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CHOR: Ein grosser Appell gegen alle Zweifel

Vielgestaltig wie eine Passion: Das Ensemble Corund knüpfte mit Bachs Motetten an den Pioniergeist der frühen Jahre an.
Das Ensemble Corund mit Dirigent Stephen Smith findet immer neue Ausdrucksmöglichkeiten. (Bild: Corinne Glanzmann)

Das Ensemble Corund mit Dirigent Stephen Smith findet immer neue Ausdrucksmöglichkeiten. (Bild: Corinne Glanzmann)

Ein Ensemble, das einst mit der Idee antrat, Pionierarbeit zu leisten, kann diesen Innovationsanspruch unmöglich auf die Länge unverändert durchhalten. Dem Ensemble Corund, das als professionelles Vokalensemble vor über 20 Jahren der historischen Aufführungspraxis in der Zentralschweiz eine Plattform gab, schaffte es dennoch, indem es Schlüsselwerke des Barock über die Jahre verteilt in beweglichen Kleinbesetzungen aufführte.

Wer dachte, die Möglichkeiten dazu wären allmählich ausgeschöpft, wurde am Samstag in der Matthäuskirche eines Besseren belehrt. Auf dem Programm standen zwar mit allen Motetten von Johann Sebastian Bach meist populäre Werke. Aber ein einziger grosser Wurf: Dazu wurden sie erst durch die integrale Aufführung durch das Ensemble unter der Leitung von Stephen Smith.

Dieser Bach swingt!

Da klang das Resultat so aufregend, wie man es von den Anfängen dieser Bewegung in Erinnerung hat. Das lag zum einen am glasklaren Klangbild, dem die acht Sänger in der Matthäuskirche Luzern zu bestechender Fülle und Durchschlagskraft verhalfen. Kam hinzu, dass das Ensemble punkto farbig und detailliert ausgeformter Klangrede noch einen Gang höher zu schalten schien.

Das mochte damit zusammenhängen, dass man das Ensemble hier in einem reinen Bach-Programm für einmal ohne orchestrale Begleitung hörte nur gestützt vom ausdrucksstarken Violone von Dieter Lange und der Orgel von Stephen Smith. Umso mehr hörte man, wie hier die Musik aus Details heraus aufblühte – mitunter mit einer Heftigkeit, die an die Dramatik der Passionen erinnerte.

«Dieser Bach swingt!», meinte denn auch ein Besucher in der Pause über das Eröffnungswerk. «Der Geist hilft unser Schwachheit auf» erklang in der zur Bach-Zeit üblichen Kleinbesetzung mit der spritzigen Lebendigkeit eines frühbarocken Madrigals, wo es sich durch Tod und Leben zu Gott «durchringt». Das machte nicht nur die Verwerfungen deutlich, die der Zweifel («denn wir wissen nicht, was wir beten sollen») hinterlässt. Es liess auch die von den Sopranen (vorzüglich: Gabriela Bürgler und Lucy de Butts) hypnotisch ausgekosteten Wortakzente herausragen.

Die Vielgestaltigkeit von Bachs Motetten fügte sich so zu einem Kompendium barocker Vokalmusik, in dem das Ensemble die Vorzüge der Kleinbesetzung von unterschiedlichsten Seiten vorführen konnte. In «Komm, Jesu komm» löste es blockhafte Akkorde in filigrane Bewegung auf, «Fürchte dich nicht» verband die Kraft eines Appells erstmals mit dramatischen Akzenten.

Dramatik und ein Vollbad

Höhepunkt diesbezüglich war die bekannte Motette «Jesu, meine Freude». Nicht nur, weil sie in ihrem Umfang vom Choral über die Fuge bis zur Arie eine Vielfalt von Formen verbindet, erinnerte sie hier an Schlüsselwerke von Bach. Das galt auch für den weit gespannten Ausdruck der Wiedergabe. Sie peitschte alle Schätze «weg, weg, weg!» mit einer Drastik, die an die Volkschöre der Johannes-Passion erinnerte. Und beschwor den «Geist» mit einem Dreiklangvollbad, das die homogene Klangkultur entspannt atmend auf den Punkt brachte.

Die wechselnde Stimmenzahl wie die Umgruppierung des Doppelchors nach der Pause unterstrichen solche Kontraste. So hörte man das Ensemble in der Bach zugeschriebenen Motette «Ich lasse dich nicht» nach der Pause kompakter als in den weit aufgefächerten Stimmverläufen zu Beginn des Konzerts. Und zum Schluss lobte es mit den Heiden den Herrn mit einer heidnischen Kraft, die gleichsam den Pioniergeist von einst taufrisch beschwor.

Urs Mattenberger

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