Händel-Chor Luzern: Konzert mit weiten Horizonten

Pirmin Lang und der Händel-Chor Luzern geben mit Händel und Jazz in der Jesuitenkirche ein Modell für mehr Theater in Chorkonzerten.

Urs Mattenberger
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Ein lässiger Salomon wie von heute: Stefan Wieland im Konzert des Händel Chors und Caapriccio-Barockorchesters.

Ein lässiger Salomon wie von heute: Stefan Wieland im Konzert des Händel Chors und Caapriccio-Barockorchesters.

Bild: Nadia Schärli

Man konnte sich am Samstag den Volksauflauf gut vorstellen, der beim berühmten Urteil des Königs Salomon geherrscht haben musste. Denn in seinem Abschiedskonzert vom Georg-Friedrich-Händel-Chor dirigierte Pirmin Lang Händels Oratorium «Solomon». Und in dessen Zentrum steht das salomonische Urteil, wonach der Streit zwischen zwei Müttern um ein Baby durch dessen Teilung scheinbar geschlichtet werden soll.

Etwas von dieser Spannung herrschte schon vor Beginn des Konzerts in der vollen Jesuitenkirche, wo man auf der Suche nach Plätzen im bestuhlten Mittelgang wie auf einem Marktplatz Freunden und Bekannten über den Weg lief. Das Urteil, auf das man hier gespannt war, war jenes über das neue Format dieses Chorkonzerts. Denn im «Entracte» improvisierte das Marc Hunziker Jazztrio über Themen von Händel und gab nach dem Barbetrieb im Lichthof des Regierungsgebäudes noch eine Late Night in der Kirche.

Strahlender Solomon als Regisseur

Ein vierstündiges Vollprogramm ergab mit der Wiederholung am Samstag ein schillerndes Händel-Festivalwochenende. Dazu bei trug die Gerichtsszene, die theatrale Aktion einbezog, wie man es von Oratorien-Aufführungen regionaler Chöre in Luzern noch nicht kennt.

Einen ersten Ansatz dazu zeigt schon der erste Teil, in dem Händels doppelchöriger Monumentalstil Salomo als Erbauer des Tempels feiert. Der Händel-Chor trumpft hier nicht nur vokal als Priestergemeinschaft und Volk auf. Er wird zum beweglichen Bühnenbild, wenn sich die über 100 Sänger in Erwartung Salomos nach verschiedenen Seiten ausrichten und eine Gasse für den Auftritt des Königs und des Hohepriesters (Hans-Jürg Rickenbacher) öffnen.

Auch musikalisch vollzieht sich im Verlauf dieser ersten Szene eine Steigerung. Der mächtige Chorklang, der in der Akustik der Jesuitenkirche zu Beginn noch etwas stumpf wirkt, steigert sich im Verlauf des Abends zu imposanter Grösse und Klangkraft. Die beispielhafte Ausgeglichenheit dieses Chorklangs von den Bässen bis zu den für einmal nicht dominierenden Sopranen kommt den vielstimmig bewegten wie auch den kompakten Lobgesängen zugute. Grossen Anteil an dieser erstaunlich transparenten und detailfreudigen Gesamtwirkung hatte das Barockorchester Capriccio Basel. Es zeichnete die Chorstimmen mit feinem Strich nach und setzte vitale und farbige Akzente.

Nach dem szenischen Konzept des Countertenors Stefan Wieland, der als Solomon mit seiner geschmeidig-strahlenden Stimme vokal brillierte, wurden in der Gerichtsszene theatrale Elemente in den Vortrag der Solisten mit einbezogen. Die Sopranistin Marianne Knoblauch irrte in der Angst, ihr Kind zu verlieren, in Richtung Publikum und liess ihre Klagen hochemotional verlöschen. Die blonden Haare von Christina Boner-Sutter flogen dagegen wie im Wind, wenn sie sich vor Solomon mit energischen Stimmsalven auf die Bühne drängte. Die Lässigkeit, mit der Wieland hier und in der Schlussszene bei der Begegnung mit der Königin von Saba (stimmlich so verführerisch wie fulminant: Carmela Konrad) agierte, übertrug diese barocke Bibelszene schon rein optisch in die Gegenwart.

Statt Rampensingen ein Ansatz zu szenischer Aktion: Das Konzept kennt man mittlerweile von Aufführungen internationaler Ensembles am Lucerne Festival. Dass es hier mit Erfolg auf ein Chorkonzert in der Kirche übertragen wurde, könnte ein Modell sein auch für andere Chöre. Die Jesuitenkirche, deren Akustik Lang auch mit der Wahl der ­Tempi im Griff hatte, bietet dafür einen spektakulären Rahmen. Dafür würde sich auch die Anschaffung von Podesten lohnen, um das Spiel bis in die hinteren Reihen sichtbar zu machen.

Cross-over auch im Publikum

Das Marc Hunziker Trio war dazu als beziehungsreicher Kontrast gedacht. Zunächst dominierte der Kontrast: Auch wenn den Improvisationen Melodien von Händel zugrunde lagen, entwickelten sie ein Eigenleben weg vom Original. Dass es sich durchaus lohnt, beides zusammenzubringen, hat das Ensemble L’ Arpeggiata einst im KKL vorgeführt und zeigte hier das «Entracte»-Schlussstück, mit dem das Jazztrio mit Chor stimmig ins Oratorium zurückführte.

Unbeschwert den Kontrast geniessen konnte man im Late Night Concert, in dem das Trio den Horizont von Klassikern wie Chopins Fantasie-Impromptus ins Balladeske und zum Highspeed weitete. Dass sich dafür zu später Stunde eine beachtliche Schar in der Jesuitenkirche versammelte, bestätigte, dass der Cross-over längst auch im Publikum stattfindet – auch dank dem Händel-Chor, der unter Lang stilübergreifende Projekte immer wieder praktizierte.