«Cie. La Ronde»
Intimität, Macht und Diversity: Das hält das Tanzfestival Steps bereit – einen ganzen Monat lang

Die Welt tanzt am Migros-Kulturprozent-Tanzfestival Steps an. Diesmal aber mit internationalen Bewegungskünstlern, die bereits in der Schweiz leben. Allen voran die Mitglieder der neuen Formation «Cie. La Ronde».

Edith Arnold
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Die Verheissung ist gross, wenn eine hochkarätige künstlerische Leitung eine «Cie. La Ronde» gründet, die auf Arthur Schnitzlers «Reigen» anspielt. Im Theaterstück treiben es zehn Paare aus allen Gesellschaftsschichten. Vor hundert Jahren in Berlin uraufgeführt, löste die zur Schau gestellte Doppelmoral einen Skandal aus – obwohl die Höhepunkte der Geschlechtsakte ausgespart wurden. Jetzt also, unter anderem in Zeiten von Close Distance, soll die Gesellschaftsstudie neue Runden drehen. Nach wie vor geht es um Sex, Intimität, Anziehung, Begehren, Macht, nun einfach mit zusätzlich viel Diversity.

Letztlich geht es um Körper im Raum. Und auch Räume sind zunehmend flexibel.

Letztlich geht es um Körper im Raum. Und auch Räume sind zunehmend flexibel.

Bild: Caroline Minjolle

Die Idee entspringt Cathy Marston, bald Direktorin und Chefchoreografin des Balletts Zürich, und Ihsan Rustem, freier Choreograf, derzeit teilweise fürs Istanbul State Ballet. Beide stammen aus Grossbritannien und leben seit Jahren in ihrer «Wahlheimat Schweiz». Im Korsett der Pandemie suchen sie neue Aufführungsformen und Kooperationen. Für Schnitzlers Update laden sie mit der britischen Caroline Finn und dem Italiener Luca Signoretti Choreografen ein. Alle sollen zwei Duette beisteuern, die zusammen das Stück «8» bilden. Vier Chefs und Chefinnen für acht Tänzer und Tänzerinnen? Das hört sich nach einer Kreativexplosion an, zugleich nach einem wichtigen Experiment. Macht soll geteilt werden können. Was eine Kunst für sich ist: Sich in einen Reigen einbringen und die eigene Signature bewahren.

Nach Absage 2020 steht dem Tanzfestival nichts mehr im Weg

Nach der Absage 2020 steht dem biennalen Migros-Kulturprozent-Tanzfestival Steps nichts mehr im Weg. Die 18. Ausgabe rückt eine internationale Tanzszene ins Licht, die in der Schweiz lebt und arbeitet. Gezielt werden auch Produktionen gefördert: neben der Cie. La Ronde beispielweise Martin Zimmermann und Kinsun Chan. Ihre Choreografie für die Tanzkompanie Theater St. Gallen wird gerade zu Ende entwickelt. Denn «Wonderful World» soll hochaktuell sein: Wie die Weltbühne durch Pandemie, Kriege und Umweltzerstörung, gerät auch die kleine Tanzbühne in Disbalance. Doch die Bewegungskünstler und Bewegungskünstlerinnen vermögen auf den unzuverlässigen Grund zu regieren, eine neue (Schwer-)Kraft zu entwickeln. Gefahr gewinnt an Reiz. Allerdings «droht» Martin Zimmermann, Gewinner des Hans-Reinhart-Rings 2021, mit einem Happy End.

Zimmermann/Chan: 28./29./30. April und 1. Mai (St. Gallen), 4. Mai (Baden), 7. Mai (Sierre), 10. Mai (Delémont), 15. Mai (Basel), 17. Mai (Bern), 20./21. Mai (Winterthur).

Interessant ist auch Cocoondance von Rafaële Giovanola. Ihre Tanzcrew besuchte die Rapper Kamau & The Wolf in Monthey, den serbischen Folklore-Tanzverein Kud Kolo in Baden, das Theater Hora in Zürich und das Iconic Kiki House of Juicy Couture in Genf, das sich auf Voguing kapriziert. In einem Lausanner Kreativstudio liess sie die Bewegungsvokabulare ineinander wirken. Ob bewusst oder unbewusst, man erlebe eine «konstante Transformation, von einem zum anderen Körper», findet die Forscherin. «Runthrough» heisst das Resultat, das mit neuartigen Bewegungen zu coolem Live-DJ-Sound aufwartet.

