CHORMUSIK: Brillanter Chor büsste und blühte

Seit zehn Jahren setzt das Collegium Vocale zu Franziskanern frische Akzente in der Luzerner Chorlandschaft. Am Samstag hat es mit Busspsalmen seine Einmaligkeit eindrücklich bewiesen.

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Vielseitige und berührende Chorklänge bot das Collegium Vocale zu Franziskanern beim Jubiläumskonzert. (Bild: Dominik Wunderli)

Vielseitige und berührende Chorklänge bot das Collegium Vocale zu Franziskanern beim Jubiläumskonzert. (Bild: Dominik Wunderli)

Simon Bordier

Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile, wissen wir seit Hegel. Den Beweis trat das Collegium Vocale zu Franziskanern in der Luzerner Franziskanerkirche an. Dort feierte der Qualitätschor sein zehnjähriges Jubiläum unter anderem mit Psalmgesängen von Jan Dismas Zelenka (Barock), Alfred Schnittke (Ende 20. Jahrhundert) und einer Uraufführung des Basler Komponisten Beat Vögele (Jahrgang 1978). Die Stücke lagen zwar altersmässig weit auseinander, wurden aber in der ersten Konzerthälfte so geschickt miteinander kombiniert, dass aus dreien eins wurde.

Von beklemmend bis leuchtend

Den Anfang bildete der Gesang Nr. 3 aus Schnittkes «Zwölf Bussversen» nach russischen Texten aus dem 16. Jahrhundert: In engen, beklemmenden Halbtonschritten hoben die Sopranstimmen an, die Tenöre kamen imitierend hinzu, und bald stand ein komplexes, freitonales Stimmengeflecht, das als Sinnbild einer zermarterten Seele verfolgt werden konnte. Aus dem transparenten Chorklang traten aber auch melodische Umspielungen mit der Schönheit eines gregorianischen Chorals hervor, und einzelne harmonische ­Klänge warfen Leuchtstrahlen auf das Notenmeer.

Frappant war der Übergang zu Zelenkas barocker Psalmvertonung «Miserere» für Sopran, Chor und Orchester: Das Capricornus Consort Basel schien mit seinem Orchestereinsatz den Chorklang nahtlos weiterzuführen, ja «weiterzusingen». Über drängenden punktierten Noten wurde der Klang aufgetürmt und mit dem Chor über dissonante Felder geführt, die fast so abseitig und dunkel wirkten wie jene Schnittkes. Die Sätze der beiden Komponisten wechselten sich stimmig ab, wobei die Sopranistin Kathrin Hottiger mit Koloraturen im «Gloria Patri I» für heitere Momente sorgte.

Uraufführung als Höhepunkt

Als Höhepunkt wartete die Uraufführung von Beat Vögeles «Psalm» für gemischten Chor: eine Vertonung des gleichnamigen Gedichts des Lyrikers und Holocaust-Überlebenden Paul Celan. Das Stück erklang ohne Unterbruch mitten unter den Sätzen Zelenkas und Schnittkes. Die Sängerinnen und Sänger griffen den Orchesterklang des letzten «Miserere»-Satzes auf, um daraus ein Sirenengeheul zu formen.

Dabei mischten sich ihre «Sirenenstimmen» auf unheimliche, aber irgendwie vertraute Weise; man fühlte sich an den alljährlichen Schweizer Sirenenalarm erinnert. Bald war aus dem Geheul das Wort «Niemand» herauszuhören, der Beginn von Celans Gedicht: «Niemand knetet uns wieder aus Erde und Lehm, niemand bespricht unsern Staub. Niemand.»

Die Sirenenklänge verliehen den Klage­versen über den abwesenden Gott Nachdruck, bargen aber auch eine vitale Kraft in sich, mit der sich der Chor stets von Neuem erheben und gar in ein Wiegenlied übergehen konnte. Besonders gebannt folgte man der Tonleiter, die der Blütenbeschreibung ­Celans vom «Griffel seelenhell» bis zur «Krone rot» folgte. Das letzte, hinreissende Glissando des Chors schien dann anstelle des Sirenenalarms viel eher Celans poetisches «Purpurwort» zu verbreiten. Der Komponist sang als Chormitglied selbst mit.

Kommt das «Amen»?

Den Schluss des Konzertteils ­markierte Schnittkes Bussgesang Nr. 12, in dem sich die Stimmen ruhiger, aber ähnlich geisterhaft wie zuvor im Sirenengesang bewegten. Es waren auch keine Worte, bloss Vokalisen zu hören. Man spürte, der Gesang steuerte auf einen Endpunkt zu: Würde aus dem gedehnten «Aah» ein «Amen» werden? Würde sich aus dem Schwirren der Stimmen ein Choral herauskristallisieren? Nicht ganz: Vor den aufscheinenden Dur-Akkord schoben sich bis zuletzt Vorhaltsnoten, die den Klang alarmierend in Schwingung hielten.

Für leichtere Momente war im zweiten Konzertteil mit Händels früher Psalmvertonung «Dixit Dominus» gesorgt. Zu Beginn fiel auf, wie leicht und täuschend ähnlich die Akzente im Orchester wie im Chor ansprangen, was nicht zuletzt auf die Hand von Ulrike Grosch, der Leiterin und Gründerin des Collegium Vocale, zurückzuführen war. Die Akzente wirkten zur Verdeutlichung der «zerschmetternden» Kraft Gottes eindrücklich, während Sopranistin Kathrin Hottiger und Countertenor Franz Vitzthum für sanftere Töne sorgten und der Chor im finalen Fugato seine Wendigkeit «jetzt und immerdar» bewies.