Charlotte Perriand kreierte Möbel und Architektur für die Ewigkeit – Jetzt erhält sie die verdiente Anerkennung

Ihr verdanken wir einige der besten Möbel. Doch ihr Name wurde kaum je genannt. Die Wiederentdeckung der Charlotte Perriand.

Sabine Altorfer
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Charlotte Perriand 1929 auf der «Chaise longue basculante». Diese wurde von ihr, Le Corbusier und Pierre Jeanneret gemeinsam entwickelt, aber bald nur als Corbusier-Liege erfolgreich vermarktet.

Charlotte Perriand 1929 auf der «Chaise longue basculante». Diese wurde von ihr, Le Corbusier und Pierre Jeanneret gemeinsam entwickelt, aber bald nur als Corbusier-Liege erfolgreich vermarktet.

Bild: Archives Charlotte Perriand

Eine sanfte Landschaft und eine japanische Stele schmeicheln dem Auge. Blickfang auf dem Umschlag des Comics aber ist die mit akkuratem Strich gezeichnete Frau, die entspannt zu träumen scheint. Auf einer dieser berühmten Corbusier-Liegen. Würde sie diese Benennung hören, würde sie wohl sofort hellwach aufspringen, ihr Notizbuch zücken und uns beweisen, dass sie an der Entwicklung der ­«Chaise longue basculante» massgeblich beteiligt war.

Sie, Charlotte Perriand (1903–1999). Architektin und Designerin, Französin, die in Japan, Indochina und Brasilien gearbeitet, aber Paris immer als ihr Zentrum gesehen hat. Und der wir Sessel, Sideboards und Tische, Küchen, Kleinwohnungen und serielles Bauen verdanken. Meist, ohne zu wissen, dass sie ihre Erfindungen sind.

Nun erfährt sie ein verdientes Revival. Die Fondation Louis Vuitton räumte im letzten Winter in Paris ihr ganzes Museum aus, um das Gesamtwerk Perriands aus 70 Arbeitsjahren zeigen zu können. Der Schweizer Verlag Scheidegger & Spiess brachte 2014–2019 vier grossformatige Bände heraus, die ihr Schaffen katalogisieren. Neu ist die ausführliche, schön bebilderte Biografie von Laure Adler auf Deutsch erschienen.

Aktuelle, wichtige Bücher

Charlotte PerriandComplete Works. Volume 1–4. Scheidegger & Spiess. Je 528 Seiten. Charles Berberian Charlotte Perriand – Eine französische Architektin in Japan 1940–1942. Comic. Reprodukt-Verlag. 112 Seiten. Laure Adler Charlotte Perriand. Ihr Leben als moderne und unabhängige Frau. Elisabeth Sandmann-Verlag. 192 Seiten.
Bild: zvg
Charlotte Perriand
Complete Works. Volume 1–4. Scheidegger & Spiess. Je 528 Seiten.

Charles Berberian
Charlotte Perriand – Eine französische Architektin in Japan 1940–1942. Comic. Reprodukt-Verlag. 112 Seiten.

Laure Adler
Charlotte Perriand. Ihr Leben als moderne und unabhängige Frau. Elisabeth Sandmann-Verlag. 192 Seiten.

Eigenwilligste Publikation ist der Comic von Charles Berbe
rian, der auf ihre Zeit in Japan fokussiert. Und auf dessen Cover Charlotte Perriand so glücklich zu träumen scheint.

Junges Genie und emanzipierte Frau

24 war Charlotte Perriand, als ihre «Bar sous le toit» aus Chromstahl und Glas – ihre Abschlussarbeit an der Union centrale des arts décoratifs – den 40-jährigen Le Corbusier und seinen Cousin Pierre Jeanneret begeisterte. Das war der Stil, der zu ihren Visionen passte. Doch «Corbu» tat sich schwer, eine Frau in seinem Männerbetrieb zu beschäftigen.

Sein patriarchalisch despektierliches Zitat «wir sticken hier keine Kissen» fehlt in keiner Biografie Per­riands. Doch bald war sie unentbehrlich. Die Zusammenarbeit mit den beiden Jeannerets dauerte zehn erfolgreiche Jahre. Charlotte entwarf die Stahlrohrmöbel, Tische und Regale, die Inneneinrichtungen für Corbusiers Wohnmaschinen.

