CD: David Bowies düsteres letztes Album

Es klingt wie eine düstere Ahnung: «Blackstar», also schwarzer Stern, heisst das letzte Album von David Bowie zu Lebzeiten. Die zum 69. Geburtstag des britischen Pop-Megastars am 8. Januar veröffentlichte Platte ist ein würdiges Vermächtnis.

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Videostill aus David Bowies letztem Album Blackstar. (Bild: Youtube)

Videostill aus David Bowies letztem Album Blackstar. (Bild: Youtube)

«Blackstar» (Sony) steht seit dem vergangenen Freitag - Bowies Geburtstag - weltweit in den Läden. Es ist, was noch vor wenigen Tagen kaum jemand ahnte, das musikalische Vermächtnis des mit 69 Jahren an Krebs gestorbenen Sängers und Songschreibers geworden.

Der Albumtitel bekommt nun eine fast schon unheimliche zusätzliche Bedeutung - zumal einige der sieben zwischen wuchtigem Rock und modernem Jazz oszillierenden Songs zu den düstersten, melancholischsten in Bowies Karriere gehören.

Ein grosses Alterswerk

Noch einmal hatte sich der ewige Klangsucher und Genre-Hopper neu erfunden, mit den wilden Saxofon-Exkursionen und verschachtelten Rhythmen einer entfesselten Band Neuland betreten.

Die Kritik ist sich einig: Dies ist ein grosses Alterswerk, aber keine Musik für Menschen, die von Bowie nur Hits wie «Heroes» oder «Space Oddity» mögen. Man staunt über McCaslins ekstatische Saxofon-Soli und mutige Improvisationen der Band, die enorme Schlagzeug-Wucht von Mark Guiliani, Elektronik-Experimente und Bowies Abkehr vom klassischen Strophe/Refrain-Songformat.

Die Mission Rock-Verweigerung wurde fast schon übererfüllt. Bowies radikal neuer Sound knüpfte bei Radiohead und Massive Attack, bei Dub und Hiphop ebenso an wie bei den Artrock-Veteranen King Crimson oder dem anstrengenden Schön- bis Schrägtöner Scott Walker, einem Altersgenossen Bowies.

Sieben lange Songs

«Blackstar» besteht aus nur sieben meist langen Songs mit insgesamt gut 40 Minuten Spieldauer. Bowie liess dafür seiner im New Yorker Club «55 Bar» rekrutierten Truppe fabelhafter Jazzmusiker lange Leine und zwang seine durchaus hörbar gealterte Stimme nochmals zu einer grossen Vorstellung.

Schon der fast zehnminütige Titeltrack ist als Auftakt einer für Millionenverkäufe vorgesehenen Megastar-Platte eine (gleichwohl spektakuläre) Zumutung: Bowie im gekünstelten Falsett, ein hektisch-nervöser Rhythmus, wildes Sax-Gebläse, düstere Textzeilen - wenn man sich daran einigermassen gewöhnt hat, ist noch nicht einmal die Hälfte des Songs herum, und es entsteht nach kurzer Überleitung ein neuer, ruhigerer, aber nicht weniger spannender Groove.

Man spürt auch in Stücken wie «'Tis A Pity She Was A Whore» oder «Sue», wie sehr das Zusammenspiel mit jüngeren, von Rock-Dogmen unberührten Musikern Bowie inspiriert hat. Ein Höhepunkt ist «Lazarus» - der Brite schrieb den Song für sein gleichnamiges New Yorker Musical, das im Dezember mit dem Serienschauspieler Michael C. Hall («Dexter») in der Hauptrolle Premiere hatte.

Mit der versöhnlichen Ballade «Dollar Days» und dem hochkomplexen «I Can't Give Everything Away» endet ein Album, das von Kritikern sofort zu den besten Werken des neuen Jahres gezählt wurde - und das nun weit über 2016 hinausreichen wird. Als letzter Akkord eines fantastisches Lebenswerks. Nicht vielen Rockmusikern ist eine solche Leistung zum Schluss vergönnt.

sda

David Bowie verstarb am 10. Januar 2016 an Krebs. In den Herzen seiner Fans wird der Künstler ewig weitersingen. (Bild: Keystone/EPA/Heiko Junge)
8 Bilder
David Bowie und seine Traumfrau, Model Iman, an den Fashion Awards 2005 in New York. (Bild: Keystone/AP/Stuart Ramson)
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Unfälle, Drogenexzesse und Selbstfindung: Der Kämpfer Bowie hatte jede Lebenskrise gemeistert. Die letzten 18 Monate seines Lebens kämpfte er gegen den Krebs - und verlor den Kampf am 10. Januar 2016 umgeben von seiner Familie. (Bild: Keystone/Rene Volfik)

David Bowie verstarb am 10. Januar 2016 an Krebs. In den Herzen seiner Fans wird der Künstler ewig weitersingen. (Bild: Keystone/EPA/Heiko Junge)