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COMEDY: Sergio Sardella: «Ich war der Pausenclown»

Der Luzerner Sergio Sardella steht seit 20 Jahren auf der Bühne. Grund genug, mit ihm mal einen Espresso zu trinken und ausgiebig zu plaudern – über Komik und Krisenresistenz, Trump und Berlusconi, Secondos und Sozialismus.
Susanne Holz
Das Dolcefarniente, das süsse Nichtstun, liegt Sergio Sardella im Blut. Sehr fleissig ist er trotzdem – er vereint Comedy und Brotjob. (Bild: Pius Amrein (Luzern, 20. Februar 2018))

Das Dolcefarniente, das süsse Nichtstun, liegt Sergio Sardella im Blut. Sehr fleissig ist er trotzdem – er vereint Comedy und Brotjob. (Bild: Pius Amrein (Luzern, 20. Februar 2018))

Interview: Susanne Holz

Sergio Sardella, jetzt bin ich leicht zu spät und fühle mich schuldig, weil ich gelesen habe, dass Sie keine Unpünktlichkeit mögen. Was nicht gerade typisch italienisch ist, gell?

Ja, da bin ich typisch schweizerisch – ich mag keine Unpünktlichkeit, weil Pünktlichkeit ein Zeichen von Respekt ist. Zuspätkommen und Nichtkommen hingegen sind Zeichen der Geringschätzung. In Italien aber ist es tolerabel, eine halbe Stunde zu spät dran zu sein.

Sie sind rein genetisch zu drei Vierteln Italiener, zu einem Viertel Schweizer. Und keine andere Nationalität ist heute in der Deutschschweiz so breit akzeptiert wie die italienische. Haben Sie das auch noch anders erlebt?

Als Kind habe ich schon mal eine gewisse Ablehnung gespürt – wenn die Lehrer oder der Hauswart auf dem Schulhof verlangten, dass man Deutsch spricht. Oder die Schweizer Kinder die italienischen vom Fussballplatz vertrieben. Oder jede Wohnung schon «vergeben» war, wenn die Mutter unter dem Namen Sardella nach einer suchte. Die Stimmung war nicht offen fremdenfeindlich, aber man spürte, dass man nicht zu Hause war. Die Überfremdungsinitiativen in den Siebzigern, in deren Nachgang der Film «Die Schweizermacher» entstand, sind mir auch noch präsent. Da ging es hart zur Sache. Ironischerweise ist der Film immer noch aktuell: Ein spanischer Bekannter von mir, der sich einbürgern lassen wollte, bekam deshalb vor nicht allzu langer Zeit unangemeldeten Hausbesuch – hier im Kanton Luzern. Das finde ich schon etwas spooky.

Ihre Einbürgerung als Kind verlief reibungslos, da Ihre Mutter Schweizerin ist. Wie viel Italiener steckt in Ihnen? Und wie viel Schweizer?

Das kommt drauf an, in welcher Situation. (Lacht.) Wenn es um Fussball geht, dann bin ich zu 90 Prozent Italiener, auch wenn es ums Dolcefarniente, ums süsse Nichtstun, geht oder um Küche, Kochen, Krisenresistenz – um eine gewisse Schlitzohrigkeit. In Sachen Pünktlichkeit, Ordnungsliebe und im Bedürfnis nach einem geregelten Tagesablauf aber bin ich typischer Schweizer.

Noch mal zurück zum Thema Fremdenfeindlichkeit. Eine Partei wie die SVP bewirtschaftet das Thema seit Jahren und hat Erfolg damit. Wie denken Sie darüber?

Ich sage immer, die Schweiz steckt in einem Dilemma. Man mag die Ausländer nicht, aber man braucht sie: früher in den Fabriken und in der Gastronomie, heute in den Spitälern und in den Hochschulen. Ausländer sind bereit, für weniger Geld Leistung zu erbringen. Dass man sie oft nicht so gerne mag, ist keine Bösartigkeit – man kommt halt einfach nicht so gut mit den oder dem Fremden zurecht.

Wie viel Ellbogen brauchen Secondos?

Mit Ellbogen kommt man weiter. Heute brauchen alle Ellbogen. Unsere heutige Gesellschaft funktioniert so, dass man sich Gehör verschaffen muss. Es wird einem nichts geschenkt. Als Kind im Ausländerviertel hat man Klartext geredet, und hat das nichts geholfen, wurde man auch mal lauter.

Die vielen Flüchtlinge führen überall in Europa zu einem Erstarken nationalistischer Parteien. Können Sie das verstehen?

Das ist eine Entwicklung, die nicht gerade angenehm ist. Flüchtlinge werden zum Sündenbock, werden verantwortlich gemacht für wirtschaftliche Misere. Es gibt aber auch viele kritische Geister, die nicht auf Populismus von rechts hereinfallen und die die Dinge hinterfragen. Doch Demokratie bedeutet eben auch, dass jeder sich äussern darf.

Sie sind Kaufmann, Sie sind Comedian. Lassen wir den Ernst des Lebens mal eben beiseite. Worüber können Sie lachen?

