Dirigent Lang: «Chöre stehen vor Herausforderungen»

Pirmin Lang vereint zum Abschied vom Händel-Chor noch einmal barocke Pracht mit dem Jazz des Marc Hunziker Trios.

Interview: Urs Mattenberger
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Dozent an der PH Luzern und doch Dirigent des Händel-Chors: Pirmin Lang.

Dozent an der PH Luzern und doch Dirigent des Händel-Chors: Pirmin Lang.

Bild: Corinne Glanzmann (Luzern, 10. Januar 2020)

Sie geben Ihr Abschiedskonzert mit dem Händel-Chor Luzern in der Jesuitenkirche, aber schlugen als Treffpunkt die Jazzkantine vor. Orientieren Sie sich wieder stärker in Richtung Jazz?

Pirmin Lang: Nein, ich habe für die Zukunft nach dem Händel-­Chor keine Pläne. Aber die Jazzkantine passt, weil ich da immer auch zu Hause war. Ich komme aus einer klassischen Musikerfamilie, aber habe mich als Jugendlicher für Boogie-Woogie und Blues begeistert. Ich nehme an, es war für mich auch eine Möglichkeit, mich abzugrenzen.

Damals gab es in Luzern separate Musikhochschulen für Klassik, Kirchenmusik und Jazz. Mussten Sie sich für eine entscheiden?

Nein, ich habe am Konservatorium und an der Aki in Luzern sowie Jazz in Bern studiert. Heute bietet die Musikhochschule Luzern viele Möglichkeiten, diese Richtungen zu verbinden. Es ist heute sogar Pflicht, über den eigenen Hauptfachbereich andere Angebote wie Improvisation wahrzunehmen. Damals war das allerdings manchen noch suspekt. Es gab Klavierlehrer, die fürchteten, dass klassische Pianisten sich mit Jazz die Technik kaputtmachen. (lacht) Ich habe mich schliesslich für die Klassik entschieden, weil man nicht alles auf demselben Niveau betreiben kann.

Mit dem Händel-Chor haben Sie in Konzerten den Rapper Greis oder afrikanische Musiker einbezogen. Brauchen klassische Chöre diese Ausweitung des Repertoires, um Sänger und neues Publikum zu gewinnen?

Neues Publikum anzusprechen, war auch eine Absicht, aber ich kann nicht abschätzen, wie weit dieses auch in andere Konzerte von uns kommt. Diese sind weiterhin gut besucht, der Chor selber hat über 100 Mitglieder, das sind mehr als in früheren Jahren, 45 davon sind Männer. Von daher ist die Situation nicht problematisch. Aber die Individualisierung und das enorme Freizeitangebot stellen Chöre in Zukunft durchaus vor eine Herausforderung.

Inwiefern?

Einerseits sind neue Formen gefragt, bei denen sich interessierte Sängerinnen und Sänger nicht fest binden müssen. Aber das geht auf Kosten der Kontinuität, die für die Qualität eines Chors ein wichtiger Faktor ist. Und auf Publikumsseite macht sich wohl bemerkbar, dass die Popmusik eine noch prägendere Rolle spielt, weil sie heute auf allen Kanälen junge Menschen erreicht. Wenn diese den Namen Brahms hören, erstarren sie nicht in Ehrfurcht, sondern fragen erst einmal: Wer ist das? Die Tradition einer Chorsinfonik mit meist geistlichem Inhalt ist damit nicht mehr so selbstverständlich wie sie es einst für die Bildungsbürger war.

Viele Dirigenten geben ihr Amt erst im hohen Pensionsalter ab. Dass Sie bereits mit 57 gehen hat mit solch kritischen Überlegungen zu tun?

Nein, ich denke, man sollte auch als Dirigent dann aufhören, wenn es am schönsten ist und wenn man seinem Nachfolger ein gut bestelltes Feld überlassen kann. Es ist wie in langjährigen Beziehungen: Man muss viel Arbeit und Ideen investieren, damit man nicht in Gleichförmigkeit verfällt. Ein passender Anlass ist jetzt das Doppeljubiläum 50 Jahre Händel-Chor und mein eigenes als Dirigent seit 20 Jahren.

Sie verabschieden sich mit Händels Oratorium «Solomon», aber beziehen das Jazz-Trio Marc Hunziker mit ein. Wie finden da Jazz und Barock zusammen?

Ein Ausgangspunkt war die Tatsache, dass Händel in den Pausen seiner Oratorien das Publikum mit Improvisationen an der Orgel unterhalten hat. Bei uns improvisiert nun das Marc Hunziker Trio, und zwar über Musik aus dem «Solomon», die in unserer gekürzten Fassung nicht erklingt. Da finden Jazz und Händel zusammen. Dagegen wirkt bei der Aufführung des Oratoriums das Barockorchester Capriccio Basel mit, das mit seiner historischen Aufführungspraxis auch dem Chor zu einer barocken Artikulation verhilft.

Wie weit gehen Sie bei der szenischen Einrichtung?

Auch da suchen wir eine Belebung durch Kontraste. Dafür schaffen wir einen Ablauf mit drei Szenen. In der ersten steht der Tempel in Jerusalem im Zentrum, in der dritten der Besuch der Königin von Saba. Prozessionen des Chors unterstreichen die Repräsentation von Macht, aber auch der Gerechtigkeit in der Gerichtsszene in der Mitte. Den Streit der zwei Frauen um das Baby und das salomonische Urteil deuten wir da mit einfachen Aktionen an.

Nach dem Konzert in der Jesuitenkirche gibt es einen Barbetrieb im Lichthof des Regierungsgebäudes. Wieso haben Sie keinen Ort gewählt, wo beides möglich ist?

Die Jesuitenkirche ist die einzige Barockkirche in Luzern, und sie fasst mit der Bestuhlung im Mittelgang über 600 Besucher. ­Zudem hat das Werk sechs doppelchörige Nummern. Deren ­Monumentalität dürfte in der Jesuitenkirche prächtig zur Geltung kommen.

Georg Friedrich Händel: Oratorium «Solomon»; Händel-Chor, Barockorchester Capriccio, Marc Hunziker Trio: Freitag, 24. Januar, Samstag, 25. Januar, 19.30 Uhr, Jesuitenkirche (Konzert)/Regierungsgebäude (anschliessender Barbetrieb) Luzern. www.haendel-chor.ch