Büne Huber: «Die nächsten zwanzig Jahre kann ich keine ruhige Kugel schieben, ich muss am Ball bleiben»

Sänger Büne Huber ist auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft. Ein neues Album und seine zwei- und dreijährigen Kinder halten den Patent-Ochsner-Frontmann gehörig auf Trab.

Interview: Stefan Künzli
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Büne Huber, Sänger und Frontmann der Schweizer Mundartrockband Patent Ochsner.

Büne Huber, Sänger und Frontmann der Schweizer Mundartrockband Patent Ochsner.

Die Kinder sind aus dem Haus und stehen auf eigenen Beinen. So präsentiert sich die Lebenssituation der meisten Endfünfziger. Nicht so bei Büne Huber. Der Musiker steht mitten im Leben und ist so aktiv und produktiv wie kaum zuvor. Dazu ist er fast gleichzeitig Grossvater und noch einmal Vater geworden. Ein Gespräch unter zwei 57-Jährigen.

Ihr neues Album ist melancholisch und nachdenklich ausgefallen? Wie geht es Ihnen?

Meine Lebenssituation ist eine andere, als es die Grundstimmung des Albums vermuten lässt. Mein Alltag, geprägt von meinen zwei kleinen Kindern, ist vielmehr sehr hell, leicht, lebendig, lustig und verspielt.

Die Melancholie, die hier durchschimmert, hat vermutlich eher mit dem Alter zu tun, in dem wir uns befinden.

Wir 57-Jährige fühlen uns noch nicht alt, aber wir sind bestimmt nicht mehr jung. Wir wissen, dass das Alter an die Tür klopft. Diese Situation lässt wohl jene Gedanken und Stimmungen aufkommen, die auf dem neuen Album vorherrschen.

Wie äussert sich diese Stimmung in der Band?

Zum ersten Mal waren wir bei den Ochsners mit der Situation konfrontiert, dass Mitglieder die Band aus gesundheitlichen Gründen verlassen mussten. Es war die Einsicht, dass die Zeit des Rock ’n’ Roll vorbei ist. Dass der Tourstress zu anstrengend ist.

Wie gehen Sie mit der Situation als 57-Jähriger um?

Ich wurde mit 54 zum zweiten Mal Vater und mit 55 zum dritten Mal. Meine Lebenssituation unterscheidet sich deshalb fundamental von den meisten gleichaltrigen Männern. Und wenn man sich in diesem Alter noch einmal für Kinder entscheidet, dann hat das direkte Auswirkungen auf die Lebensplanung. Das heisst konkret: Die nächsten zwanzig Jahre kann ich gar keine ruhige Kugel schieben, ich muss am Ball bleiben.

Also nichts von der Gelassenheit eines Mannes, der gegen 60 geht?

Ich suche diese Gelassenheit auch nicht. Man sagt immer, ältere Väter seien gelassener. Für mich stimmt das aber nicht. Ich bin als Vater mindestens so besorgt wie vor 22 Jahren, als ich mit meiner ersten Tochter Hannah zum ersten Mal Vater wurde. Vielleicht sogar ängstlicher und vorsichtiger. Man merkt mit zunehmender Lebenserfahrung, wie fragil und verletzbar wir Menschen sind.

Halten Ihre Kinder Sie jung?

Ich wünsche mir das und glaube es auch. Kinder entfachen eine Energie, der du dich nicht entziehen kannst. Du musst einfach reagieren. Zwei kleine Kinder und der Haushalt fordern mich ständig heraus, halten mich auf Trab und bringen mich an meine Grenzen. Sie sorgen dafür, dass ich geistig beweglich bleibe.

Wie können Sie sich denn auf ihre künstlerische Tätigkeit konzentrieren?

Ich habe ein Atelier zu Hause und eines in Münsingen. Zu Hause lasse ich mich gerne ablenken, wenn ich gerade dabei bin, bei der Arbeit zu scheitern. «Kann ich dir irgendwie behilflich sein», sage ich in diesen Momenten zu meiner Frau Sue und meine eigentlich «zum Glück reisst ihr mich aus diesem Scheiss raus». Was gar nicht geht, ist, wenn ich mich mit Texten befasse. Deshalb habe ich mir ausserhalb eine kleine Schreibstube eingerichtet. Eine Art verbotene Zone für meine Kinder.

Sie sind nicht nur noch mal Vater geworden, sondern auch Grossvater. Könnten Sie sich vorstellen, wie früher, in einer Grossfamilie zu leben, in der verschiedene ­Generation unter einem Dach leben?

