Der Chor «Collegium Vocale» trotzt der Kriegs- und der Corona-Misere

Das Collegium Vocale zu Franziskanern bestätigte seinen Ruf als Spitzenchor mit einem aktuellen Programm in der Johanneskirche Luzern.

Urs Mattenberger
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Abstand auch auf der Bühne: das Collegium Vocale zu Franziskanern (Leitung: Ulrike Grosch) in der Johanneskirche.

Abstand auch auf der Bühne: das Collegium Vocale zu Franziskanern (Leitung: Ulrike Grosch) in der Johanneskirche.

Bild: Dominik Wunderli

Nichtkonzertgänger können sich fragen, wieso Konzerte weiterhin zugelassen sind, wo doch der Bundesrat am Sonntag spontane Versammlungen von mehr als 15 Personen im Freien verboten hat.

Die Antwort liegt darin, dass Konzertveranstalter griffige Schutzkonzepte erarbeitet und diese deutlich nachgebessert haben. So hatte es Marco Liembd als Geschäftsleiter der Schüür an einem Podium der Luzerner Zeitung überzeugend dargelegt. Ein Beispiel dafür bot am Samstag ausgerechnet im heiklen Bereich des Chorgesangs der Auftritt des Collegiums Vocale zu Franziskanern in der Johanneskirche Luzern.

Schutzkonzept für Musik im Zeichen des Kriegs

Wie man nachbessern kann, zeigte der Unterschied zum ersten Konzert in unserer Region nach dem Lockdown im Juni – ebenfalls in einer Kirche in Weggis. Damals führte die Aufnahme der Kontaktdaten zu langen Warteschlangen, die Gespräche förderten, die die Corona-Regeln eigentlich verhindern wollen. In den Bänken bildeten sich – bei freier Platzwahl – dichte Trauben von Besuchern. Im Fall einer Ansteckung hätte allen die Quarantäne gedroht.

Da war am Samstag der Fortschritt in Sachen Corona-Regeln mit Händen zu greifen. Dazu gehörte schon die Wahl der Johanneskirche. Eingebettet in eine aufgetürmte Betonlandschaft mutete sie in der Dunkelheit wie eine Trutzburg an. Und passte damit perfekt zu Gesängen von Heinrich Schütz und Francis Poulenc, die die Verzweiflung und Hoffnung nach dem 30-jährigen Krieg und nach dem Zweiten Weltkrieg zum Ausdruck brachten. Vor allem aber ermöglichte die weiträumige Kirche, den Besuchern mit Abständen Sitzplätze zuzuweisen. Aber auch das Publikum hat dazugelernt. Es kam – mit Masken – früher und damit gestaffelt, wodurch sich der Stau beim Eintritt verminderte.

Bild: Dominik Wunderli

Herausragende Chorqualitäten

Das Konzert selber zeigte, wie Corona-Regeln sogar für einen künstlerischen Mehrwert genutzt werden können. So waren auch die knapp 40 Sängerinnen und Sänger auf der Bühne in weitestmöglichen Abständen platziert. Man hatte den Eindruck, dass man dadurch einzelne Stimmen und Register besser hören konnte, ohne dass der Zusammenhang gefährdet wurde. Auf die Spannung zwischen dem Einzelnen und dem Kollektiv war auch das Programm vor allem mit Motetten aus der Zeit des Dreissigjährigen Krieges ausgerichtet. Und der von Ulrike Grosch geleitete Chor zeigte in solistisch besetzten Passagen wie in den vollmundig aufflammenden Kollektivgesängen seine herausragenden Qualitäten.

So löste er Heinrich Schütz’ monumentales «Das ist je gewisslich wahr» auf in leichtfüssig fliessenden Linien der Sünder, denen Barmherzigkeit widerfährt, und feierte mit einem überwältigenden Klangstrom den Glauben an ein ewiges Leben. In Schütz’ Friedensbitte reichte die dynamische Spannweite vom eindringlichen Flüsterton über scharf akzentuierte Rhythmen bis zu einer Strahlkraft, zu der sich alle Stimmen unter dem Glanzgewölbe des Soprans vereinten. In Johann Hermann Scheins «Zion spricht: Der Herr hat mich verlassen» eiferten die agilen Stimmen gar mit den Verzierungen der Laute des Continuos um die Wette.

Bild: Dominik Wunderli

Eine letzte Reverenz an Corona

Gegenüber solchem Frühbarock wirkten Poulencs Werke eher wie mit dem Pinsel gemalt. Schon in «Un soir de neige», in dem die «Masse des Todes» den «letzten Lebenden» bedroht, errichteten sich aus schleichenden Melodien schillernde Klangtotalen. Poulencs epochale Chorkantate «Figure humain» (1943) führte wie in einer Synthese die Stränge des Programms zusammen.

Der Klangstrom der grabestiefen Bässe schwoll an, als trete der «hässlichste Frühling» über die Ufer. Der Gesang um die «Stätte, wo man tötete», flatterte wie von einem rastlosen Flügelschlag getrieben dahin. Die Soprane bedeckten das «Erstaunen am Tag» und die «Angst in der Nacht» mit einem Glanz so fein wie Blattgold. Und nach einer explosiv angetriebenen Fuge steigerte sich der Schlussgesang an die «Liberté» über immer neue Klippen hinweg zum flammenden Appell. Dass er nach den «Schritten des Todes» die Hoffnung auf ein «neues Leben» feierte, war wie eine letzte Reverenz an Corona.