CHOR: Grosse Sinnfragen im Bombenhagel

Der Unichor Luzern feiert Jubiläum mit einer Uraufführung: Christian Krebs (40) und Benedikt Steiner (23) thematisieren «Wendewege» von Sinnkrisen hin ins Glück.

Urs Mattenberger
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Unichor-Teamwork mit Udo Zimmermann (Dirigent), Benedikt Steiner (Text) und Christian Krebs (Komposition, von links). (Bild: PD/Bea Weinmann)

Unichor-Teamwork mit Udo Zimmermann (Dirigent), Benedikt Steiner (Text) und Christian Krebs (Komposition, von links). (Bild: PD/Bea Weinmann)

«Forever Young» könnte das Motto des Chors der Universität Luzern lauten. Während manche Chöre gegen Überalterung kämpfen, bleibt er auch zehn Jahre nach seiner Gründung jung, weil er sich mehrheitlich aus Studenten zusammensetzt. Die Uraufführung zum Jubiläum greift das indirekt auf. Denn die Jugend bis hinein in die Ausbildung und zum Übertritt ins Berufsleben ist von Umbrüchen geprägt. «Wendewege» heisst denn auch das Werk, zu dem Christian Krebs die Musik und Benedikt Steiner den Text schrieb und das der Chor zum Jubiläum mit dem Campus Orchester zur Uraufführung bringt.

Mitten im Wendeweg

Benedikt Steiner ist da nah am Puls. Obwohl er sein Studium als Produktmanager in Luzern eben abgeschlossen hat, ist er mit 23 Jahren noch mitten drin in diesem Wendeweg – wie seine Kommilitonen, mit denen er im Unichor singt. Spiegelt sich das im neuen Werk, das den bisher breit gestreuten Programmen zwischen Verdi und Pop-Hymnen eine neue Facette hinzufügt? Wie viel vom Lebensgefühl eines 23-Jährigen von heute ist in dieses Werk eingeflossen?

Steiner wie Krebs relativieren zunächst plakative Erwartungen. «Klar geht es um Dinge wie Verliebtheit und Krisen», sagt Steiner, der früh neben der Lust am Gestalten und an der Musik auch jene am Schreiben kultivierte. «Insofern versuche ich mit meinen Worten auszudrücken, was viele andere bestimmt auch erleben. Aber das Ziel war, das auf eine allgemeinere Ebene zu heben. Wendewege gibt es ja ein Leben lang.»

Filmmusik ohne Illusionen

Klar war, dass das Werk nicht akademisch abgehoben sein sollte. Die Musik von Christian Krebs, der vor allem Musik für Filme komponiert und produziert, orientiert sich deshalb auch hier an Ausdrucksformen der Filmmusik, die «beim Publikum ankommen und funktionieren». So charakterisiert Krebs Stationen wie «Kampf», «Erlösung» oder «Leere» durch griffige Stereotype mit einer klaren Dramaturgie. Fanfarenartige Blechbläserklänge, wie man sie von John Williams kennt, sorgen für einen glanzvollen Jubiläumsauftakt und beschwören zum Schluss die Freiheit, die sich an der «Schwelle zum Neuen» eröffnet, wie es in Steiners Libretto heisst. Aber auch sphärische Momente eines Ravel oder kraftvoll-melodische Linien, die man von Brahms kennt, fehlen nicht. Die Liebe wird musikalisch bewusst mit einer süffig-leichten Musik dargestellt, ohne Drama und Eskalation.

Aber sind nicht gerade Ideale wie die Liebe jungen Menschen im Zeitalter hoher Scheidungsraten suspekt geworden? Natürlich hat auch Steiner schon erlebt, wie eine grosse Liebe in die Brüche ging – und arbeitete entsprechende Erfahrungen mit ein. «Aber der fast nüchterne und persönliche Ton, in dem er das tut, ist sehr zeitgemäss – das war auch der Grund, weshalb ich ihn um seine Mitarbeit bat», sagt Christian Krebs: «Benedikt überhöht nicht, schafft keine Illusionen, sondern benennt einfach, was ist: Zusammensein in Frieden, ist ein grosses Geschenk und stellt bereits eine reife Form der Liebe dar.»

«Liebe steht hier nicht für eine Art Erlösung, von der das ganze eigene Glück abhängt», ergänzt Steiner: «Zuerst muss man mit sich selbst ins Reine kommen. Liebe ist dann das Geschenk, dass man dieses Glück miteinander teilen kann. Und dass es in dieser Gemeinsamkeit noch viel schöner ist. In diesem Zusammen-Sein erkennt man dann doch auch im anderen sich selbst.»

Wofür kämpfen wir?

Da bleibt also doch auch Platz für Romantik. Wie Krebs scheut sich Steiner nicht, mit bekannten Bildern zu arbeiten. So steht für die grosse (Sinn-)Krise in «Wendewege» eine Kriegsszene. Sie wird «plakativ und krass» umgesetzt, wenn der Chor das Wort Bombe zum Geschrei steigert, und endet mit einer quasi szenischen Pointe: «Im Schlachtgetümmel werden die Kämpfenden der Reihe nach eliminiert», so Steiner: «Am Schluss bleiben nur zwei Gegner zurück, die sich in der persönlichen Begegnung fragen: Wozu das alles? Wofür kämpfen wir, woran glauben wir eigentlich?»

Mystik und Elektronik

Wie passt Krebs’ Musik zu Steiners Texten, zum Repertoire des Unichors und zur Musik, die ein 23-Jähriger im Alltag hört? «Die grösste Überraschung für mich war, wie der Text durch die Vertonung eine neue Dimension erhielt – etwa durch Wiederholungen, die eigene Akzente setzen», sagt Steiner. Aber mit ihren «mystischen Momenten» passt Krebs’ Musik durchaus zu Werken, die Steiner auch als Chorsänger mag – alte Musik etwa mit ihren sakralen Klängen und ihrem majestätischen Ausdruck.

Selbst zur Musik, die Steiner als Radio-3fach-Hörer mag, ist für ihn von da kein grosser Sprung: «Ich mag etwa Hip-Hop oder elektronische Musik, die raffiniert mit Beats und Farben spielt. Da gibt es eine Vielschichtigkeit, die der Musik, die wir im Chor singen, vergleichbar ist.»

Was bewegt ihn denn, im Unichor zu singen? Hier gerät Steiner ins Schwärmen über das «Singen in einer Gemeinschaft, zu der man nichts als seine Stimme mitbringen muss». Auch das klingt schon fast wie eine Liebeserklärung: an das Singen im Chor.