Chor: Kontrast zwischen Klage und Fröhlichkeit

Die junge Accademia Barocca Lucernensis überzeugte in Boswil mit selten aufgeführter Barockmusik. Der Reichtum der Musik von Jan Dismas Zelenka und Johann Adolph Hasse profitierte von den neuen klanglichen Möglichkeiten des Ensembles.

Gerda Neunhoeffer
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Bassist Alexandre Beuchat, Dirigent Javier Ulises Illàn. (Bild: Ingo Höhn)

Bassist Alexandre Beuchat, Dirigent Javier Ulises Illàn. (Bild: Ingo Höhn)

Zwei Barockkomponisten, die sich gleichzeitig um das Amt des Dresdner Kapellmeisters bei Kurfürst Friedrich August II. bewarben, stehen im Fokus des aktuellen Konzertprogramms der Accademia Barocca Lucernensis. Dass Johann Adolph Hasse den Posten 1733 bekam und Jan Dismas Zelenka «nur» Hofkomponist wurde, war der Musik am Freitag im ersten Konzert in der alten Kirche Boswil nicht anzuhören.

Im Konzert überraschten beide mit abenteuerlich anmutenden Harmonien, lebhaften Kontrasten und originellen Klangwirkungen. Dirigent Javier Ulises Illàn traf den Stil dieser Kompositionen mit seinem zupackenden Temperament punktgenau. Und das Barockorchester und das Vokalensemble der Accademia Barocca Lucernensis setzten seine Intentionen mit einer grossen dynamischen Bandbreite mitreissend um.

Erstmals als professioneller Chor

Reizvoll war, dass je ein «Miserere» und ein «Confitebor tibi» von beiden Komponisten aufgeführt wurde. Der Orchesterbeginn des «Miserere in c» von Zelenka ist mit seinen strengen Punktierungen in Violinen und Continuo und den gleichzeitig durchgehenden Sechzehnteln in Oboen und Viola erschütternd. Der Chor setzte mit heftigen Dissonanzen ein, die unglaubliche Dichte der Klänge wurde machtvoll ausgereizt, um dann aus einem Forte-Moll-Akkord in lichtes Dur und ins Pianissimo zu entschwinden. Mit dem kleinen professionellen Chor zu je drei Stimmen hatte das Ensemble, das in der vergangenen Saison mit Gesangssolisten auftrat, ganz andere klangliche Möglichkeiten. Und die wurden voll ausgelebt: Mit den vier Gesangssolisten, die sich nahtlos in den Chorklang einfügten und dann wieder daraus hervortraten, entstanden eindringliche Wechselwirkungen.

Alexandre Beuchat gestaltete Zelenkas «Confitebor tibi» mit volltönendem Bass, Remy Burnens überzeugte mit klar zeichnendem Tenor. Im «Miserere in c» von Hasse wechselten Klage und unbekümmerte Fröhlichkeit, das «Libera me» klang wie eine Pastorale, wobei sich Sopranistin Gunhild Alsvik und Altus Alberto Miguélez Rouco leuchtend ergänzten. Dazu spielten die Oboistinnen auf Blockflöten, was den wiegenden Charakter noch verstärkte. Das Orchester, das mit Orgelpositiv, Laute, Violone, Cello und Fagott reiche Klangvariationen im Continuo hatte, spielte die starken Kontraste zwischen rauen Reibungen und lieblichen Passagen wunderbar aus. Standing Ovations für grosse Musik, die hier selten oder noch nie aufgeführt wurde.