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CLUBBING: Die Disco im Museum: Flucht in die glitzernde Nacht

Das Vitra Design Museum in Weil am Rhein zeigt die Architektur der Nachtclubs und Discotheken seit den 1960er-Jahren. Wobei das Nachtleben in der Ausstellung «Night Fever» zu kurz kommt.
Philipp Bürkler
Prominente und Paradiesvögel im Studio 54, New York, 1979. (Bild: Bill Bernstein, David Hill Gallery, London)

Prominente und Paradiesvögel im Studio 54, New York, 1979. (Bild: Bill Bernstein, David Hill Gallery, London)

Philipp Bürkler

Die Nacht war schon immer ein Experimentierraum, in dem gesellschaftliche Konventionen gebrochen, modische Akzente gesetzt, Identitäten getauscht oder aufgelöst, künstlerische Freiheiten genommen und mit Drogen dem Alltag entflohen wurde. Nachtclubs und Discotheken sind Epizentren der Popkultur. Seit den 1960er-Jahren treffen sich unter der Discokugel zu wummernden Bässen des DJs die Avantgarden und hedonistischen Nachtschwärmer. Neben der Musik, dem Dancefloor als sexueller Umgebung und den ausgelassenen Gesprächen unter den Gästen, steht seit jeher auch das Erlebnis der Clubarchitektur im Zentrum.

Clubs wurden in den vergangenen 50 Jahren zu Gesamtkunstwerken. Mit «Night Fever» widmet das Vitra Design Museum der Kulturgeschichte des Nachtlebens von 1960 bis in die Gegenwart erstmals eine Ausstellung. Die Architektur ins Zen­trum zu stellen, macht für ein Designmuseum Sinn. Dennoch fokussiert die Ausstellung zu stark auf kommerzielle Clubs und lässt den DJ als künstlerischen Master sowie die soziale Bedeutung der Clubkultur und die darin gespiegelten Subkulturen fast völlig aussen vor. Aber der Reihe nach.

Reizüberflutung als Stilmittel

Im geografischen Mittelpunkt der Schau stehen Italien, Nordamerika und Deutschland. Ab den 1960er-Jahren etablieren sich Clubs als Zentren der Ausgangskultur. 1965 eröffnet in Rom das bis heute existierende «Piper». Der erste Nachtclub, der das ­Ausgehen als architektonisches ­Gesamtkunstwerk versteht. Der Club wurde mit seinen audio­visuellen Spektakeln und Kunstwerken von Andy Warhol und Piero Manzoni an den Wänden zum Inbegriff des Radical Designs der italienischen Avantgard­architekten. Das flexible Mobiliar ermöglichte es, je nach Veranstaltung die Räumlichkeiten anders einzurichten. In Clubs wie dem «Piper», die damals fast alle in ehemaligen Kino- oder Theatersälen untergebracht waren, wurde mit Licht, Bild- und Videoprojektionen beim Partyvolk bewusst eine Sinnesüberflutung hervorgerufen. Ein wichtiger Vordenker dieses multimedialen Designs war der amerikanische Medientheoretiker Marshall McLuhan, der 1967 mit seinen Buch «The Medium Is The Massage» die aufkommenden Massenmedien sowie die Gleichzeitigkeit der Reizüberflutung verkündete.

1977, als der Starkult um Persönlichkeiten aus Film, Musik, Showbusiness und Sport eine neue Dimension erreicht, gründen Ian Schrager und Steve Rubell in New York City mit dem Studio 54 die wohl bekannteste Discothek aller Zeiten. Künstler wie Andy Warhol, Mick Jagger, Michael Jackson, Calvin Klein, Elton John oder die Disco-Queen Grace Jones waren Stammgäste im Studio 54. Die Clubbetreiber achteten auf die richtige Mischung der Gäste mit Berühmtheiten sowie unbekannten Paradiesvögeln, die vor allem wegen ihren schrägen Outfits trotz der strengen Türpolitik in den Club gelassen wurden.

