Kriegsgeschäfte

Bührle-Kunstsammlung mit Waffenexporten finanziert

Eine schon vor der Veröffentlichung umstrittene Studie zeigt auf, wie der Waffenhändler Emil Bührle mit Nazi-Deutschland geschäftete und sich in Zürich etablierte. Seine Kunstsammlung soll zum Prunkstück im neuen Zürcher Kunsthaus werden.

Matthias Scharrer
Drucken
Teilen
Der Waffenhersteller und Kunstsammler Emil Bührle mit Bildern seiner Sammlung.
5 Bilder
Bührle mit Maschinengewehr, 1945, aus einer Mitteilung der Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon.
Matthieu Leimgruber, Professor für Geschichte der Neuzeit und Stadtpräsidentin Corine Mauch sprechen an der Medienkonferenz über die Studie: «Die Entstehung der Sammlung E. G. Bührle: Kriegsgeschäfte, Kapital und Kunsthaus», aufgenommen am Dienstag, 17. November 2020, in Zürich.
Der Erweiterungsbau Kunsthaus Zürich nach Plänen von David Chipperfield

Der Waffenhersteller und Kunstsammler Emil Bührle mit Bildern seiner Sammlung.

zvg

Die Geschichte des Kunsthauses Zürich ist eng mit jener des Waffenhändlers Emil Bührle (1890-1956) verbunden. Bührle, der mit der Wiederaufrüstung Deutschlands reich wurde, finanzierte einst den ersten Erweiterungsbau des Kunsthauses. Nun soll nächstes Jahr noch ein Erweiterungsbau des Kunsthauses fertig werden.

Es gelte, Platz für Bührles Kunstsammlung zu schaffen, hiess es im Abstimmungskampf. Im Wissen um die heikle Verbindung von Kunst und Kriegsgeschäften gaben Stadt und Kanton Zürich eine historische Studie bei der Universität Zürich in Auftrag. Nun liegt sie vor – und legt dar, was es mit Bührles Waffen- und Kunstgeschäften auf sich hatte.

1924 schickte die Magdeburger Werkzeug- und Maschinenfabrik Bührle nach Zürich. Er sollte die Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon (WO) sanieren und auf Waffenproduktion umstellen. Ziel war die verdeckte Wiederaufrüstung Deutschlands, das nach dem Ersten Weltkrieg keine Kriegsindustrie mehr haben durfte.

Für Bührle begann eine steile Karriere: Die WO wuchs unter seiner Führung zum grössten Unternehmen der Schweizer Rüstungsindustrie. Und Bührle, der 1937 den Schweizer Pass erhielt, war bald der reichste Mann der Schweiz.

Geschäfte mit Nazi-Deutschland und den USA

«Bührle war ein Opportunist», sagte der Historiker Matthieu Leimgruber gestern bei der Präsentation der Studie «Kriegsgeschäfte, Kapital und Kunsthaus» . Er verkaufte Waffen, wo es ging. Ab 1940 bis kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs waren fast ausschliesslich Nazi-Deutschland und seine Verbündeten die Kunden der WO.

Das brachte ihr 540 Millionen Franken ein – und machte 70 Prozent des damaligen Kriegsmaterialexports der Schweizer Rüstungsindustrie aus. Bührle war auch an der deutschen Rüstungsfirma Ikaria beteiligt, die Zwangsarbeiterinnen einsetzte. Aus dieser Beteiligung kassierte er 870'000 Franken. Sein Vermögen wuchs im Zeitraum 1938 bis 1945 von 8 Millionen auf 162 Millionen Franken.

Er baute damit eine Kunstsammlung von Weltrang auf. Darunter befand sich auch Raubkunst, die er nach dem Krieg ihren legitimen Besitzern zurückgeben musste, um sie dann teils erneut zu kaufen. 1940 nahm die Sammlungskommission des Kunsthauses Zürich Bührle auf. Er spendete zwei Millionen Franken für die erste Kunsthaus-Erweiterung. Auch der sozialdemokratisch geprägte Stadtrat begrüsste sein kulturelles Engagement. Es verschaffte dem Waffenhändler Anerkennung bei den Zürcher Eliten – und trug dazu bei, dass das Kunsthaus Zürich zu einer Museum mit nationaler Ausstrahlung wurde.

Nach 1945 orientierte Bührle sich nach Westen: Nun verkaufte er den USA Waffen für den Korea-Krieg. Und kaufte in den New Yorker Galerien reichlich Kunst ein. Die Sammlung Bührle wuchs auf rund 600 Werke. Ihr Wert wird heute auf drei bis vier Milliarden Franken geschätzt. Sie soll zum Prunkstück des neuen Zürcher Kunsthaus-Erweiterungsbaus werden.

Die Entstehung der Studie über Emil Bührle und das Zürcher Kunsthaus verlief nicht ohne Konflikte

Wie unabhängig kann Forschung sein, wenn die öffentliche Hand als Auftraggeber sowie Vertreter des Forschungsgegenstands dreinfunken? Um diese Frage entbrannte im Vorfeld der Studie «Kriegsgeschäfte, Kapital und Kunsthaus» Streit. «Es hat öffentlich gerumpelt», sagte Zürichs Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) bei der Präsentation von Matthieu Leimgrubers Studie über Emil Bührle und das Kunsthaus.

Es rumpelte diesen Sommer via «Wochenzeitung». Dort kritisierte der Historiker Erich Keller, der an der Studie anfangs mitgewirkt hatte, dass Mauchs Kulturchef Peter Haerle sowie Lukas Gloor, Direktor der Stiftung Sammlung Emil Bührle, beschönigend hätten Einfluss nehmen wollen. Haerle gehörte dem von Mauch präsidierten Steuerungsausschuss zur Studie an, ebenso wie Vertreter der Bührle-Stiftung, des Kunsthauses und der Zürcher Kunstgesellschaft. Inhaltlich ging es um Folgendes: Wie sollte Bührles Mitwirken in einem antidemokratischen Freikorps nach dem Ersten Weltkrieg dargestellt werden? Wie seine Qualifikation einer «Nebelspalter»-Karikatur als «fratzenhafte jüdische Vorstellung», wie sein mögliches Wissen um Einkünfte aus Zwangsarbeit durch Beteiligung an einer deutschen Rüstungsfirma? Nach dem Rumpeln beauftragte die Universität Zürich den Historiker Jakob Tanner, die Vorwürfe zu überprüfen. Tanner bescheinigt der Studie nun zwar Wissenschaftlichkeit, übt aber auch Kritik: So sei das Archiv der Sammlung Bührle nicht benutzt worden. Und er schreibt: «Keller hat recht, wenn er auf die Glaubwürdigkeitshypothek, die mit der Einrichtung eines Steuerungsausschusses auf dem Forschungsbericht lastete, hinweist.» Bei einem derart heiklen Thema sei die Zusammenarbeit mit einem Steuerungsausschuss schwierig. Mauch folgerte nun: «Das würden wir nicht mehr so machen.» Keller hatte sich aus dem Projekt zurückgezogen. Und die Vertreter der Bührle-Stifung, des Kunsthauses und der Zürcher Kunstgesellschaft verliessen im Sommer den Steuerungsausschuss. (mts)