Über ganz viele lustige Momente – über Situationskomik. Über gut gemachte Pointen. Nicht voraussehbare Pointen sind absolut toll. Ich kann aber auch einfach über absurde Schlagzeilen in der Zeitung lachen.

Wann haben Sie Ihr komödiantisches Talent entdeckt?

In der Schule, als ich der Pausenclown war und oftmals die Türe von aussen gesehen habe. Die Mitschüler hatten Freude, die Lehrer weniger. Mein Talent zur Imitation entdeckte ich schon früh. Ich verfolgte Beppe Grillo, Emil, Otto Waalkes, Mike Krüger, Didi Hallervorden, Benny Hill, Monty Python. Ich mochte und mag Stand-up-Comedy.

Haben Sie das komische Talent von Vater oder Mutter?

Eher nicht. Mein Vater war ein Nachkriegskind, und in Italien ging der Aufbau nicht so schnell vonstatten wie in Deutschland. Harte Zeiten. Auch wurde in Italien der Faschismus nicht so aufgearbeitet wie in Deutschland – so gibt es ja heute noch Schlüsselanhänger oder Korkenzieher mit kleinen Mussolini-Büsten dran. Mein Vater kam 1968 als Gastarbeiter in die Schweiz, zuvor hatte er schon in Deutschland, in Holland und in Frankreich gearbeitet. In der Schweiz blieb er dann hängen – aus einem ganz einfachen Grund: weil er sich in meine Mutter verliebte.

Sie interessieren sich nicht nur für die eigene Geschichte, sondern für Geschichte allgemein?

Ich liebe Geschichte. Wenn man weiss, woher man kommt, weiss man auch, wohin man gehen kann.

Haben Sie Vorbilder, als Mensch, als Comedian?

Es ist immer schwierig, jemandem nachzueifern. Aber als Comedian mag ich Emil sehr gerne, seinen Blick für das Allgemeine, das Alltägliche, das er in seinen Figuren verarbeitet. Das tägliche Leben bietet die beste Unterhaltung.

Woher schöpfen Sie als Komiker Ihre Ideen? Aus dem Alltag?

Ich höre schon bewusst links und rechts mit. Ich konsumiere viele Medien, auch die sozialen Medien. Meine Facebook-Posts sind für mich wie Notizzettel, aus denen ich später Nummern baue. Schlussendlich bietet der ganz normale Alltag so viel Wahnsinn, dass man damit abendfüllend spielen kann.

Sie reden auf der Bühne typisches Italodeutsch – braucht es diesen Akzent wirklich?

Anfangs habe ich verschiedene Figuren mit verschiedenen Akzenten gespielt. Aber es kristallisierte sich heraus, dass der Italo-Slang beim Publikum am besten ankommt. Er bietet viele Möglichkeiten für Wortspielereien. Er ist ein bewusstes Stilmittel. Manche Leute denken natürlich, ich rede immer so. (Lacht.) Einmal hörte ich an einer Bar jemanden sagen: «Er ist es nicht. Er redet ganz normal.»

Wie verlief Ihre Karriere vom Pausenclown zum Comedy-Preisträger?

Das ging schleichend vor sich. Zuerst macht man seine Witze vor der Verwandtschaft, dann bei Vereinsanlässen, und irgendwann will man wissen: Wie funktioniert es vor grösserem, vor fremdem Publikum? Man probiert offene Bühnen aus, Comedy-Wettbewerbe. Das funktionierte bei mir gut, und ich begann, ein abendfüllendes Programm zu schreiben. Der erste grosse Aufritt war dann 2009 in Emmen, in der damaligen Viscosi-Eventhalle. Ich mietete die Halle, und meine Kinder verkauften die Tickets an der Abendkasse. Es lief gut.

Und dann erhielten Sie 2011 an den Swiss Comedy Awards sowohl den Publikums- als auch den Jurypreis ...

Ja, ich als einziger Laie. Ich fiel aus allen Wolken. Und los ging es mit der Medienpräsenz, mit Fernsehen und mit Radio. Doch ich habe bis heute kein Management.

Sie arbeiten im Alltag nach wie vor als Kaufmann bei einer Versicherung. Ist das nicht ein typischer Schweizer Bünzlijob?

Absolut. Aber ich mache den Job gerne. Und ich kann hier meine Sprachen – Deutsch, Französisch, Italienisch – gut einsetzen. Ich arbeitete schon in verschiedenen Branchen. Zu Beginn in der Unterhaltungselektronik – ein knallhartes Business mit viel Konkurrenz. Dann in der Werbung – ein wesentlich emotionaleres Business. Und nun im nüchternen Versicherungswesen. Ich finde es toll, denn hier steht der Mensch im Mittelpunkt. Werbung ist nicht das echte Leben, Versicherung ist bodenständiger.

Könnten Sie inzwischen auch von Ihren Einnahmen als Komiker leben?

Ja, seit einigen Jahren, wenn ich wollte. Aber ich will nicht. Ich brauche meinen strukturierten Tagesablauf. Das gibt mir auch die Freiheit, nicht auftreten zu müssen und mein eigenes Management zu sein. Ich bin nicht gerne fremdbestimmt. Es geht mir auch nicht ums Geld. Und trotzdem schreibe ich seit Jahren alle zwei Jahre ein neues Programm. Habe ich mal den roten Faden, kann ich relativ fix Programme schreiben.

