: «Comedy braucht das Klischee»

Der Zauberer und Comedian Michel Gammenthaler (45) erklärt, wie er mit verschiedenen Meinungen umgeht. Sein sechstes Bühnenprogramm «Hä ...?» hat am 10. Januar Premiere im Luzerner Kleintheater.
Julia Stephan
Der Comedian Michel Gammenthaler in seiner Privatwohnung. (Bild: Pius Amrein (Brugg, 28. Dezember 2017))

Der Comedian Michel Gammenthaler in seiner Privatwohnung. (Bild: Pius Amrein (Brugg, 28. Dezember 2017))

Interview: Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Michel Gammenthaler, lesen Sie Jahresrückblicke?

Es gibt Jahresrückblicke, die mit «Das Jahr 2017 ist gar nicht so schlecht gewesen» titeln. So einen werde ich noch lesen, um herauszufinden, was an diesem Jahr wirklich gut gewesen sein soll. Meines war, streckenweise, etwas verhangen.

Jahresrückblicke sind ja sehr subjektiv. Im Trailer zu Ihrem sechsten Bühnenprogramm «Hä ...?» sprechen Sie davon, dass jeder seine eigene Realität besitzt. Was genau ist damit gemeint?

Ich will die Menschen dafür sensibilisieren, dass wir alle sehr subjektiv auf die Welt schauen. Ein Grund, warum wir uns manchmal in endlose Diskussionen verwickeln, die nirgendwohin führen. Wenn ich einem Esoteriker sage, die unsichtbaren Energieströme, an die er glaubt, gebe es nicht, hilft das niemandem weiter. In seiner Realität existieren sie.

Sie haben das für sich so akzeptiert?

Ja und nein: Denn es gibt eine Stolperfalle, über die auch ich manchmal strauchle. Man denkt: «Ja, schon okay, aber meine Realität ist trotzdem die richtige!»

Comedians versuchen auf ihre Weise die Absurdität der Welt zu verstehen. Steht nicht hinter jedem Bühnensketch auch so ein «Hä?»-Moment?

Bestimmt! Aber dem Zuschauer können mindestens genauso viele «Hä?» entfahren. Es gibt dieses «Hä?» im Sinne von: «Das glaubt der wirklich?» Oder aber im Sinne von «Hä? So denke ich? Krass.» Heutzutage wird oft absolut argumentiert. Man sagt selten noch «Ich habe den Eindruck, dass …» Man findet etwas schlecht oder gut. Ich suche im neuen Programm eine differenziertere Auseinandersetzung mit unseren Wahrnehmungen.

Als Zauberer und Comedian in Personalunion verschieben Sie auf der Bühne gerne Realitäten. Trotzdem bleibt es ein Unterschied, ob Sie ein Publikum mit Zauberei hinters Licht führen oder ob das ein Politiker tut.

Bei meinem letzten Programm «Scharlatan» wollte ich demonstrieren, dass es keine übersinnlichen Fähigkeiten gibt. Also zeigte ich meinen Zuschauern, wie man beim Gegenüber den Eindruck erweckt, man verfüge über solche. Nach der Vorstellung kamen Leute auf mich zu, die dennoch von der Existenz meiner Fähigkeiten überzeugt waren. Wer eine Wirklichkeit hat und fest an sie glaubt, lässt sich auch von Fakten nicht beeindrucken. Ich finde das extrem faszinierend und stellenweise auch beängstigend.

Gab’s andere Reaktionen?

Es kamen auch Wahrsager, Astrologen oder Kartenleger in meine Show. Die haben nicht gesagt: «Sie greifen hier öffentlich meinen Berufsstand an», sondern: «Endlich trennt mal jemand die Spreu vom Weizen. Wissen Sie, es gibt nämlich viele Scharlatane in unserer Szene.» Was übersetzt heisst: «Ich gehöre nicht dazu.»

Wenn man sich Ihre Programme anschaut, hat man den Eindruck, Sie haben eine Obsession für Esoterik …

Ja, das ist definitiv eine Hassliebe. Natürlich würde ich mir noch so sehr wünschen, dass unsere Welt magisch wäre. Wie viele Atheisten, die in schwierigen Lebenslagen zu sich sagen: «Wie schön wär’s, wenn ich jetzt an Gott glauben könnte.»

Sie sind Atheist?

Ja. Ich glaube schon.

Jetzt sagen Sie auch schon «Ich glaube»!

Sie haben Recht! (Lacht.) Immerhin: Gentechniker behaupten inzwischen sogar, dass Religiosität genetisch vorbestimmt sei. Seither stelle mir vor, wie ich mit jemandem über seinen Glauben diskutiere und die Diskussion kaputt mache mit dem Satz: «Schau, du bist genetisch einfach falsch gebaut.» (Lacht.)

