CHAM: Kaya Yanar: «Glück ist etwas Zerbrechliches»

Mit «Was guckst du?» ist er bekannt geworden. Nun ist Kaya Yanar mit seinem neusten Programm auf Schweiz-Tournee. Nächste Woche tritt er im Lorzensaal auf.

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Kaya Yanar ist aktuell mit seinem neuen Programm «Der Reiz der Schweiz» auf Tournee. (Bild: PD)

Kaya Yanar ist aktuell mit seinem neuen Programm «Der Reiz der Schweiz» auf Tournee. (Bild: PD)

Interview Reinhold Hönle

Der deutsch-türkische Stand-up-Comedian Kaya Yanar lebt mit seiner Schweizer Freundin am Zürichsee. Nun hat er seine bisher längste CH-Tournee begonnen. Mit «Der Reiz der Schweiz» hat er dafür erstmals ein massgeschneidertes Programm geschaffen.

Was macht für Sie den Reiz der Schweiz aus?

Kaya Yanar: Der grösste Reiz der Schweiz ist für mich natürlich meine Schweizer Freundin. Ich mag an der Schweiz und ihrer Bevölkerung aber auch, dass die positiven Klischees wie schöne Landschaften, Sauberkeit und Pünktlichkeit wirklich zutreffen. Ich schätze ausserdem die politische Neutralität, die direkte Demokratie und den netten Umgangston.

Welches Klischee stimmt nicht?

Yanar: Schweizerdeutsch per se ist nicht langsam. Wenn meine Freundin redet, ist es sogar sehr schnell. Spricht sie Hochdeutsch, was sie akzentfrei beherrscht, wirkt das etwas bedächtiger, weil sie ihre Worte genau abwägt. Wirklich langsam seid ihr Schweizer vor allem auf der Autobahn unterwegs. Wenn du aus Deutschland kommst, schläft dir bei einer Tempolimite von 120 Stundenkilometern leicht der Gasfuss ein! (lacht)

Nun gehen Sie erstmals auf eine grosse Schweizer Tournee mit 22 Auftritten. Ein Zeichen, dass Sie hier endgültig angekommen sind?

Yanar: Ja, da bin ich mir sicher! Zu meiner Schweizer Premiere 2003 im Stadttheater in Basel kamen 400 Leute. Im Hallenstadion sind es inzwischen schon 6000 Fans! Da hat eine riesige Entwicklung stattgefunden, was auch an meinem Privatleben liegt. In den vier Jahren, die ich mein Leben mit meiner Freundin bereits teile, habe ich enorme Kenntnisse erworben, die ich in meine Programme einfliessen lassen kann. Das hat nichts mehr mit den simplen Klischee-Gags über «Chuchichäschtli» oder «Taschenmesserli» zu tun, mit denen ich wie manch andere deutsche Komiker vor 13 Jahren begonnen hatte und welche die Schweizer nicht mehr hören können.

Was für Insiderwissen haben Sie denn erworben?

Yanar: Ich kenne eine Sportart wie Hornussen. Die ist total witzig: Ein Spieler drischt mit einer Angel auf einen Hornuss ein, und 20 oder 30 andere stehen in einer Wiese und wedeln dort laut rufend mit ihren Pizzablechen herum. Und das Lustige ist, dass Zuschauer dieses komische Geschoss gar nicht erkennen können. Das ist ungefähr wie Fussballgucken, ohne dass man den Ball sieht!

Gehen Sie mit einem komplett neuen Programm auf Tournee, oder basiert es auf «Planet Deutschland»?

Yanar: Grundsätzlich sind das zwei Paar Stiefel, aber es kann sein, dass es ein paar Überschneidungen geben wird, da ich in einigen Nummern von «Planet Deutschland» ebenfalls aus meinem Privatleben in der Schweiz erzähle. Das letzte Bühnenprogramm «Around The World» zeigte jedoch, dass dies die Schweizer mehr interessiert als die Deutschen, da die Leute mehr über das lachen, was sie kennen.

Ist Ihnen eigentlich schon aufgefallen, dass Sie in ein Land gezogen sind, das sich vehement gegen einen EU-Beitritt sträubt, während das Land Ihrer Ahnen unbedingt in die EU rein möchte?

Yanar: Nein, aber das ist ein guter Gag – den muss ich mir merken! Beides ist für mich nachvollziehbar. Die Schweiz, in der die Kantone und Regionen eine grosse Souveränität geniessen, will nicht in die EU, weil sie viel von ihrer Unabhängigkeit verlieren würde. Die Türkei will wegen dem schnöden Mammon in die EU, da sie darin als grösster Agrarstaat viele Subventionen bekäme.

