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Buenos Aires bekommt ein Gesicht

Der neue Film von Antonia Meile, «Freundschaft mit einer Stadt», feiert an der Kurzfilmnacht ­ Premiere. Die Luzerner Filmemacherin stellt sich der Diskussion mit dem Publikum. Etwas, was sie liebt.
Regina Grüter
«So viel Fleisch in diesem Land»: Eine Frau macht Klimmzüge in einer Metzgerei. (Filmbild: Antonia Meile/PD)

«So viel Fleisch in diesem Land»: Eine Frau macht Klimmzüge in einer Metzgerei. (Filmbild: Antonia Meile/PD)

«Für einige Monate komme ich hierher. Mit nichts, als mit dem, was ich bin. Wo wird es mich hintragen? Fremde Stadt, zeig mir dein Gesicht.» Diese Worte stehen am Anfang von Antonia Meiles dokumentarischem Essay «amistad con una ciudad», «Freundschaft mit einer Stadt», der am 10. Mai anlässlich der ­Luzerner Kurzfilmnacht als lokale Vorpremiere gezeigt wird. Sie wirkt fröhlich, neugierig und verspielt, die Regisseurin, die gleichzeitig auch Protagonistin ist, wie sie da vom Dach ihres Wohnhauses im Quartier La Boca über Buenos Aires blickt.

Ein sechsmonatiges Atelierstipendium der Städtekonferenz Kultur und der Stadt Luzern hatte sie 2015 in die argentinische Hauptstadt geführt. Und diese hat der jungen Filmemacherin, geboren 1986 in Kastanienbaum, erst mal ihr hässliches Gesicht gezeigt. «Es war sehr kalt, und ich konnte zu diesem Zeitpunkt kein Wort Spanisch», erklärt Antonia Meile bei sich zu Hause in Luzern. Und La Boca, das Armenviertel, wo auch der 2017 mit dem Innerschweizer Filmpreis ausgezeichnete Kurzfilm «En La Boca» von Matteo Gariglio spielt, habe sie als äusserst abweisend empfunden. Die grosse Schere zwischen Elend und Wohlstand in der Millionenstadt machte ihr zu schaffen. Zwei, drei Monate hielt dieses erste Gefühl an, keinen festen Boden unter den Füssen zu haben. «Ich habe mich sehr verloren gefühlt.»

Ein offenes und ­ verspieltes Wesen

Und doch täuscht der erste Filmeindruck nicht. Das offene und verspielte Wesen der Regisseurin zeigt sich auch im persönlichen Gespräch. Und etwas Kämpferisches. «Filme zu machen hat für mich auch eine politisch-ideologische Dimension», sagt Meile, die aus einer Luzerner Politikerfamilie stammt – sie selber stand heuer auf der Liste der Grünen. «Ich will mit meinen Filmen eine Meinung transportieren.» Das Diskursive wurde in ihrer Familie stets hochgehalten, und das ist es auch, was sie sich für ihre Filme wünscht: Mit einem interessierten Publikum darüber zu diskutieren. Doch Kurzfilme haben punkto Sichtbarkeit ausserhalb von Festivals bekanntlich eher ein schweres Los. Auch Antonia Meile hat sich schon gefragt, wozu das alles? Nicht so am 10. Mai.

Wozu das alles?

Ja, wozu das alles? Im Fernseh-Dok «Leben für die Kunst» (2014) porträtierte sie drei Künstlerinnen, ihre Leidenschaft, das Ringen um Anerkennung und um ein Auskommen sowie die damit verbundenen Opfer. Es sind Menschen und ihr Alltag und die dahinterstehenden Lebensentwürfe, die Meile interessieren. Und natürlich ist es auch ein Stück weit ihr Lebensentwurf, wenn auch in weniger prekärer Form.

Seit 2010 arbeitet sie als selbstständige Filmemacherin und als Kamera- und Tonfrau für andere Regisseurinnen und Regisseure. So hat sie beispielsweise ihre Freundin Corina Schwingruber Ilić auf ihrer Recherche­reise für den mit dem Schweizer Filmpreis ausgezeichneten «All Inclusive» (läuft auch an der Kurzfilmnacht) mit dem Tonequipment begleitet oder die Kameraarbeit für den ebenfalls mehrfach preisgekrönten «Kuap» ihres Partners Nils Hedinger gemacht. Mit viel Enthusiasmus realisiert sie auch Auftragsfilme für soziale und landwirtschaftliche Projekte wie etwa das schweizweit bisher erfolgreichste Crowdfunding-Video in der Landwirtschaft, «Geissenparadies Göscheneralptal».

«Alle Ziegenbauern in der Schweiz kennen mich jetzt», lacht Antonia Meile, Tochter eines Weinbauern und seit kurzem selbst Mutter. Die persönliche Erfahrung bestärkt sie im nächsten Thema: «Ich möchte einen Film über die benachteiligte Situation der Frau und unser ­gesellschaftliches Konzept der Kleinfamilie machen», so Meile. «Mit Filmen kann man Leute erreichen», betont sie nochmals. «Die Idee ist ein fünfzigminütiger Fernseh-Dok, der sogenannte Frauenberufe thematisiert und über die Enge unseres Familienbildes nachdenkt. Ich stecke aber noch in der Recherchephase.» Der künstlerische Aspekt rückt für einmal in den Hintergrund, und Antonia Meile zeigt sich – ganz im Einklang mit dem Nationalen Frauenstreik vom 14. Juni – von ihrer kämpferischen Seite.

«Die ganze Stadt riecht ­nach Fleisch»

Im Autorenfilm «amistad con una ciudad» halten sich naiv-­verspielte und sozialkritisch-politische Elemente in etwa die Waage. «Buenos Aires heisst ‹frische Luft›, aber die ganze Stadt riecht nach Fleisch», spricht die Kommentarstimme. Die Protagonistin Antonia fragt die Leute in ihrem anfänglich bescheidenen Spanisch nach ihrem Lieblingsessen, später auch nach der Militärdiktatur oder ihrer politischen Gesinnung; sie legt sich ein Entrecote auf die Augen, steckt sich Wursträdchen an den Finger und beobachtet Demonstrationen beider politischer Lager beim historischen Machtwechsel 2015 durch die Kameralinse. Fleisch, Politik, Tango, Hunde, emotionale Massenkundgebungen. Antonia Meile hat sich mit Buenos Aires versöhnt, und der 25-minütige Film widerspiegelt das Gesicht, welches die Stadt durch die Augen und die Kamera der Filmemacherin bekommen hat.

Weitere Filme von Antonia Meile wie «Leben für die Kunst» und «Rising Dragon», entstanden im Rahmen von Shanghai Film Lab, auf www.antoniameile.ch. Kurzfilmnacht mit Luzerner Premiere von «amistad con una ciudad» am 10. Mai in Bourbaki (20.30 Uhr) und Stattkino (20.45), Luzern; www.kurzfilmnacht.ch/luzern.

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