Auf Ihrer Homepage steht, Sie kommentierten den Alltag schelmisch, kritisch und «südländisch» – was heisst das konkret?

Das Leben nicht so ernst zu nehmen. Die Fünf auch mal gerade sein zu lassen. Augenzwinkernd durchs Leben zu gehen, flexibel zu sein. Das habe ich von meinem Vater mitbekommen. In Neapel lebt man auf einem Vulkan, man weiss nie, wann fertig ist.

Sie leben mit Ihrer Familie seit langem in Emmen – ganz ohne Vulkan. Gut so?

Wir sind sehr gerne in Emmen, seit 25 Jahren. Es ist gut gelegen, die Verkehrsanbindungen sind prima, man ist im Grünen, das passt.

Als Comedian bezeichnen Sie sich selbst als einen Secondo aus der «Emmenbronx». Ein Kosewort?

Bronx meint eine gute Mischung vieler Kulturen. Und natürlich war in Emmen vor Jahren ein Niedergang der Industrie zu beklagen, eine Talsohle war erreicht, es konnte nur noch aufwärtsgehen. Inzwischen sind die Hochschule Luzern – Design & Kunst oder auch das Le Thé­âtre nach Emmen gezogen. Und es wurden neue Wohnviertel gebaut.

Den Trump-Slogan «Make America great again» in «Make Emmenbronx great again» abzuwandeln, war natürlich ein gefundenes Fressen, oder?

Logisch. (Lacht.) Als klar war, dass Trump gegen Clinton antreten wird, habe ich gesagt: Jetzt wird es Trump. Aber es ist schon überraschend, wie die Amerikaner Trump einfach so mittragen. Er führt das Land wie ein Unternehmen, das würde in Europa so nicht funktionieren.

Und was ist mit dem Phänomen Berlusconi in Italien?

In Italien ist der Staat nicht so wichtig wie in anderen Ländern. Man hat zwar das Land vereint, aber nie «den» Italiener geschaffen. Berlusconi war immer präsent im Fernsehen – viele haben sich deshalb einfach gesagt: Den wähle ich! Das engste Bindeglied in Italien ist die Familie – der Staat ist zum Bescheissen da. Die Parlamente haben keinen Bestand, es gibt ständig neue Parteien – eine Farce.

Wo stehen Sie politisch?

Mein Herz schlägt links. Ich bin für soziale Gerechtigkeit. Der Grundgedanke des Sozialismus ist gut – es kommt nur darauf an, wie man ihn umsetzt.

Mögen Italiener Ihre Witze?

Mein Publikum ist gemischt. Es besteht wohl zu 75 Prozent aus Schweizern, zu 25 Prozent aus Ausländern.

Wie reagieren Sie, wenn man Ihre Witze als plump bezeichnet?

Humor ist Geschmackssache. Ich finde auch nicht jeden Komiker lustig. Wichtig ist offene Kritik – denn dann kann man sich verbessern. Weshalb man neue Nummern immer vor fremdem Publikum testen sollte.

Was macht gute Comedy aus?

Gute Comedy ist, wenn man die Leute wirklich aus ihrem Alltag reisst und wenn sie herzhaft lachen können.

Sie sind bekannt dafür, Ihre Vespa zu lieben. Was bedeutet sie Ihnen?

Die Vespa ist ein Lebensgefühl, sie steht für Freiheit, Nostalgie, fürs Sichdurchschlängeln, für den Italian Way of Life.

Was mögen Sie an Luzern?

Ich mag, dass Luzern eine Stadt ist, aber dörflichen Charakter hat. Da ist für jeden was dabei: Es gibt eine Altstadt, man kann shoppen gehen, es hat den See, Berge, es hat Verbindungen nach Zürich, Basel, Bern. Die Luzerner sind offen, auch auf der künstlerischen Ebene. Das zeigt sich am Kleintheater, an den Musikfestivals und auch an der Fasnacht.


Gratis zu Sergio Sardella

Seit 20 Jahren steht Sergio Sardella auf der Bühne. Für sein «Best of» im Rahmen der Radio Pilatus Comedy Night am Dienstag, 6. März, um 20.30 Uhr im Stadtkeller Luzern verlosen wir 2 x 2 Tickets. Und so einfach funktioniert’s: Wählen Sie bis Montag, 24 Uhr, die Telefonnummer 0901 83 30 23 (Fr. 1.50 pro ­Anruf), oder nehmen Sie unter www.luzernerzeitung.ch/wettbewerbe an der Verlosung teil. Die Gewinner werden unter allen Teilnehmern ermittelt und informiert. (sh)


Hinweis

20 Jahre Bühnenpräsenz feiert Sergio Sardella mit einem Best-of im Rahmen der Radio Pilatus Comedy Night, und zwar am Dienstag, 6. März, 20.30 Uhr, Stadtkeller Luzern. www.sergio-sardella.ch

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