CHOR: Hohe Singkunst der jungen Stimmen

Die Luzerner Sängerknaben und der Luzerner Mädchenchor singen Brittens «Missa Brevis»: Im Konzert zeigt der Sängernachwuchs seine grosse Klasse.

Roman Kühne
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Luzerner Sängerknaben und der Luzerner Mädchenchor beim Auftritt in der Luzerner Matthäuskirche. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)

Luzerner Sängerknaben und der Luzerner Mädchenchor beim Auftritt in der Luzerner Matthäuskirche. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)

Benjamin Britten und Kinderchor? Der Schöpfer des komplexen War Requiems und Lieder für Vorpubertierende? Im Rahmen des Britten Chor Festivals standen am vergangenen Sonntagabend ganz des Komponisten Werke für Jugendliche im Zentrum. Die Luzerner Sängerknaben und der Luzerner Mädchenchor brachten eine weite Palette dieser Schöpfungen in die Luzerner Matthäuskirche. Und wie sie dies taten! Zum Auftakt erklingt die Missa Brevis in D. Dieses Werk hat Britten ursprünglich für die Chorknaben der Westminster Cathedral, eines der Aushängeschilder britischer Gesangskultur, komponiert. Ihm ging es aber überhaupt nicht darum, etwas «Kindergerechtes» auf die Beine zu stellen, greift er doch im War Requiem, seinem wohl bekanntesten Werk, später mehrfach auf das hier geschaffene Material zurück.

Ihre kurzen Sätze, die schnellen Stimmungswechsel oder die weiten Sprünge machen diese Messe denn auch zu einer Herausforderung. Doch schon der Anfang gelingt überzeugend. Ein kurzes Orgelglissando und der geschlossene Chor setzt sauber und intensiv auf der hohen Spitze ein. Spannend, wie die Sänger in das Zwiegespräch mit der Orgel steigt, oder das Gloria mit ausgeprägter Rhythmik und einem guten Gespür fürs Tempo plastisch macht. Hervorragend das «Agnus Dei», wo die Orgel auf einem «walking bass» schräge, jazzartige Akkorde setzt.

Witzige Geschichte

Auch das zweite Werk des Abends, die «Friday Afternoons», widerspiegelt diesen, für Britten so typischen Launenmix. Anwandlungen, welche die beiden Chöre aufs Hervorragendste in Szene setzte. Das witzig drehende «Eine tragische Geschichte» – wo ein Mann seinen Pferdeschwanz vorne haben möchte – wird genauso mit der ihm eigenen Farbe wiedergegeben, wie das unheimliche «Old Abram Brown». Neben dieser flexiblen Gestaltung ist es vor allem die Spannung, mit der die jungen Sängerinnen und Sänger den Abend zum Erlebnis werden lassen.

Hervorragende Solisten

Die Leiter Anna-Katharina Kalmbach und Eberhard Rex kreieren eine gestalterische Dichte, die in keinem Moment Durchhänger kennt. Ganz zu schweigen, dass auch die Kleinsten das ganze Programm auf Englisch – teils sogar Alt-Englisch! – oder Latein bestreiten. Sicher, die Diktion dürfte noch klarer sein, das Piano geht manchmal gar etwas in der Begeisterung unter, aber was man hier an Farbe, an Zeichnungskraft zu hören bekommt, ist ausserordentlich. Dazu tragen auch zahlreiche Solisten bei, alle aus den eigenen Reihen. Flavia Polli, die «Der nützliche Pflug» mit weitem Atem und ausgesprochen weitem Bogen singt. Oder ihr Bruder Manuele Polli, der zusammen mit Emmanuel Baudat rein und voll die Geschichte des Fuchses erzählt (Ee-oh!). Oder Gian Bachmann, dessen Ausdruck und Selbstbewusstsein dem heiratenden Grossmaul Leben und Geschichte gibt.

Wie die Mönche

Die Begleitung der Stücke ist dünn gesetzt. Einmal ein Klavier, vom Musiker und Initianten der Britten-Serie, Stephen Smith, gespielt, einmal eine Harfe (Mahalia Kelz) und zum Beginn Eberhard Rex an der Orgel. Der krönende Schluss bildet «A Ceremony Of Carols». Zwar gibt es in diesem schwierigsten Werk des Abends die eine oder andere Unstimmigkeit, etwa das wenig klare «Wie Tau im April». Die ausgezeichnete Intonation, das ausdrucksstarke, schnelle Umstellen von einer Thematik in die andere, machen jedoch auch diese Sammlung zu einem Genuss. Die Luzerner Sängerknaben und der Luzerner Mädchenchor haben gezeigt, dass sie im Amateurbereich zum Besten gehö­ren, was die erweiterte Region zu bieten hat – und dies nicht nur bei den Jugendlichen. Tosender Applaus ist den Künstlern gewiss, als sie wie die Mönche singend aus der Kirche schreiten.

Hinweis

Britten Chor Festival Luzern, nächstes Konzert: Samstag, 9. November, 19.30 Uhr, Franziskanerkirche Luzern.