Kompaktküche für Le Corbusiers Unité d’Habitation in Marseille, 1952.

Kompaktküche für Le Corbusiers Unité d’Habitation in Marseille, 1952.

Bild: MoMA

Möbel, die erst unter aller drei Namen firmierten und nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch unter dem populären Brand Le Corbusier.

Als intelligent, gar genial wird Charlotte Perriand beschrieben, als freiheitsliebend, sozial und politisch engagiert. Sie entwarf seriell fertigbare Obdachlosenheime und Schulpavillons, reiste nach Deutschland und nach Moskau, ihre Ehe scheiterte. Kurzum, sie war so selbstständig, wie es Frauen in den 1920er-Jahren erstmals sein konnten.

1940 erhielt sie eine Einladung des japanischen Industrieministeriums als Beraterin für japanische Designer. Sie reiste ab, mitten im Krieg, stürzte sich in die Entdeckung der fremden Kultur, fasziniert vom Handwerk, von Bambus und der genormten Bauweise der Häuser, von der Ästhetik, Philosophie und Teekultur. Das ist der Kern des Comics von Berberian. Aber er zeigt auch ihre Zweifel – in Form einer Krähe, die Le Corbusier ulkig ähnlich sieht. In Japan, dem Land ohne Sitzmöbel, sind ihre Hocker, niedrigen Tische und Bambussessel bis heute begehrte Klassiker.

Bild: zvg

Das nächste Ziel von Perriand war New York, doch der Angriff der Japaner auf Pearl Harbor 1941 nagelte sie in Tokio fest. Sie schlug sich nach Hanoi durch, brachte ihre Tochter zur Welt und kehrte 1946 nach Paris zurück.

Tiny House und Skiresort

Mit 43 musste sie in Paris wieder neu anfangen. Sie arbeitete als Einfraubüro und in Kooperationen: mit Jean Prouvé, dem Spezialisten für vorgefertigte Pavillonbauten – und wieder mit Le Corbusier. Sie baute für die japanische Botschaft, für die Air France, die Vereinten Nationen in Genf, richtete Studentenwohnheime ein und entwarf ein kleines, schlichtes Ferienhaus für Arbeiter. Wer heute Tiny House sagt, meint genau das.

Aktueller denn je: das mobile Fertighaus «La maison au bord de l’eau». Perriands Entwurf von 1934 wurde erst 2013 realisiert.

Aktueller denn je: das mobile Fertighaus «La maison au bord de l’eau». Perriands Entwurf von 1934 wurde erst 2013 realisiert.

Bild: Archives Charlotte Perriand

Wie als Gegenstück erscheinen ihre Grossbauten im Skiresort Les Arcs in den Savoier Alpen mit Hunderten von Kleinstwohnungen und ihrer ausgeklügelten Einrichtung. Dass sich hier weniger bemittelte Menschen Skiferien leisten konnten, war ein Anliegen von Perriand, der passionierten und wagemutigen Skifahrerin und Bergsteigerin.

Wie wenig Raum ein Mensch braucht, um glücklich zu wohnen, demonstrierte Perriand in ihrer Pariser Wohnung. Sie tüftelte und optimierte: Mit einem aus der Wand ziehbaren Tisch und so bequemen wie filigranen Drehsesseln konnte sie bis zu zehn Gäste bewirten.

Der legendäre Petit fauteuil pivotant von 1928 wird heute noch hergestellt.

Der legendäre Petit fauteuil pivotant von 1928 wird heute noch hergestellt.

Bild: MoMA

Moderne Klarheit kombinierte Perriand meisterhaft mit natürlichen Materialien: Tische aus Wurzelstöcken, Sessel aus Chromstahl und Leder, ein Kuhfell als Teppich und rohe Bruchsteinwände hinter perfekt farbig lackierten Metallschränken.

Heute fragt man sich, warum die geniale Erfinderin ihre Rechte und Urheberschaften nicht stärker verteidigt hat. Ihre Tochter gibt darauf eine einfache Antwort: Das nächste Projekt, die Zukunft habe ihre Mutter immer stärker interessiert als die Vergangenheit. Heute ist die Leistung von Charlotte Perriand endlich anerkannt. Und einige ihrer Möbel werden noch immer fabriziert. Jetzt unter ihrem Namen.