Cecilia Bartoli singt zum zweiten Mal unbekannte Vivaldi-Arien

Erneut präsentiert Cecilia Bartoli unbekannte Vivaldi-Arien aus neun verschiedenen Opern. Dabei kann man ein faszinierendes Wetteifern zwischen Stimme und Instrumenten hören.

Fritz Schaub
Drucken
Teilen
Cecilia Bartoli bei einem Auftritt im KKL. (Bild: LF/Peter Fischli (3. 9. 2018))

Cecilia Bartoli bei einem Auftritt im KKL. (Bild: LF/Peter Fischli (3. 9. 2018))

Wenn es heute eine Sängerin gibt, die Geschichte schreibt wie ähnlich in ihrer Zeit Maria Callas auf dem Gebiet der Belcanto-Oper, so ist es die in Zürich lebende italienische Mezzosopranistin Cecilia Bartoli. Vor 20 Jahren legte sie ein Album vor mit lauter unbekannten Arien des Venezianers Antonio Vivaldi, von dem bis dato nur die «Vier Jahreszeiten» und das eine oder andere Violinkonzert bekannt waren. Die Musikwelt versank in einen wahren Vivaldi-Rausch, es wurden Hunderttausende von CDs verkauft, und das Publikum liegt seither Cecilia Bartoli zu Füssen.

Nun liegt auf dem gleichen Label ein neues Vivaldi-Album vor, das wiederum unbekannte Arien aus neun verschiedenen Opern des italienischen Barockmeisters enthält, die nicht auf dem Vivaldi-Album von 1999 figurieren. Die Stimme zeigt keinerlei Abnützungserscheinungen, obwohl Bartoli auch hier bis an die Grenze des Ausdrucksspektrums geht. Vielmehr profitiert sie von den Erfahrungen, die sie inzwischen mit weiteren Ausgrabungen aus dem Bereich der Barockoper gesammelt hat. Denn damals konzentrierte sie sich noch auf Komponisten wie Rossini und Mozart, bis sie entdeckte, dass ihre umfangmässig ja nicht grosse, aber unglaublich bewegliche Stimme wie geschaffen ist für diese Sparte (Gluck, Salieri-Album, Opera proibita, Maria, Sacrificum).

Dabei kam ihr entgegen, dass im gleichen Zug auf Originalinstrumenten spielende Kammerorchester sich ebenfalls um die verborgenen Schätze kümmerten. Wie in den letzten Jahren vor allem das französische Ensemble Matheus unter der Leitung von Jean-Christophe Spinosi, das die Sängerin jetzt auf dem Album begleitet. Cecilia Bartoli lässt sich hörbar inspirieren vom warmen Streicherklang und der virtuosen Vortragsart des Ensembles, was auch umgekehrt gilt.

Extreme Gegensätze

Das zeigt sich schon beim ersten Stück «Se lento ancora il fulmine», wo die betrogene Zanaida zuerst einer Furie gleich gegen ihren untreuen Ehemann wettert, dann aber im zweiten Teil ihre Stimme auf ein inniges Piano zurücknimmt und damit die Verzeihung in Aussicht stellt, wenn er zu ihr zurückkehrt. Im gleichen Atemzug unterstreicht das Ensemble die kontrastierenden Gefühlsebenen: streng, mit Vibrato-losen, schroffen Streichern hier, mit warmem Streicherschmelz dort. Solche extremen Gegensätze ziehen sich durch das ganze Album, wobei bei den Wiederholungen Solistin und Ensemble den Ausdruck immer wieder im Tempo und im Ausdruck variieren.

Faszinierend, wenn jeweils ein Soloinstrument (Trompete, Flöte, Violine) sich zur Solostimme gesellt und mit ihr wetteifert in puncto Ausdruck und Figurationen – exemplarisch etwa dort, wo die Streicher, angeführt von Spinosis Sologeige, mit den Vokalisen das Gezwitscher eines freien und eines gefangenen Vögleins evozieren («Quell’ augelin que canta») oder mit unendlicher Ruhe eine Seelenlandschaft ausbreiten («Sovente il sole»).

Vivaldi-Album II, Cecilia Bartoli, Ensemble Matheus (Decca)