Es existieren aber nicht nur Gegensätze. Die Verfassungen sind sehr ähnlich ...

Yanar: Ja, ich weiss, als Atatürk Anfang der Zwanzigerjahre die türkische Republik begründete, hat er sich die Schweizer Verfassung zum Vorbild genommen. Das war gar nicht so abwegig, wollte er sich doch wie einst Wilhelm Tell nicht vor dem Adel wegducken. Übrigens finde ich es sehr sympathisch, dass in der Schweiz anders als etwa in England der Dialekt nicht als Sprache der Unterschicht gilt, sondern nur als Mittel zur geografischen Abgrenzung benutzt wird.

Sie haben einmal gesagt, Sie hätten das Gefühl, nicht mehr unendlich Zeit zu haben. Wie kam es dazu?

Yanar: Ich habe in den 15 Jahren seit meinem Durchbruch sehr viel gearbeitet. Einmal, weil mir mein Beruf grossen Spass macht, aber auch, weil man als Künstler nie weiss, wann die Party vorbei ist. Die Selbstzweifel sind inzwischen kleiner geworden, doch bedauerlicherweise sind in den letzten Jahren einige Menschen in meinem Umfeld verstorben. Das hat mir bewusst gemacht, wie zerbrechlich unser Glück ist, und ich begann, mir viel mehr Zeit für meine Beziehungen zu nehmen. Nicht nur für meine Freundin, auch für meine Mutter, die mit 62 noch relativ jung ist und mit der ich auch mal verreisen möchte, für meinen Bruder oder meinen Onkel.

Hat sich der Kontakt zu Ihrer Verwandt­schaft in der Schweiz intensiviert?

Yanar: Einer meiner Cousins ist inzwischen nach Neuseeland gezogen, aber die anderen sehe ich nun öfter. Am meisten besuche ich aber den Onkel, der inzwischen schon Mitte 80 ist und nicht weit weg wohnt. Ich mag es unheimlich, wenn er über die Türkei von früher und die Auswanderung der Familie nach Europa erzählt. Ich frage dann, ob ich ihn mit meinem Smartphone aufnehmen darf, weil ich seine Geschichten für wertvolle Zeitdokumente halte.

Konnten Sie die Feiertage geniessen, oder waren Sie noch mit Tourneevorbereitungen beschäftigt?

Yanar: Nein, da ich normalerweise keine Texte schreibe, die ich nachher auswendig lernen muss, sondern laufend notiere oder diktiere, was mir widerfährt, sind meine Programme eigentlich immer «schon da» – ich muss nur noch eine Auswahl treffen und sie in Form bringen. Wenn ich etwas selbst erlebt habe, reicht mir eh ein Stichwort, um das wieder hervorholen zu können. Nur bei recherchierten Nummern oder der Imitation von Dialekten halte ich den genauen Wortlaut fest. So konnten wir zu Hause ausspannen.

Getrauen Sie sich inzwischen wieder, Ski zu laufen, oder haben Sie Ihren heftigen Sturz vom vorletzten Winter noch nicht verdaut?

Yanar: Ich bin noch zögerlich. Da meine Freundin eine passionierte Snowboarderin ist, bin ich aber fast gezwungen, mich zu überwinden. Es wäre ja schon doof, wenn sie die Piste runterbrettern und ich nur in der Schneebar oder gar zu Hause sitzen würde.

Welche Schweizer Comedians bringen eigentlich Sie zum Lachen?

Yanar: Vor Marco Rima habe ich grossen Respekt. Er hat eine Riesenkarriere hingelegt. Meine Freundin, die Fan von ihm ist, checkt immer seine Social-Media-Kanäle. Die kleinen Sketches, die er dort postet, sind wirklich witzig. Was ich von Divertimento gesehen habe, fand ich ebenfalls sehr unterhaltsam. Der «Erwin aus der Schweiz» mit der Brille gefällt mir auch – wie die Songs vom Müslüm sowie Alain Frei, der vor allem in Deutschland bekannt ist. Es gibt in der Schweiz schon eine lebendige Kabarett- und Comedy-Szene!

Hinweis

Kaya Yanar im Lorzensaal Cham am Samstag, 23. Januar, 20 Uhr, und Sonntag, 24. Januar, 19 Uhr. Vorverkauf unter www.ticketcorner.ch oder www.dominoevent.ch