CD-DOKUMENT: Ein Flüchtling wurde zur Schlüsselfigur

Die erste Schallplatte eines Schweizer Orchesters für den internationalen Markt entstand am Lucerne Festival. Paul Kletzki wurde damals zu einer Schlüsselfigur des Schweizerischen Festspielorchesters.

Fritz Schaub
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Paul Kletzki dirigiert das Schweizerische Festspielorchester im Alten Kunsthaus Luzern (1966). (Bild: Archiv LF/Paul Weber)

Paul Kletzki dirigiert das Schweizerische Festspielorchester im Alten Kunsthaus Luzern (1966). (Bild: Archiv LF/Paul Weber)

Fritz Schaub

kultur@luzernerzeitung.ch

In seinem Erinnerungsband «Lucerne Festival. Von Toscanini zu Abbado» (Pro Libro Verlag, Luzern) äusserte sich Erich Singer euphorisch über den gebürtigen Polen Paul Kletzki. Er war der Dirigent, der «das Schweizerische Festspielorchester seit den ersten Jahren immer wieder zu grossen Leistungen anspornte». Bis sein «fruchtbares Wirken» an den Musikfestwochen 1971 mit einer Aufführung von Mahlers «Auferstehungssinfonie» endete.

Heute dagegen sagt uns der Name – auf Polnisch Pawel Klecki (1900–1973) – kaum noch etwas, und auch damals gehörte er nicht zur allerersten Garde. Dabei war er eine der Schlüsselfiguren des Schweizerischen Festspielorchesters, in dem viele Musiker aus dem Eliteorchester Toscaninis Unterschlupf fanden. Während fünf Jahrzehnten prägte das Festspielorchester, zunächst als einziges Sinfonieorchester überhaupt, die damaligen Musikfestwochen ­Luzern nachhaltig.

Über Deutschland und Russland in die Schweiz

In die Schweiz gekommen war der Jude Kletzki 1939 über Deutschland und Russland als Flüchtling. 1943 gab er – inzwischen mit einer Schweizerin verheiratet – mit dem eben gegründeten Schweizerischen Festspielorchester ein glanzvolles Debüt mit einem slawisch-russischen Programm. Auch in der Folge fiel er mit unkonventionellen Programmen auf. 1944 dirigierte er als Einziger ein zeitgenössisches Werk eines Schweizers, 1949 führte er zum ersten Mal in Luzern ein Werk von Mahler auf («Das Lied von der Erde»).

Im Schlusskonzert der IMF 1946 dirigierte er mit der Vierten von Brahms, der Unvollendeten von Schubert und der dritten «Leonore-Ouvertüre» van Beethovens Repertoire-Klassiker, wohl weil es ein Wohltätigkeitskonzert war. Und es ist dieses Programm, mit dem jetzt Kletzkis Wirken in Luzern auf CD dokumentiert wird.

Der legendäre englische Schallplatten-Produzent Walter Legge war auf den komponierenden Dirigenten am Pult des Festspielorchesters aufmerksam geworden. Legge hatte nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Philharmonia Orchestra in London eigens einen Klangkörper für Schallplattenaufnahmen gegründet und unter anderen Karajan für die ersten Plattenaufnahmen gewonnen.

Lob des englischen Plattenproduzenten

Mit Kletzki nahm er in Luzern in dem in ein Aufnahmestudio umgewandelten Kunsthaus noch vor dem öffentlichen Sinfoniekonzert die Vierte von Brahms auf – wie damals üblich auf Schellackplatten. Was bedeutete: Für eine Plattenspieldauer von zwölf Minuten brauchte es damals etwa vier Stunden Aufnahmearbeit! Es war die erste Produktion eines Schweizer Orchesters überhaupt für den internationalen Markt.

Der für seine hohen Ansprüche gefürchtete Legge war beim Abhören vom Orchester derart begeistert, dass er es schade fand, dass dieser Ad-hoc-Klangkörper nicht das ganze Jahr beisammen war.

Noch am letzten Tag der Aufnahmesitzungen fand am Abend das Sinfoniekonzert statt, das vom Schweizer Radio mitgeschnitten wurde und jetzt in der bereits respektablen Reihe der historischen Aufnahmen der IMF erschienen ist. Christoph Vratz meint in seinem Kommentar im Begleitheft, das Spiel des Orchesters, das von der Probenarbeit bei der Studioproduktion natürlich profitierte, wirke bei der Brahms-Sinfonie im Konzertmitschnitt noch eine Spur freier und gelöster. Aber auch die beiden andern Werke, Schuberts Unvollendete und Beethovens dritte «Leonore-Ouvertüre», dokumentieren nicht weniger eindrücklich, auf welch hohem Niveau damals das Festspielorchester stand, auch wenn die Tonqualität deutlich historisch ist.

So leise wie im KKL-Konzertsaal!

Nur zwei Beispiele: Den Beginn der Schubert-Sinfonie spielt das Orchester so leise bis an die Grenze der Wahrnehmbarkeit, wie man es bisher nur im KKL für möglich hielt. Der Schluss der «Leonore-Ouvertüre» andererseits steigert sich so unwiderstehlich zur jubelnden Attacke, dass man unweigerlich an Furtwängler denken muss. Übrigens: Nur wenige Monate nach diesem Konzert nahm Kletzki für Walter Legge in London Schuberts Unvollendete unter Studiobedingungen auf mit dem Philharmonia Orchestra.

Es folgten weitere Produktionen für Legge, darunter Orchestermusik von Wagner, Ouvertüren von Berlioz und Smetana sowie Tschaikowskys Fünfte. Seine Karriere beendete Kletzki, der auch 1949, 1966 und 1971 an den IMF auftrat, in der Schweiz als Nachfolger von Ernest Ansermet an der Spitze des Orchestre de la Suisse Romande.

Hinweis

Schweizerisches Festspielorchester, Dirigent: Paul Kletzki. Brahms (Sinfonie Nr. 4), Schubert (Sinfonie Nr. 7 Unvollendete), Beethoven («Leonore-Ouvertüre» Nr. 3, 1 CD, audite).