CHORMUSIK: Thüring Bräms faszinierende Klanglandschaften

Kompositionen von 1972 bis 2016 umfasste das Porträt über den Komponisten Thüring Bräm. Er kehrte in Luzern an seine frühere Wirkungsstätte zurück. Und zeigte, was ihm seit der Kindheit am Herzen liegt.

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Thüring Bräm lässt Musik zu Raum werden. (Bild: PD)

Thüring Bräm lässt Musik zu Raum werden. (Bild: PD)

«Musik drückt sich in der Zeit aus, ich möchte sie Raum werden lassen.» So lautet ein Leitsatz Thüring Bräms (72), der sich in der von ihn herausgegebenen Schrift «Musik und Raum» eingehend mit diesem Phänomen befasst hat.

Wie sich dies in der Realität ausdrückt, konnte man am Samstagabend in der Matthäuskirche in Luzern erleben. Obwohl die Kirche nicht gefüllt war, hielt sich der Nachhall in Grenzen. So bestand in keinem Moment die Gefahr, dass Strukturen verwischt wurden. Vielmehr bewährte sich die Kirche einmal mehr als ungewöhnlich resonanzstarker Klangraum. Wobei man betonen muss, dass schon die Schreibweise Thüring Bräms stark auf Klangwirkung ausgerichtet ist. Es sind, wie der Leiter der Basler Madrigalisten, Raphael Immoos, in der Einführung des Konzerts betonte, eigentliche Klanglandschaften, selbst oder erst recht bei den polyfon vertonten Chorsätzen.

Parabel von der Zerstörung der Natur

Ein weiteres Charakteristikum ist der enge Bezug der Musik zu literarischen Vorlagen. Das gilt in hohem Masse für die «Piccoli Madrigali» – eine Auswahl des viersprachigen Oratoriums «Litteri un Schattä-Luci e ombre» von 1995/96. Schriftstellerin Anna Maria Bacher schrieb ihre Gedichte im alten Walser Pomattdeutsch und in Italienisch. Zum Einsatz kam die letztere Version.

Typisch für den Charakter war der Abschnitt «La valle piange» («Das Tal weint»), in dem die Entvölkerung des Tals und der Untergang einer alten Kultur parabelhaft beklagt wird. Bräms Musik orientiert sich am gehobenen Parlando-Ton des Textes und macht sich dabei den Sinngehalt und die emotionale Ebene der Vorlage ganz zu eigen.

Vollkommen zum Raum wurde die Musik, als sich der Chor im letzten Lied «Si fa notte» («Die Nacht kommt») teilte und eine Hälfte sich auf der Orgelempore aufstellte. Ganz zu eigen machten sich diese Musik auch die hervorragenden Basler Madrigalisten, die sowohl in intonatorischer wie klanglicher und rhythmischer Hinsicht überzeugten. Die älteste Komposition des Porträtkonzerts war ein ganz frühes Madrigal «Ancient Music», das Bräm 1972 im Gedenken an den US-Dichter Ezra Pound schrieb.

«Ich bin stolz, Schweizer zu sein, weil auf dem kleinen Raum eine solche kulturelle und sprachliche Vielfalt möglich ist», meinte der frühere Direktor des Konservatoriums und Gründungsrektor der Musikhochschule Luzern. Dass es ihm die kulturelle Minderheit angetan hat, zeigte auch die Uraufführung des im Auftrag der Basler Madrigalisten entstandenen Gesangszyklus «Our da sumbrivas lungas» («... die ihre langen Schatten auf uns wirft») für sechs Solostimmen mit fünf romanischen Gedichten von Rut Plouda. Wieder griff Bräm auf romanische Texte und auf die Region zurück, die ihm seit den Kindertagen ans Herz gewachsen ist: Graubünden. Thüring Bräm bleibt sich in diesem Gesangszyklus treu und schuf auch hier Klangbilder, die der Textvorlage in hohem Masse gerecht werden.

 

Fritz Schaub

kultur@luzernerzeitung.ch