Der 1983 ebenfalls in New York eröffnete und bis 1987 bestehende Club Area wollte Kunst und Nachtleben in einer völlig neuen Form verschmelzen. Alle sechs Wochen wurde der Club, zu dessen Stammgästen Künstler wie Jean-Michel Basquiat, Billy Idol, Madonna, Sting oder Cher gehörten, am Sonntagmorgen nach Partyende für vier Tage geschlossen und das Interieur auf 1200 Quadratmetern komplett nach vorher festgelegten Themen, wie etwa Science Fiction, Vorstadt, Religion, Naturgeschichte, Sex oder Sport, völlig neu eingerichtet. Während der vier Jahre seiner Existenz wurde er 25-mal umgebaut, jeder Umbau kostete 30000 Dollar. «Area» gilt heute als einer der innovativsten Clubs in der Geschichte New Yorks.

Berlins Subkultur nach der Wende

In Berlin erlebte die Clubkultur nach dem Fall der Mauer zu Beginn der Neunzigerjahre ihren ersten Höhepunkt, da in der Stadt viele Industriebauten aus der Nazi- und DDR-Zeit leer standen oder die Besitzerverhältnisse ­ungeklärt waren. 1991 entdeckte Veranstalter Dimitri Hegemann den Tresorraum des 1926 erbauten ehemaligen Wertheim-Kaufhauses. Der Tresor ist der einzige Club der Ausstellung, der sich der Sub- und Undergroundkultur annähert, da sein Design und die Inneneinrichtung nicht nach kommerziellen Mustern konzipiert war. Das magische und faszinierende beim Tresor in Berlin war seine heruntergekommene Architektur mit den Hunderten aufgebrochenen und verrosteten Schliessfächern sowie den kahlen und abgeblätterten Betonwänden und der spartanischen Einrichtung.

Mittlerweile ist Berlin die Partyhauptstadt Europas und seit der Jahrtausendwende ist Clubbing ein globales Phänomen. Der internationale Party-Jetset fliegt am Wochenende mit Billigfliegern in die Metropolen der Welt, um zu feiern. Im Sommer etwa nach Ibiza, wo Besucher teures Geld für Eintritte und Drinks bezahlen, um in durchgestylten Clubs zu feiern, in denen überbezahlte DJs wie David Guetta mehrere Hunderttausend Euro Gagen einstecken.

Viel Architektur, wenig Sozialgeschichte

Leider haben es die Ausstellungsmacher versäumt, mehr subkulturelle Formen des Clubbings ins Zentrum zu stellen, aus denen die späteren kommerziellen Clubs erst hervorgingen. Fast völlig ausgeblendet wird auch die soziokulturelle und ökonomische Bedeutung der Clubkultur für die Gegenwart. Das soziale Gemeinschaftserlebnis und das Lebensgefühl werden nur am Rand erwähnt. Der DJ als Künstler, der neben der Architektur und den Gästen zentral ist für ein Club­erlebnis, geht in der Ausstellung unter. Erwähnt wird lediglich Larry Levan. Der Disc Jokey hat 1977 den New Yorker Club Paradise Garage mitbegründet und hat als einer der ersten den DJ als Künstler begriffen. Vor ihm haben Clubbetreiber und Publikum vorgegeben, welche Musik zu spielen ist. Ebenfalls abwesend sind die Ursprünge der Hip-Hop-Kultur in New York und die dazugehörigen Clubs, die der späteren Kommerzialisierung des Rap-Genres den Weg bereiteten. Genderfragen, sexuelle Gewalt in Clubs oder der bis heute bestehende Mangel an weiblichen DJs, weil Clubbetreiber immer noch mehr männliche DJs buchen, fehlen.

Dennoch ist es wichtig, dass die Ausstellungsmacher sich an das breite Thema «Club Culture» herangewagt haben. Die Club- und Partykultur wird auch im 21. Jahrhundert Fluchtort bleiben, um dem immer schnelleren und komplexeren Alltag entfliehen zu können und sich hedonistisch in der Nacht zu verlieren.

Hinweis: Vitra Design Museum

«Night Fever», Ausstellung bis 9.9.2018

Kommt in der Ausstellung zu kurz: Spass neben dem Dancefloor, Paris in den 90ern. (Bild: Foc Kan)

Kommt in der Ausstellung zu kurz: Spass neben dem Dancefloor, Paris in den 90ern. (Bild: Foc Kan)

Der DJ als Künstler: Larry Levan in der Paradise Garage, New York, 1979. (Bild: Bill Bernstein, David Hill Gallery)

Der DJ als Künstler: Larry Levan in der Paradise Garage, New York, 1979. (Bild: Bill Bernstein, David Hill Gallery)

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