BÜHNE: «Spielraum für die Fantasie»

13 Jahre blieb er dem Luzerner Theater als Ausstatter treu: Werner Hutterli über Bühnenbild-Trends, die so umwandelbar sind wie seine Bühne für die aktuelle Opernproduktion.

Interview Urs Mattenberger
Drucken
Teilen
Bühnenbild, auf dem Boden ausgebreitet: Werner Hutterli im Labyrinth für die Opernkomödie «Béatrice et Bénédict» von Hector Berlioz. (Bild Pius Amrein)

Bühnenbild, auf dem Boden ausgebreitet: Werner Hutterli im Labyrinth für die Opernkomödie «Béatrice et Bénédict» von Hector Berlioz. (Bild Pius Amrein)

Werner Hutterli (69) prägte als international bekannter Bühnenbildner die Ära von Intendant Dominique Mentha, die im Sommer zu Ende geht. Mit seiner Vorliebe für die leere Bühne setzte er sich ab von Bühnenbild-Trends, die er vor zehn Jahren in einem Gespräch so zusammenfasste: «Als ich anfing, waren Koffer beliebt als Zeichen für Aufbruch. In den Siebzigerjahren kamen die Badewannen als Metapher für Reinigungsrituale. Später wurden Kühlschränke zum Sinnbild für eine kalte Welt.»

Als letzten Schrei bezeichnete er «flimmernde Fernseher», die zeigten, «dass die Kommunikation gestört ist». Vor der Premiere von Hector Berlioz’ Opernkomödie «Béatrice et Bénédict» (nach Shakespeares «Viel Lärm um nichts») blickt er jetzt auch auf die letzten Jahre zurück.

Werner Hutterli, was ist heute, zehn Jahre nach unserem letzten Gespräch, im Bereich Bühne der letzte Schrei?

Werner Hutterli: Es gab eine gewisse Stagnation, weil seit Jahren alles möglich ist. Am ehesten eine neue Entwicklung gab es in der Lichtgestaltung. Die flexiblen LED-Lampen haben vieles verändert. Nicht nur zum Guten. Ihr Licht ist kälter und hat nicht mehr die Sinnlichkeit, die eine Stärke des Theaters ist. Aber was habe ich vor zehn Jahren auf die Frage nach dem letzten Schrei geantwortet?

TV-Geräte und Filmprojektionen! Inzwischen liefern Neue Medien sogar Argumente für eine Salle Modulable. War das doch mehr als eine Mode?

Hutterli: Solche Ideen sind im Grunde sehr alt. Schon in den Anfangszeiten des Films experimentierte man damit, auf der Bühne Bilder auf Glasplatten zu projizieren, und stellte sich bereits vor, dass man Bühnenbilder durch Projektionen ersetzen würde.

Wieso ist es noch nicht dazu gekommen, trotz verführerischer 3-D-Projektionen und digitaler Bildwelten, wie man sie von Games kennt?

Hutterli: Dass diese Entwicklung die Bühnen-Bildsprache verändert hätte, sehe ich tatsächlich nicht. Die dritte Dimension etwa gibt es im Theater ja immer schon, die muss man hier nicht technisch herstellen. Projektionen stellen insofern sogar einen Rückschritt dar, weil sie dem Theater die räumliche Dimension wegnehmen. Wenn man Projektionen nicht bloss als einzelnes Element mit einbaut, führen sie im Grunde zurück zu einer Art Dekorationstheater, wie man es früher mit gemalten Prospekten machte.

Ihr Markenzeichen sind die leere Bühne und ein Minimum an Requisiten. Ist die Versuchung nicht gross, mit spektakulären Bühnenaufbauten Zeichen zu setzen?

Hutterli: Als Bühnenbildner darf man nicht Selbstdarsteller sein. Wenn man die Bühne verstellt, schränkt das den Spielraum für die Regie nur ein. So wie sich unser Beruf entwickelt hat, ist auch die Bezeichnung Bühnenbildner falsch. Es geht darum, Räume zu gestalten, die zum Stück und zur Regie passen.

Können Sie das an Berlioz’ Oper «Béatrice et Bénédict» veranschaulichen?

Hutterli: Meistens bringe ich zu Gesprächen mit dem Regisseur zwei, drei Ideen mit. Aber in diesem Fall brachte die Regisseurin Béatrice Lachaussée gleich zu Beginn die Idee des Labyrinths ins Spiel. Darauf haben wir uns dann rasch geeinigt. Zum einen bin ich generell fasziniert von Labyrinthen, etwa aus französischen Gärten im 18. Jahrhundert. Das passt zu dieser Komödie, in der die Liebenden nicht auf direktem Weg, sondern nur über Irrungen hinweg zueinanderfinden.

Für Ihre Verhältnisse ist die Bühne durch dieses Labyrinth ziemlich vollgestellt.

Hutterli: Ich beschränke mich wie oft auf den Boden, von dem im Theater die grösste Kraft ausgeht. Und ich suchte eine Labyrinthform, die sich mit dem Stück weiterentwickeln kann und eben nicht im Weg steht. Möglich macht das auch hier eine Art Reduktion auf einfache Grundelemente, mit denen sich im Verlauf des Stücks die Geometrie des Labyrinths verändern lässt: Im zweiten Akt gerät sie durcheinander, im dritten werden die Elemente so angeordnet, dass sie eine Art Schutz bieten.

Und was macht die Regie daraus?

Hutterli: Wenn man als Bühnenbildner mit einfachen Elementen arbeitet, eröffnet das Spielraum für die Fantasie der Regisseure wie der Darsteller. In diesem Fall hat das dazu geführt, dass sich auch einmal ein Sänger in eines dieser Labyrinthelemente zwängt und es mit sich herumträgt. So ergeben sich immer wieder Möglichkeiten, an die ich selber gar nicht gedacht habe.

Obwohl Sie an grossen Häusern in Berlin oder Wien arbeiten, blieben Sie dem kleinen Luzerner Theater treu.

Hutterli: Zum einen mag ich kleine Bühnen, weil es da keine Versuchung gibt, den Raum mit Dekorationen zu verstellen, die alles noch einmal zeigen, was gespielt wird. In kleinen Räumen lässt sich, wenn man darauf verzichtet, leichter räumliche Spannung herstellen. Ein Vorteil hier ist zudem das junge Ensemble. Junge Sänger sind flexibler. Da kann man auch als Bühnenbildner viel freier arbeiten und schräge Spielflächen oder Hindernisse einbeziehen, die man vom alltäglichen Leben nicht gewohnt ist.

Interview Urs Mattenberger

Hinweis

Premiere: Oper «Béatrice et Bénédict» von Hector Berlioz, Samstag, 23. Januar, 19.30 Uhr, Luzerner Theater. VV: Telefon 041 228 14 14.