Eine besondere Musik aus Luzern: Cello Inferno und der Groove der Strasse

Als Strassenmusiker hat Cello Inferno seine Sporen abverdient. Inzwischen ist der Luzerner gefragt und hat seine erste Platte veröffentlicht.

Pirmin Bossart
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Cello Inferno (39) mit einer selbst gebauten einsaitigen Gitarre. (Bild: PD)

Cello Inferno (39) mit einer selbst gebauten einsaitigen Gitarre. (Bild: PD)

Seine Musik stampft und rollt. Rau intoniert die Reibeisenstimme. Die Gitarre sprüht Funken und die Blues Harp heult in verblasenen Obertönen. Dazu klopft die Basspauke ihren Groove und faucht die feuerspuckende Kaffeemaschine im Takt. Cello Inferno, der bärtige Musiker, ist eine One-Man- Band. Mit Feuerzauber und selbst gebauten Instrumenten macht er seine Auftritte zu einem kleinen Spektakel.

Der 39-jährige Luzerner mit dem bürgerlichen Namen Marcello Palermo hat wenig Berührungsängste. Er spielt auf der Strasse, an Festen, in Kellerclubs, an kleinen Festivals, in Bars, an Open Airs. Tausende von Menschen haben ihn schon erlebt und sich über diesen Selfmade-Musiker mit dem rauen Charme gewundert. Er grinst. «Würde ich alles zusammenrechnen, hätte ich mit meinen Konzerten sicher schon das Hallenstadion gefüllt.»

Rhythmus mit der Espressokaffeekanne

Vor 15 Jahren war Cello Inferno gelegentlich in einem Trio mit Pink Spider und Rahel «Lady Bass» Steiner unterwegs. Damals spielte er Banjo, das er fast zart und scheu intonierte. Irgendwann tauchte er auf der Strasse auf, hatte eine Basspauke dabei, mit der er Rhythmus machte, und eine Espressokaffeekanne, die er zu einem feuerspeienden HiHat umfunktionierte. 2018 umrahmte er die Eröffnungsnacht des Festivals Woerdz, wo Moderatorin Hazel Brugger zwischen den Wortbeiträgen mit ihm herumflirtete.

Marcello begann als Autodidakt mit 14 Jahren Gitarre zu spielen. Er war ein «Metaller» und spielte in einer Band, die im Sedel probte und sich alle drei Monate einen anderen Namen gab. Nach einer Lehre als LKW-Fahrer hatte er keine Lust auf einen 08/15-Job. Irgendwann sah er einen Flyer des Kinderzirkus Pipistrello, der Leute suchte. Er meldete sich und fand Gefallen daran, mit den Kindern Animationsprogramme zu entwickeln. «Dort begann ich, Gitarrenbanjo zu spielen.»

Bald konnte er günstig ein 5-String-Banjo erwerben. Er brachte sich die Technik mit Büchern und Plattenhören selber bei. Darum liebt er neben Blues, Rock’n’Roll und Country auch Irish Folk und Bluegrass. «Irgendwann würde ich gerne mal in einer Bluegrass-Band Banjo spielen.» Aber das hat Zeit. Die One-Man-Band ist gefragt, der Blues-Trash kommt von Herzen. Marcello grinst. «Und du musst keine Gage teilen.»

Als Strassenmusiker auch mal wild campiert

Die zwei Jahre Pipistrello legten einen guten Boden für das Performative, das Handwerk und das Tüfteln. Nach dem Zirkus, er war Anfang 20, tingelte er als Strassenmusiker mehrere Jahre durch Deutschland, Frankreich, England und Irland. Er reiste mit Zug und Bus, trampte, nutzte Mitfahrgelegenheiten. «Ich habe wild campiert, manchmal schlief ich in einem Hostel oder auf einem Wagenplatz.»

Nach seinen Auslandtrips tauchte Cello Inferno vermehrt in den Strassen der Schweizer Städte auf. Wahrscheinlich wollte er sich warmlaufen, bevor er sich an das öffentliche Heimspiel wagte. Inzwischen sang er auch, hatte eigene Songs, spielte Banjo oder selber gebaute Cigarbox-Gitarren und begleitete sich auf einem rudimentären Schlagzeug. Sein Slogan, der auf der Bassdrum prangt, zeigt Selbstironie: «100 % no beauty and no talent, but 666 % rock’n’roll.»

Neuerdings ist die Blues-Harp zur Leidenschaft geworden. «Ich übe jeden Tag, habe sie immer dabei. Ich sitze auch regelmässig am Schlagzeug. So komme ich auf neue Beats, die in meine Musik einfliessen.» Obwohl er in den letzten Monaten vor lauter Gigs kaum mehr Strassenmusik gemacht hat, möchte er dieses Metier nicht aufgeben. «Auf der Strasse spielst du nicht für eine bestimmte Szene, sondern für das ganze Spektrum von Leuten, vom Punker bis zum Banker. Es ist eine ehrliche Plattform.»

Er erzählt auch von dunklen Seiten des Lebens

Seine aktuelle EP hat Cello Inferno im Proberaum aufgenommen. Gemixt und gemastert wurden die fünf Songs vom Rockspezialisten Deezl Imhof. Die Musik ist vom Blues grundiert, voller Expression, rumpelndem Groove und Slide-Gewimmer. «A lonesome Blues tonight» ist ein Highlight, das mit ungestümem Gesang, Banjo-Pickings und elektrischen Gitarreneinwürfen auch von dunklen Seiten des Lebens erzählt.

In den geradlinigen Songs gibt es wenig harmonische Variationen. Wenn schon, sind sie in den Hitzegraden der Energie zu entdecken. Der Sound ist ein ungesüsster Cocktail aus Trash-Blues, Garage-Rock und Psychobilly, wie er etwa auch auf dem Label Voodoo Rhythm Records um Beat-Man zu Hause ist, dessen Produktionen er schätzt.

Eine Gitarre mit einer Saite

Seit drei Jahren bietet Marcello als Nebenerwerb mit einem Kollegen Animationsworkshops an: In Ferienlagern, am B-Sides oder an Veranstaltungen in Jugendorganisationen lehren sie die Kinder und Jugendlichen, eine Cigarbox-Gitarre oder andere einfache Instrumente zu bauen. «Eine Gitarre mit einer Saite lässt sich gut in einem Tag herstellen. Mit einer Saite lässt sich musikalisch schon vieles anstellen.» Der Job macht Spass. «Kinder haben einen frischen Geist und nicht den Tunnelblick, den Erwachsene oft haben.»

Nach harten Jahren, in denen er auch Schulden hatte, ist Cello Inferno heute so weit, dass er ohne Chartsplatzierungen und Streamingplattformen als Musiker leben kann. Davon können viele gehypte Bands nur träumen. Marcello locker: «Ich habe alles abbezahlt und kann mit den Einnahmen meine Rechnungen begleichen. Ich bin zufrieden, wie es läuft.»

Cello Inferno: Dangerous Curves, EP, Vinyl/CD, 2019 www.cello-inferno.ch