Cocoondance: 7./8. Mai (Monthey), 11. Mai (Baden), 14./15. Mai (Poschiavo), 19. Mai (Morges), 22. Mai (St. Gallen)

Vielleicht ist Cathy Marston eher kunstvoll bis ins Detail, Caroline Finn surreal und physisch, Luca Signoretti theatralisch-direkt. Ihsan Rustem, selber «geerdet und im Flow», sagt, das Produkt wirke leicht verschwommen, denn zusammen sei Neues entstanden.

Die auserwählten Tanzcharaktere sind unterschiedlichster Couleur, Stilart und Herkunft. Darunter der Spanier Jorge García Pérez, der schon fürs Ballett Zürich und Ballett Theater Basel tanzte. Und Neil Höhener, der fast alle Möglichkeiten verkörpert: Geboren 1998 in Mexico City, wuchs er bei St. Gallen auf und studierte zeitgenössischen Tanz an der Zürcher Hochschule der Künste. Er definiere sich zwar als Mann, möge aber auch genderfluide Rollen und Verkleidungen sowieso, sagt er. Letztlich gehe es um Körper im Raum. Und auch Räume sind zunehmend flexibel.

Bild: Caroline Minjolle

Bereits vor der Premiere lockt die Compagnie mit dem einen und anderen «Amuse-Bouche». Im Hinterhof des Opernhauses Zürich verwandeln Pérez und Höhener das Tibits-Kreativ-Atelier in einen hochprofessionellen Tanzort. Der Boden, die Säule, die Kochinsel, bald auch der Körper des andern werden zur Spielwiese. Ein exklusiver Verein wohnt dem Spektakel an einem nüchternen Mittwochabend hautnah bei. Atemgeräusche von drinnen vermischen sich mit zufälligen Polizeisirenen von draussen. Diese rohe Intimität wird auf der grossen Bühne etwas verändert.

Im Theater Winterthur ist inzwischen schon mal das ganze Stück gezeigt worden. Dunkel wie in Schnitzlers Originalschauplätzen ist die Bühne zu Beginn.

Statt Rotlicht sind da und dort rötliche Haarfrisuren auszumachen. Alle acht Charaktere glaubt man irgendwo zu erkennen. Doch wer ist wer? Und wer findet als Erstes zusammen? Die Spannung steigt. Während einige abziehen, eröffnen Julia und Eduardo elegant den Reigen. Nach ein paar Minuten gehen Eduardo und Eden ziemlich ­direkt zur Sache. Ihr Anziehen und Abstossen geht beim dritten Paar in fröhliches Anbändeln über: Eden und Nova hüpfen ­akrobatisch übereinander. Ein etwas depressives Solo von Felix entwickelt sich glücklicherweise noch zu einem Duett, dabei sieht es eine Zeit lang sogar nach einem Dreier aus. Doch die dritte Person verharrt in ihrer Position.

Domina reitet kunstvoll einen Körper

Einmal schweifen die Gedanken zur Performance-Installation von Alexandra Bachzetsis in einem Seitentrakt des Zürcher Kunsthauses ab, wo diese als durchtrainierte Domina kunstvoll einen Körper reitet. Ihr «2020: Obscene» dreht sich ebenfalls um Gender und Begehren, nimmt sich des Stoffs aber ganz anders an. Doch dann katapultieren anregende Schlagzeug-Rhythmen wieder zu «8» zurück. Im Lichtkreis schwingen Philippe und Nova die Hüfte. ­Ihnen folgen Helen und Julia, deren Zuneigung man gerne ­abnimmt. Ein Spiegel der ­Gesellschaft will das Stück sein. Wer sich als Zuschauer oder ­Zuschauerin in den Paarungen nicht erkennt, kann immer noch selber eine Nummer dazuschieben. Bei Arthur Schnitzler sind es ja zehn.

Veranstaltungsdaten «Cie. La Ronde»: 30. April (Pully), 4. Mai (St. Gallen), 6. Mai (Steckborn), 7. Mai (Luzern), 13. Mai (Langenthal), 15. Mai (Bern), 18. Mai (Aarau), 21. Mai (Chiasso). Infos zu Compagnie Massala, Needcompany, Hanauer/Lac/Teatro Danzabile, Ballet National de Marseille, Tanzflug, Portraits in Otherness: www.steps.ch