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COMEDY: Auf Hazel hat die Schweiz gewartet

Ist Hazel Brugger der neue Schweizer Comedy-Export? Nach der Premiere ihres ersten Programms im Kleintheater steht fest: Diese Frau wird noch ganz gross!
Hazel Brugger (21) nahm am Mittwochabend im Kleintheater Luzern unserer Existenz jeden Nimbus. (Bild: Pius Amrein)

Hazel Brugger (21) nahm am Mittwochabend im Kleintheater Luzern unserer Existenz jeden Nimbus. (Bild: Pius Amrein)

Julia Stephan

Wenn Hazel Brugger ihre Pointen emotionssparsam in die Welt entlässt, hat man den Eindruck, sie wäre nie ganz von Sinnen. Als sage sie sich jeweils vorher: «Hirn aus, Augen zu und nur schnell raus damit!» Wenn die junge Frau dann mit der harten Pointe auf dem Bühnenboden aufprallt, ist es bereits passiert: Die Lachmuskeln des Publikums sind von Bruggers Fantasien hart getroffen.

Die handeln von mordenden Selecta-Automaten, welche die dümmsten Vertreter unserer Spezies ausselektieren. Oder von schwimmenden Männern mit schütteren Pferdeschwänzen, die vom Schwimmbad-Sprungturm aus betrachtet aussehen wie Spermien im Fruchtwasser. Und natürlich dürfen auch die apokalyptischen Bilder nicht fehlen. Etwa die von Kindern, die von Verhütungsmitteln verhindert wurden und es doch noch irgendwie auf diese Welt geschafft haben. Um sich an ihren Nicht-Erzeugern zu rächen.

Brugger kümmert sich nie um den Kleinkram, sondern immer um den grossen Bogen unserer Existenz, angefangen bei der Geburt, diesem Pressvorgang, der asymmetrische, ja «hundertwasserdeske» Babys hervorbringe, bis zum Tod, den Brugger dazu anregt, sich zu fragen, in welcher Stellung sie post mortem einmal ausgestopft werden will.

Schamgefühl? Fehlanzeige!

Während ihr Publikum solche Fantasien, wären es seine eigenen, längst mit Schamgefühl erstickt hätte, lässt Brugger alles raus. Und das ist grossartig! «Ich kann gar nicht glauben, dass ihr da mitgeht», staunte sie am Mittwochabend im Kleintheater Luzern. Ihr erstes abendfüllendes Programm «Hazel Brugger passiert» kommt so lässig daher wie ein spontanes Try-out. Ein wilder Zusammenschnitt aus Slam-Texten, Kolumnen und Bühnenauftritten, die sich in den letzten fünf Jahren in ihrem Hirn angehäuft haben. Im Kern gehts immer um dasselbe: Um unsere menschliche Existenz, der Brugger mit ihren nüchternen Kommentaren den Nimbus nimmt und als das hinstellt, was sie ist: meistens erbärmlich. Schonungslos brettert sie so über Vorstellungen von Romantik hinweg und nennt die hölzernen Kinderstörche in unseren Vorgärten «Google-Maps für Pädophile».

Selten konnte man einer Künstlerin während einer Show so unmittelbar ins kreative Hirn schauen. Kreativität passiert bei der 21-jährigen Slam-Poetin, «Tagi-Magi»-Kolumnistin und Moderatorin einfach so und ist selten von langer Hand geplant. Mit 17 betrat sie erstmals eine Poetry-Slam-Bühne und gewann. Mit Texten, die sie am selben Tag geschrieben hatte. Damals lernte sie, dass die Bühne und sie ein gutes Team sind. Heute freut sie sich darüber, dass ihr «Privathumor in der Öffentlichkeit auch ankommt».

Was ihren Humor so raffiniert macht, ist ihre Angewohnheit, sich pausenlos selbst zu kommentieren. Ihre Pauschalisierungen, Stereotypisierungen, Grundsatzbehauptungen kennzeichnet sie für uns. «Damit Sie den rhetorischen Stil von diesem Abend erkennen.»

Brugger ist ihre beste Kritikerin

Dabei beherrscht sie jeden Taschenspielertrick der Charmeerzeugung. Für einen Kritiker ist das geradezu fürchterlich, denn sie schlägt auch ihn mit den eigenen Waffen, hat in ihr Programm eine positive und schlechte Rezension gleich mit eingebaut. Um der Kritik die Wörter zu stehlen. Liebe Frau Brugger, ja, Sie sind definitiv Ihre beste Kritikerin!

Auf so eine Frau hat die Schweizer Comedy-Szene gewartet. Und weil sich Brugger nicht mit regionalem Kleinkram aufhält und beinahe perfektes Bühnendeutsch spricht, dürfte sie mit ihrer rauen Tonart auch in Deutschland bald gross rauskommen.

Bei der Danksagung steht dann ein zu Tränen gerührtes Mädchen vor uns, das man so noch nie gesehen hat, weil es sich gewöhnlich panzert mit gespielter Ambivalenz und Gleichgültigkeit. Und einem selten gut gelaunten Gesicht.

Sympathisch schwächeln

Selten hat jemand so sympathisch mit seinen Schwächen gespielt. Schön, dass uns die Zürcher Unterländerin im nächsten Jahr mit einer von Loge und Kleintheater organisierten Reihe erhalten bleibt. «Hazel B. Unlimited» startet am 28. Januar im Kleintheater.

Hinweis

«Hazel Brugger passiert» im Kleintheater Luzern: Zusatzvorstellung: 21. 4. 2016, 20 Uhr. Poetry Slam, moderiert von Hazel Brugger in der Loge Luzern: 17. 12. «Hazel B. Unlimited» im Kleintheater: 28. 1., 3. 3. und 18. 5.; www.kleintheater.ch

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