Können Sie mit gläubigen Menschen über Religion diskutieren?

Ich hatte einmal mit einer sehr religiösen Chiropraktikerin unglaublich gute Gespräche. Nach der vierten Sitzung sagte ich zu ihr: «Haben Sie ein Problem damit, dass ich nicht an Gott glaube?» Darauf sie: «Nein. Wenn Gott allmächtig ist, hat er auch Sie erschaffen. Und wenn er Sie erschaffen hat, wird er schon gewusst haben, wozu.» Wir werden nie Streit bekommen. Ich bin schliesslich vorgesehen. So funktioniert’s ganz gut! (Lacht.)

Ihre Sketche wirken manchmal, als seien Sie von Ratgeberliteratur inspiriert. Lesen Sie viele solche Bücher?

Früher, ja. Inzwischen bin ich dieser Literatur etwas überdrüssig geworden. Bei vielen geht’s mehr darum, einen Bestseller zu schreiben, als darum, wirklich etwas zu vermitteln. Das Buch «Getting things done» von David Allen aber hat mein Leben massgeblich verändert. Seit ich, wie im Buch empfohlen, To-do-Listen führe, habe ich selten das Gefühl, ich müsse unbedingt noch etwas erledigen.

Viele Ratgeber appellieren an das unerschöpfliche Potenzial des «Ich». Glauben Sie daran?

Ich bin fest davon überzeugt, dass man nicht alles kann. Ich finde es schrecklich, dass wir uns heutzutage alle genötigt fühlen, alles zu können.

Leiden Sie unter diesem Optimierungsdruck?

So etwas führt auf lange Sicht zu Frustration. Zufrieden sein hingegen ist doch wirklich ziemlich super. Vielleicht hat diese Werteverschiebung mit dem Älterwerden zu tun. Ich bin jetzt 45. Bei Neujahrswünschen schreibe ich neuerdings: «Ich wünsche dir einen guten Rutsch in ein zufriedenes und gesundes 2018.» Früher hätte ich die Wörter erfolgreich und glücklich verwendet.

Sie thematisieren häufig den Alltagsfrust. Baut man beim Schreiben von Comedy eigentlich Vorurteile ab oder auf?

Comedy braucht das Klischee. Du musst von etwas sprechen, das man kennt. Ich glaube aber nicht, dass Comedy die Welt verändern kann. Die Menschen werden nach meiner Vorstellung nicht sagen: «Das hat mir jetzt einen Denkanstoss gegeben, ich sehe das in Zukunft anders.» Das Beste, was passieren kann, ist: «Stimmt, so kann man das auch sehen. Aber ich sehe es trotzdem weiterhin anders.»

Mal abgesehen vom Alltagsärger, gibt’s auch echte Probleme, die wir anpacken sollten?

Eines der grossen Themen, die wir in Zukunft angehen müssen, ist, dass alles immer dichter und verdichteter wird. Es ist tatsächlich so, dass es in den Zügen keinen Platz mehr gibt. Da finde ich es schon faszinierend, dass es immer noch Menschen gibt, die sich bewegen, als wären sie allein auf der Welt. Die steigen aus einem vollgestopften Zug aus und bleiben erst mal stehen.

Ist das nicht eine Qualität?

Meine Partnerin sagt immer: Weisst du, die sind halt sehr bei sich. Ich sage: Sind die auch noch bei sich, wenn ihr Nachbar morgens zu früh den Rasen mäht?

Sie meinen, jeder hat seine Geschwindigkeiten, zwischen denen er hin- und herwechselt?

Ja, und das führt ganz automatisch zu mehr Reibung.

Wir stimmen bald über die No-Billag-Initiative ab. Stehen Sie als SRF-Moderator da momentan auch existenzielle Ängste aus?

Als störend empfinde ich an dieser Debatte, dass föderalistische und soziale Aspekte völlig ausgeblendet werden. Viele Menschen argumentieren im Stil von: «Ich habe kein Kleinkind, also braucht’s auch keine Kindergärten.»

Wird’s in der neuen Show eine radikale Veränderung geben?

Ich bin auf der Bühne etwas übler gelaunt und aggressiver im Vergleich zu früher, aber das macht mir Spass. Ich bin für die Menschen gerne ein Ventil.

Hinweis

Michel Gammenthaler, «Hä ...?». Premiere im Luzerner Kleintheater: 10.1. Weitere Daten: 11./12./13.1. www.kleintheater.ch

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