Charme der Endlosschlaufe

Das Bündner Kunstmuseum zeigt das Werk von Evelina Cajacob. Die Reise in ihr Universum der Wiederholung lohnt sich.

Mathias Balzer
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Handarbeit, eine Videoinstallation von Evelina Cajacob.

Handarbeit, eine Videoinstallation von Evelina Cajacob.

Bild: zvg/Kunstmuseum

Meterhohe weisse Papierbahnen, in Wachs getaucht, hängen von der Decke und begrenzen einen Raum. Die Installation markiert das Entrée in das Universum von Evelina Cajacob. Ein aufdringliches Geräusch ist zu hören. Das Video dazu zeigt Hände, die Stoffbahnen zerreissen, wie Schneiderinnen es tun. Aus der gegenüberliegenden Ecke erklingt das Summen einer Frauenstimme. Es gehört zum Händepaar, das die Stoffbahnen geduldig wieder zusammennäht.

Hier kommt bereits vieles zusammen, was diese Künstlerin auszeichnet: ein Gespür für Räume, filigrane Materialität, Hand-werk im wörtlichen Sinne, Endlosschlaufen und unterschiedliche Medien.

Das Bündner Kunstmuseum hat, in Zusammenarbeit mit der Kunsthalle Bochum, der 58-jährigen Künstlerin unter dem Titel «tanzen anders» die erste institutionelle Einzelschau ausgerichtet. Die Bündnerin lebt und arbeitet seit ihren Studienjahren in Barcelona, im bündnerischen Malans und in Chur. Seit mehr als 25 Jahren hat sie ein Werk entwickelt, das durch sein konsequentes Beharren auf wenigen Ausdrucksmitteln und Themen besticht. Augenscheinlich wird dies in der von Stephan Kunz kuratierten Ausstellung vor allem dadurch, dass ältere und neue Arbeiten scheinbar mühelos miteinander korrespondieren.

Zeichnungen und Video treten in Dialog

Über elf Räume verteilt führt die Ausstellung vom Neubau ins Kabinett der Planta-Villa. Eine grosse Kugel aus Kaninchenfell, eingezwängt in einen Glaswürfel, markiert den Übergang zwischen den Gebäuden. Eine frühe Arbeit Cajacobs, die ihre Anfänge als plastisch arbeitende Künstlerin zeigt, bevor die Zeichnung zu ihrem Hauptmedium wurde.

Cajacob füllt seit zwei Jahrzehnten unzählige Blätter, oder auch Galeriewände mit filigranen Zeichnungen, die schwebende Gebilde aus unzähligen Linien zeigen. Meist wellenartig, erinnern sie an Landschaften, lassen an Jahresringe, Gras, Haare oder Wellen denken und – bleiben doch abstrakt.

Die Künstlerin arbeitet mit unterschiedlichsten Linienformen, mal dick, mal hauchdünn. Es ist offensichtlich, dass diese komplexen Endlosschlaufen das Produkt einer unendlich geduldsamen, fleissigen Handarbeit sind. Resultat stundenlanger, meditativer Hingabe an Blatt und Linie. Die Ausstellung präsentiert dieses zeichnerische Werk in seiner ganzen Bandbreite und setzt es in Bezug zu Cajacobs Videoarbeiten.

Dort werden die geduldigen Hände der Künstlerin sichtbar. Scheinbar endlos faltet sie Küchentücher, rollt Wolle zu einem Knäuel, knetet Teig. Während die Zeichnungen mit ihren Linienkaskaden luftige Landschaften evozieren, zeigt Cajacob in den Videoinstallationen eine andere Form von Wiederholung: alltägliche Arbeiten, die über Generationen hinweg verrichtet werden, meist von Frauenhand. Unscheinbare Handlungen, die bei genauem Hinsehen wiederum filigrane Linien zeichnen: die Musterungen der Küchentücher, die Falten im Brotteig, die Fäden des Wollknäuels.

Während die Zeichnungen Spuren einer repetitiven Handlung sind, die sich in die Zeit einschreiben, weisen die Video-Performances darauf hin, dass Vieles in unserem Alltag Wiederholung des Immergleichen ist.

Albert Camus hat über den zum Steinerollen verdammten Sisyphos geschrieben, man müsse ihn sich als glücklichen Menschen vorstellen, denn er habe sein Schicksal, die ewige Wiederkehr, demütig angenommen. Im Werk Cajacobs scheint diese Feier des Absurden neu verwandelt in ihrem ganzen Reichtum auf.

Das Museum rückt Kunst von Frauen in den Focus

Neben Evelina Cajacob sind derzeit zwei weitere Künstlerinnen im wiedereröffneten Bündner Kunstmuseum zu entdecken. Zum einen die seit Januar laufende Ausstellung über das plastische Werk der Schriftstellerin Erica Pedretti. Zum anderen eine Laborarbeit der italienischen Künstlerin Ludovica Carbotta. Die 38-Jährige vertrat ihr Land letztes Jahr an der Biennale in Venedig. Mit «Die Telamonen» hat die ortsspezifisch arbeitende Künstlerin eine Hommage an die Familie Giacometti erschaffen. Die zehnköpfige Skulpturengruppe ist ein rätselhaftes Ensemble, dessen Geheimnisse und Geschichten in schriftlichen Erzählungen auf der Website des Museums nachzulesen sind.

Evelina Cajacob. Bis 13.9. Bündner Kunstmuseum, Chur.