CHOR: Schöpfung wird früh vollendet

Der Konzertchor Luzern überraschte im KKL doppelt mit Haydns «Schöpfung»: mit einer hochstehenden Interpretation und einer Abkürzung zum Schluss.

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Der Luzerner Konzertchor und das Capriccio Barockorchester schafften es, dass die «Schöpfung» im KKL unter die Haut ging. (Bild: Nadia Schärli)

Der Luzerner Konzertchor und das Capriccio Barockorchester schafften es, dass die «Schöpfung» im KKL unter die Haut ging. (Bild: Nadia Schärli)

Gerda Neunhoeffer

Wie klingt das Chaos? Und kann man einen Sonnenaufgang in Töne fassen? Ja, man kann! Denn was das Capriccio Barockorchester, gegründet 1999 von Konzertmeister Dominik Kiefer, zusammen mit Solisten und dem Konzertchor Luzern am Sonntagvormittag im KKL musizierte, war eine «Schöpfung», in der die bekannte Geschichte unter die Haut ging.

Schon bei der Uraufführung 1798 unter Leitung des Komponisten Joseph Haydn waren die Zuhörer begeistert. Wie es damals geklungen hat, mit einem grossen Orchester mit über 120 Instrumentalisten und einem relativ kleinen Chor von 60 Sängern, weiss man nicht. Aber das Konzert bewies, wie beeindruckend man das auch mit umgekehrten Kräfteverhältnissen realisieren kann – mit kleinem Spitzenorchester und einem grossen, bestens gestimmten Chor.

Geheimnisvoll ausloten

Bei der «Vorstellung des Chaos» wurden – in der Ouvertüre – nach dem einleitenden Akkord die Dissonanzen geschärft und tasteten sich durch alle Instrumente bis in immer harmonischere, lichtere Sphären, die das Barock­orchester geheimnisvoll auslotete.

Als dann nach dem einleitenden Rezitativ «Am Anfange schuf Gott Himmel und Erde» der Chor hauchleise den Geist Gottes über den Wassern schweben liess und dann das Licht in dem überraschenden Forte aufschien, war man schon mitten in der lautmalerischen Komposition.

Jede Empfindung, sei es Verzweiflung, Wut und Schrecken über die Höllengeister oder Staunen über alle neuen Schöpfungen, wurde meisterlich musikalisch erzählt. Der Konzertchor spürte jeder Regung nach und bot eine in sich geschlossene Leistung. Die Solisten, die in Rezitativen und Arien die Geschichte erzählen und darüber reflektieren, gestalteten ihre Partien bestechend. Dirigent Peter Sigrist liess ihnen Raum und leitete das Orchester so differenziert, dass jede kleinste ­Verzögerung im Gesang mitgetragen wurde.

Leise rauschender Bach

Der Bariton Martin Achrainer sang die Texte über Blitz und Donner, über schäumende Wellen und den leise rauschenden Bach im stillen Tal farbenreich, wobei das Orchester die Texte entsprechend lautmalerisch vorwegnahm.

In der Arie «Nun beut die Flur das frische Grün» liess die Sopranistin Maria C. Schmid ihre federleicht geführte Stimme wie die Vögel, die sie besang, in himmlische Höhen schweben, intensiv begleitet von den vorzüglichen Holzbläsern und Hörnern.

Der Sonnenaufgang, einer der musikalischen Höhepunkte der «Schöpfung», mit sanft aufsteigenden Tönen, die sich zu leuchtend vollem Klang aufschwingen, wurde ebenso bildhaft interpretiert wie der matte Mondaufgang. Dazu sang der Tenor David Munderloh mit klarer Diktion und hellem Timbre.

Besonders bildhaft gestaltete das Orchester im zweiten Teil die Tiere vom brüllenden Löwen über die sanften Schafe und schwirrenden Insekten (flirrend die Streicher) bis zu dem Gewürm, das die Erde drückt (herrlich das schnarrend tiefe Kontrafagott).

Unliebsam überrascht

Nach der Erschaffung des Menschen und dem Chor «Vollendet ist das grosse Werk» war man dann aber doch auch unliebsam überrascht. Hier folgte nämlich sogleich der Schlusschor des dritten Teils, ohne dass das Programm, das sich auch über das Orchester oder die Solisten ausschwieg, dies ankündigte oder begründete.

Auch wenn in diesem Teil rund um Adam und Eva vor allem die Solisten und das Orchester zum Einsatz kommen, hätte man ihn hier gerne gehört: In einer Interpretation, die bewies, dass man auch heute, in einer Zeit professioneller Spezialensembles, ein solches Werk mit grossem Laienchor vollgültig aufführen kann.