CIRCUS MONTI: Und mitten im Strudel brüllt der Löwe

Das neue Programm «Tourbillon» feiert Premiere. Es präsentiert sich atemlos, wild und federleicht.

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Die Clowns Aaron Marquise und Olivia Weinstein aus den USA verwandeln sich in einen gefährlichen Löwen und seine Dompteuse. (Bild: Cornelia Bisch)

Die Clowns Aaron Marquise und Olivia Weinstein aus den USA verwandeln sich in einen gefährlichen Löwen und seine Dompteuse. (Bild: Cornelia Bisch)

Sie beginnt nüchtern, in einem kahlen Wartezimmer, die berührende Dramaturgie und Choreografie der beiden ­kanadischen Regisseure Marie-Josée Gauthier und Sylvain Lafortune. Klein Oskar Clown Jérémie Robert aus Frankreich – sitzt steif auf seinem Stuhl. Man verwehrt ihm den Zugang zur geheimnisvollen Tür im Hintergrund, während manch schräge Figur anstandslos passieren darf. Als Statist wider Willen wird Oskar mitgerissen von einem verwirrenden Strudel skurriler Ereignisse am ­Rande des Wahnsinns, die ihn gleichermassen ängstigen wie faszinieren. Erst im Finale beruhigt sich der Tourbillon, der Wirbelwind des Lebens. Oskar bekommt ein Gesicht, zeigt sein artistisches Talent auf dem Schleuderbrett, wird endlich durch die ominöse Tür gelassen und findet Freundschaft und eine grosse Liebe.

Akrobaten mit Hang zum Schuh

Eingebettet in Lukas Stägers zauberhafte Musik, stellt Oskar die Verbindung zum Publikum her, das an der ­Premiere in Wohlen vom Freitag ebenso überwältigt wurde wie vom nie abreissenden Strang der dichten, facettenreichen Handlung wie die Figur selbst. Wichtigste Requisiten sind einzelne Schuhe darunter ein roter von Oskar, dem er verzweifelt nachjagt –, die als Sammel-, Neck- und Spielobjekte dienen sowie farbliche Akzente setzen. Als ausgemachter Bösewicht mit an Batmans Joker erinnernder, herrlich fies grinsender Fratze rauscht der kanadische Einradkünstler Emile Mathieu unzählige Male über die Manege, während der Stuhlakrobat Charlie Mach aus Frankreich Oskar noch im Wartezimmer mit seinen irritierend halsbrecherischen Kunststücken erschreckt. Eine höchst ungewöhnliche Demonstration artistischer Raffinesse. Wenn die Handlung ins allzu Dramatische abzudriften droht, sorgen die Clowns Olivia Weinstein und Aaron Marquise aus den USA für tröstlich tollpatschige Heiterkeit. Sie, ein keckes kleines Lausmädel, das seine geringe Körpergrösse auf so charmante, liebenswürdige, unglaublich quirlige Art inszeniert, dass man sie vom ersten Moment an einfach lieben muss. Er, ganz ungeschickte Frohnatur, die aus nichts eine grosse, schreiend komische Affäre macht und mit einem überraschend sonoren Bariton aufwartet. Zwei glänzende Künstler, Chapeau.

Einen Hauch Poesie ins Programm bringen der einheimische Strapaten-Akrobat Jason Bruegger mit einer kraftvollen, bis ins kleinste Detail perfekt ausgeführten Nummer an den Vertikalseilen sowie Mario Muntwyler als einziger Artist der Monti-Familie mit einer anspruchsvollen Jonglage mit bis zu sieben Keulen. Etwas vom Pech verfolgt am ersten Abend, wird er in den kommenden Monaten noch oft Gelegenheit haben, sein unverkennbares Talent zu beweisen. Die Kanadierin Julie Dionne schwimmt im süssen Badeanzug der 30er-Jahre mit geblümter Badekappe und Flossen am Vertikaltuch auf und ab, ohne sich von den Gesetzen der Schwerkraft im Geringsten einschränken zu lassen. Eine wunderbare Darbietung mit feinem, clowneskem Humor.

Cornelia Bisch