Am liebsten würde ich ein Dorf gründen, rund um einen See, in dem all meine Liebsten in einer Sippschaft leben. Das Problem: Das ist mehr der Wunsch des Grossvaters als der Tochter. Ich und Hannah machen sehr viel zusammen, aber ich verstehe es sehr gut, dass sie ihr eigenes Leben leben will.

Auf dem Album haben Sie mit einem Moderator dem Album eine Klammer und einen roten Faden gegeben. Ist es der Versuch, das Album als Gesamtkunstwerk zu retten.

Überhaupt nicht. Es ist ein Spass für mich und die Band. Eine Furzidee, Nonsens mit dadaistischem Quark. Es ist vielmehr meine Antwort auf die digitale Revolution. Sie ist eine Befreiung.

Wenn die Leute eh keine Alben mehr kaufen und nur noch einzelne Songs streamen, muss ich mich künstlerisch an nichts mehr halten. Das ist das Geile.

Der Song «Kreis» ist eine Hommage an Polo Hofer. Wie war Ihre Beziehung zu ihm?

Wir waren freundschaftlich verbunden. Im Haus, wo ich wohne, gibt es im Keller ein Tonstudio. Hier hat er unter anderem sein letztes Album aufgenommen. Wir sind uns dann immer wieder begegnet. Er war ja im Umgang oft recht schroff und raubeinig. Hier haben wir ihn auch von seiner feinfühligen, sensiblen Seite kennen gelernt. Polo hat mir wirklich viel bedeutet.

Polo hat sich immer wieder kritisch zur aktuellen Schweizer Popmusik geäussert. Verstehen Sie das?

Nur teilweise. Es liegt doch in der Natur der Sache, dass die Geschichten des 17-jährigen Nemo dem Leben des 57-jährigen Büne nicht unbedingt entsprechen. Aber soll ich sie deswegen Scheisse finden? Er schreibt die Songs definitiv nicht für mich. Es entspricht einem Zeitgeist, es entsteht etwas. Das ist doch wunderbar, ich bewundere Nemos Spielfreude, die Kreativität und Energie. Wenn Musik uniform wird, langweilt mich das. Aber das gab es bereits in den Diskotheken zu Zeiten der Bee Gees und John Travoltas.

Sie sind zurzeit unglaublich kreativ, produktiv und auf dem Höhepunkt Ihrer Popularität. Wie wichtig sind Ihnen Erfolg und Ruhm?

Erfolg ist, dass ich das jetzt seit bald 30 Jahren mache. Erfolg heisst, dass wir als Band in einem Tross von 16 Leuten unterwegs sein können – wie ein Kleinbetrieb. Dass das System Ochsner funktioniert, darauf bin ich extrem stolz. Gleichzeitig bin ich auch dankbar, dass wir unseren Lebensunterhalt mit Konzerten verdienen können, mit den Alben verdienen wir ja nichts mehr.

Und ich bin dankbar, dass man mir all meine Entgleisungen immer wieder verzeiht. Ich bin ja nicht wahnsinnig pflegeleicht.

(Büne Huber kämpft mit den Tränen.) Je älter ich werde, desto näher bin ich bei den Tränen. Patent Ochsner ist ein Geschenk. Nach all den Jahren sind wir keine abgefuckten Business-Hengste, keine Rock-’n ’-Roll-Beamten, die auf Nummer sicher gehen. Das ist der grosse Erfolg von Patent Ochsner.

Büne Huber

Büne Huber ist Sänger, Frontmann und Komponist von Patent Ochsner. Die Berner Mundart-Band besteht seit 29 Jahren und gehört zu den erfolgreichsten der Schweiz. Sein aktuelles Album «Cut Up» erreichte standesgemäss Platz 1 der Album-Charts, und die Single «Für immer uf di» steht seit 16 Wochen in der Single-Hitparade. Büne Huber ist 57 Jahre alt, Vater von drei Kindern und lebt mit seiner Frau Sue und seinen zwei kleinen Kindern Julie (3) und Max (2) in Bern. ­Heute beginnt seine Tournee in Basel. (kü)

Live: 29. Juni, Basel, Summerstage 19. Juli, Bern, Gurten-Festival 21. Juli, Locarno, Moon & Stars 10. August, Zofingen, Heitere Open Air 13./14. September, Frutigen, Kander Kultur Festival