Filmfestival Venedig: Spielt Tilda Swinton eine Rolle als Mann? 

Tilda Swinton und «Fifty Shades of Grey»-Star Dakota Johnson lassen sich in Venedig für einen verstörenden Thriller feiern. Das Hauptinteresse galt aber einem ominösen Schauspieler, der abwesend war.

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Tilda Swinton und Dakota Johnson in Venedig. (Bild: AP)

Tilda Swinton und Dakota Johnson in Venedig. (Bild: AP)

Der Himmel über Venedig hätte nicht besser zur Stimmung vieler Filme beim Festival passen können. Dunkel, wolkenverhangen und düster war er, fast das gesamte Wochenende über – genauso wie die Werke, die in diesen Tagen ihre Premiere feierten: Es ging um RAF-Terror in Westdeutschland, gefährliche Rituale von Hexen. So anstrengend diese Werke teilweise waren, es könnte auch ein Anwärter auf den Goldenen Löwen darunter sein.

Empörte Buhrufe und frenetischer Beifall – für «Suspiria» gab es in Venedig beides. Tatsächlich polarisierte der Wettbewerbsbeitrag von Luca Guadagnino enorm. Der Italiener, der zuletzt für sein oscarnominiertes Drama «Call Me By Your Name» gefeiert wurde, legte ein Remake von Dario Argentos Horrorfilm «In den Krallen des Bösen» vor. Mit Dakota Johnson und Tilda Swinton geht er ins Westberlin der 70er-Jahre, wo eine junge Amerikanerin an einer Tanzschule angenommen wird.

Die Tage der Landshut-Flugzeug-Entführung und Anschläge durch die RAF bilden nur den Hintergrund für eine Geschichte voller Wahn und Magie, Hexen und Heldinnen, Realität und Imagination. Es wurde eine nervenaufreibende und herausfordernde Erfahrung für das Kinopublikum, das zugleich auch einige der eindringlichen Szenen des Kinoexperiments so schnell wohl nicht vergessen wird – beste Voraussetzungen für den Hauptpreis des Festivals. Nicht nur der Filminhalt irritierte, auch die Besetzung löste Rätselraten aus. Denn in dem Werk taucht nur ein einziger Mann auf: Der Psychoanalytiker Dr. Klemperer wurde laut Produktionsangaben von Lutz Ebersdorf gespielt. Für den 82-Jährigen wäre es die erste Rolle gewesen. Aber gibt es Ebersdorf wirklich? Dass er eine gewisse Ähnlichkeit mit Tilda Swinton hat, die im Film eine der Tanzlehrerinnen verkörpert, fiel jedenfalls vielen Festivalbesuchern auf. Nach Venedig kam er auch nicht, er wolle lieber eine private Person bleiben, hiess es. Und Swinton verwies auf Nachfrage lediglich auf die offizielle Besetzungsliste. Möglicherweise gelang Guadagnino mit dieser Rolle also ein cleveres Verwirrspiel, das die Themen seines Films auf originelle Weise aufgreift.

Beim Filmfestival gab es am Sonntag auch wieder etwas zu lachen: Joaquin Phoenix («Walk the Line») und John C. Reilly verkörpern «The Sisters Brothers». Zwei Brüder, die als Auftragskiller durch das Oregon der 1850er-Jahre jagen.