Cannes muss dringend über die Bücher

Das renommierte Cannes Film Festival fand vom 17. bis 28. Mai an der Côte d'Azur in Frankreich statt. Das 70-Jahr-Jubiläum gestaltete sich zu blass.

Christian Jungen, Cannes
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Typisch für Cannes 2017? Die leicht gelangweilt wirkende Schauspielerin Jessica Chastain bei der Preisverleihung. (Bild: Keystone (28. Mai 2017))

Typisch für Cannes 2017? Die leicht gelangweilt wirkende Schauspielerin Jessica Chastain bei der Preisverleihung. (Bild: Keystone (28. Mai 2017))

Irgendwann in der Mitte des Festivals von Cannes löste Mitleid den Ärger ab. Da feierte das erste Filmfestival der Welt ein Jubiläum und enttäuschte sein Publikum Tag für Tag. Mit Spannung erwartete neue Titel von Christopher Nolan («Dünkirchen») und Terrence Malick («Radegund») hat es nicht bekommen. Und präsentierte Beiträge von alten Bekannten wie Todd Haynes, Naomi Kawase, Arnaud Desplechin, André Téchiné oder Claude Lanzmann, die im Formtief steckten. Das Festival, das am Sonntag zu Ende ging, ist zum Sklaven seiner eigenen Politik geworden, vormalige Preisträger weiter einzuladen.

Dabei hätte es durchaus frische Werke gegeben. Die liefen aber in Nebensektionen wie «Un certain regard», wo man die aufregenderen Filme sah als im Wettbewerb, zum Beispiel «Jeune femme» über eine widerborstige junge Frau in Paris mit der jungen Französin Léonor Serraille, die dafür den Hauptpreis der Sektion gewann. Die Gefahr besteht, dass sich in Zukunft wieder nichts ändert, weil Cannes mit einem blauen Auge davongekommen ist. Denn die Jury hat ein kluges Palmarès zusammengestellt, das den Jahrgang besser erscheinen lässt, als er war. Mit «The Square» hat es die Goldene Palme einem der wenigen guten Filme verliehen, einer Satire von Ruben Östlund auf die Intellektuellen im Kunstbetrieb. Der Film enthält lakonischen Bildwitz, mokiert sich über politische Korrektheit und erhielt in der Pressevorstellung in Cannes mehrmals offenen Szenenapplaus.

Offenbar war der künstlerische Direktor Thierry Frémaux letztes Jahr unglücklich, dass Maren Ade (*1976) mit ihrem Meisterwerk «Toni Erdmann» leer ausging. Und dass der Altmeister Ken Loach (*1936) eine zweite Palme erhielt. Mit dem 42-jährigen Ruben Östlund hat Cannes erstmals seit Jahren wieder einen Gewinner unter 50. Und mit den Preisen für Sofia Coppola («The Beguiled») als beste Regisseurin und Lynne Ramsay («You Were Never Really Here») für das beste Drehbuch wurden zwei der drei Regisseurinnen aus dem Wettbewerb geehrt. Insgesamt jedoch enthielt der Wettbewerb zu viele formverliebte Werke ohne Bezug zur politischen Realität.

Als Problem erwies sich auch die Absenz von Hollywood. Zum ersten Mal seit 50 Jahren lief keine Grossproduktion eines Studios – man vermisste einen spektakulären Eventfilm, wie ihn das Festival mit «The Great Gatsby» oder «Inside Out» in den letzten Jahren präsentierte. War es Pech? Oder stimmt es, dass Thierry Frémaux nach 17 Jahren amtsmüde ist? Lieber Bücher schreibt, als in Los Angeles Klinken zu putzen?

Cannes muss über die Bücher. Sechs von zwanzig Titeln im Wettbewerb waren französische Titel, dafür lief kein einziges Werk aus China, Lateinamerika, Afrika und Australien im Wettbewerb. Sämtliche Preise blieben in Europa oder gingen nach Nordamerika. Das Festival droht provinziell zu werden.

Christian Jungen, Cannes

kultur@luzernerzeitung.ch

Der Filmjournalist Christian Jungen. (Bild: Archiv LZ)

Der Filmjournalist Christian Jungen. (Bild: Archiv LZ)