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COMIC: Der Mörder ist immer der Autor

Schreibtischtäter unter sich: Reinhard Kleist widmet Musiker Nick Cave, der am Freitag 60 Jahre alt wurde, eine etwas andere Comic-Biografie. Sie spielt virtuos mit Fakten und Fiktionen.
Oliver Seifert
Comicautor Kleist widmet sich der Kreativität des Musikers Nick Cave und lässt dessen Schöpfungen lebendig werden. (Bild: Carlsen-Verlag)

Comicautor Kleist widmet sich der Kreativität des Musikers Nick Cave und lässt dessen Schöpfungen lebendig werden. (Bild: Carlsen-Verlag)

Oliver Seifert

Auffallen. Anderssein. Schocken. Darum geht es Nick Cave schon in frühen Jahren. Bloss nicht von Mittelmass und Spiessigkeit umarmt werden. Seine Identität als Künstler baut schnell auf die heldenhafte Pose des Rebellen. Die Flucht aus der Wirklichkeit wird als Teil der eigenen Legendenbildung konsequent betrieben. Beinahe manisch arbeitet Cave an seinen Geschichten als Reflexion seiner eigenen Geschichte. «Wenn ich schreibe, bin ich wie Gott, Herr über eine eigene Welt», erklärt der auf dem Fussboden hockende Sonderling, um ihn herum das totale Chaos, und fährt fort: «Wenn ich aufhöre, ist da nur noch dreckige Realität.»

Deshalb ist der Musiker und Schriftsteller Nicholas Edward Cave, vor 60 Jahren am 22. September 1957 in einem schwer aussprechbaren australischen Kaff geboren, in Reinhard Kleists Comic-Biografie sehr oft an seiner Schreibmaschine zu sehen. «Tac Tac Tac» hallt es dann durch die Seiten, wenn Nick Cave wieder an seinen Texten für Songs oder Romane tippt. In dieser düsteren, morbiden, abgründigen Sphäre ist er der allmächtige Schöpfer, der seinem erschaffenen Personal übel mitspielt, den Daumen hebt oder, wie meistens, unheilvoll senkt.

Figuren aus den Songs zum Leben erweckt

Daran hat sich sein in Berlin lebender Comic-Biograf nun erinnert und ihn in dessen eigene blühende Fantasie aus Mord und Totschlag, Liebe und Hass, Schuld und Sühne hineingezogen. Von einer typischen Biografie, welche die Lebensdaten referiert und illustriert, kann deshalb auch nicht die Rede sein. Kleist konfrontiert den Künstler mit seinem Werk, lässt ihn darin tief ein- und abtauchen, so dass die faktische und die fiktionale Ebene absichtsvoll verschwimmen.

Sein mehr als 300 Seiten langer biografischer Comicroman mit zahlreichen Grusel- und Action-Effekten gliedert sich in fünf Kapitel, die alle mit einem Titel aus Nick Caves Werk überschrieben sind. Und das natürlich nicht grundlos, denn sie alle dürfen ihre Rolle spielen, die todgeweihten Hauptfiguren aus Songs wie der junge Ausreisser aus «The Hammer Song», der alte Knacki aus «The Mercy Seat», die schöne Elisa Day aus «Where The Wild Roses Grow» oder der stumme Euchrid Eucrow aus dem Roman «And The Ass Saw The Angel» («Und die Eselin sah den Engel»). Sie erzählen von sich und ihrem Urheber, dem «Schreibtischtäter» Cave, und haben einige Fragen zum Sinn und Zweck ihrer Existenz.

Nick Cave im Studio als egomanes Ekel

Im Kapitel «The Mercy Seat» ist so der vom Song bekannte Gefangene auf seinem Weg zum elektrischen Stuhl zu beobachten, flankiert von Textzeilen. Und plötzlich taucht Nick Cave auf, in einem Studio in London, gerade bei der Aufnahme eben dieses Songs, und er schreit Anweisungen in die Runde, ein egomanes Ekel, das nur in seiner Musik lebt. Sein Todeskandidat bittet um Gnade und weist darauf hin, dass er nichts dafür kann, was ihm angedichtet wurde, denn das hat mehr mit seinem Erfinder als mit ihm zu tun. Doch kein Erbarmen: Am Ende wird Cave in der Uniform des Vollzugbeamten zur Tat schreiten und den entscheidenden Hebel umlegen. Das Gesicht seines Protagonisten ist gezeichnet vom unmenschlichen Leid. Der Mörder ist, wie in anderen Fällen im Band auch, eindeutig der Autor.

Im letzten Kapitel «Higgs ­Boson Blues» stellen ihn die vorher aufgetretenen Hauptfiguren schliesslich zur Rede. Ein Disput auf Augenhöhe. Vorwürfe auf der einen, Rechtfertigungen wie «Meine Schöpfung ist ein Spiegel meiner eigenen Welt, sie wird genährt durch meine Erfahrungen, mein Leben» auf der anderen Seite. Der gerechten Rache für ihr schrecklich ausgedachtes Stellvertreter-Leben nimmt sich dann Reinhard Kleist an: Der mächtige Schöpfer Cave wird selbst zur machtlosen Figur, gefangen in einem eigenen Song.

Sperrige Zeichnungen in Schwarzweiss

Wie Reinhard Kleist – für bisherige Bände wie «Cash», «Castro», «Der Boxer» oder «Der Traum von Olympia» zu Recht mit Lob und Preisen überhäuft – das Leben und Werk von Nick Cave verarbeitet, ist schlichtweg fulminant. Dem aussergewöhnlichen Ansatz stehen die aussergewöhnlich gestalteten Panels in Nichts nach. Die sperrigen schwarz-weissen Zeichnungen aus präzisen Linien und scharfen Kanten, kompakten Schraffuren, dunklen Flächen, knalligen Soundwords und zackigen Speedlines brechen die Seitenstruktur immer wieder rigoros auf für intensive, explosive, bisweilen apokalyptisch anmutende Szenerien aus dem schicksalhaften Dasein der durch Nick Caves Texte geisternden Kreaturen und erinnern in ihrem Stil mitunter an expressionistische Radierungen.

Zeitgleich zum Comic erscheint auch ein Artbook, das (teilweise bunt getuschte) Skizzen, Zeichnungen und Illustrationen enthält aus den verschiedenen Lebensabschnitten von Nick Cave. Porträts seiner Bands The Boys Next Door, The Birthday Party, The Bad Seeds oder Grinderman sind dort ebenso zu sehen wie Porträts von ihm sehr vertrauten Musikern wie Blixa Bargeld oder PJ Harvey sowie Porträts von ihm selbst. Ob nun Comic oder Artbook, die beiden Bände sind wie gemacht als Geburtstagsgeschenke für diesen «Fürst der Finsternis». Denn hier wie dort trifft kreativer Wahnsinn auf inhaltlichen Irrsinn und existenziellen Trübsinn. Allgemeiner Frohsinn ausgeschlossen. Reinhard Kleist hat jedenfalls seinen Nick Cave verstanden.

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