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Fumetto-Spaziergang: Die Comiczeichner sind lieber mit Stift expressiv

Künstler aus Luzern, der Romandie und Argentinien führten vor dem diesjährigen Comicfestival Fumetto durch die Stadt zu einer kleinen Auswahl der rund 50 Satellitenausstellungen. Vor Publikum waren sie etwas schüchtern.
Céline Graf
Am Fumetto gibt es Dutzende kleinere «Satelliten»-Ausstellungen. Im Bistro Krienbrüggli etwa zeigt das Luzerner Kollektiv Müscle verschiedene Ängste auf Siebdruck. (Bilder: Boris Bürgisser, Luzern, 27. März 2019)

Am Fumetto gibt es Dutzende kleinere «Satelliten»-Ausstellungen. Im Bistro Krienbrüggli etwa zeigt das Luzerner Kollektiv Müscle verschiedene Ängste auf Siebdruck. (Bilder: Boris Bürgisser, Luzern, 27. März 2019)

Der Künstler ist anwesend. Nicht zufrieden mit seiner Ansprache sei er, sagt er zum anderen Künstler. «Das nächste Mal überlege ich mir eine Geschichte und sage auch etwas Lustiges», so Martin Panchaud. Er und Benedikt Notter, die beiden Gewinner der Comicstipendien von Deutschschweizer Städten 2018, stehen neben dem Ausgang, diskutieren und schauen, wie die Besucher ihre Werke an der Wand betrachten.

«Wir sind ganz erschlagen», sagt Jana Jakoubek, künstlerische Leiterin des Fumetto-Festivals. Hier vor der Galerie F5.

«Wir sind ganz erschlagen», sagt Jana Jakoubek, künstlerische Leiterin des Fumetto-Festivals. Hier vor der Galerie F5.

Viele Leute auf wenig Raum ergibt wenig Sichtfläche. Die Besucher nehmen es gelassen und plaudern miteinander, während sich der Tross in Bewegung setzt. Einige sind selbst Künstler bei einer Station auf dem Programm.

Das Luzerner Comicfestival Fumetto veranstaltet in der Woche vor der Eröffnung einen Spaziergang. «Wir sind ganz erschlagen. So viele Anmeldungen hatten wir noch nie. Nächstes Mal wollen wir noch mehr», wird Jana Jakoubek, künstlerische Leiterin, zum Abschluss sagen. Aber erst einmal geht es los. Von der IG Kultur an der Bruchstrasse in Richtung Franziskanerplatz zur Galerie F5.

Fasnachtsphobie, Lesende und Begehrende

Von Anfang an haben die Organisatorinnen zwei Gruppen gebildet, die immer noch grösser sind als bei einer gewöhnlichen Museumsführung. Sechs von über 50 der auf die Stadt verteilten «Satelliten»-Ausstellungen hat die zuständige Projektleiterin Stefanie Frick für heute Abend ausgewählt. «In der Nähe voneinander mussten sie sein», sagt sie.

So überrascht es, dass ein Sujet dennoch einen roten Faden bildet. Psychische Innenansichten verbinden die schwarzweissen surrealen Zeichnungen von Benedikt Notter mit zwei Independent-Projekten aus Luzern. Das Siebdruck-Kollektiv Müscle zeigt im ehemaligen Bordell und jetzigen Bistro Krienbrüggli zwölf Kalenderblätter mit je einer Phobie. Wenn Luzern wüsste, dass es gar eine «Karnevalphobie» gibt.

Der nächste Satellit befindet sich ausgerechnet in einem Kleiderladen namens Paranoia. Im Schaufenster hängen Auszüge aus dem neuen Comic «3 Väter» von Nando von Arb. Darin schildere er seine Kindheit, erzählt der Zürcher. Obwohl er das Publikum mit einer Vernissageeinladung («Ich hoffe, es kommt jemand») zum Lachen bringt, ist auch er expressiver mit dem Stift denn als Redner. Das liegt allerdings auch an der Moderation, die das Fragen dem Publikum überlässt. Es fragt nichts.

Bei der nächsten Station, der Jazzkantine, ist der Austausch etwas reger, weil die Kunstwerke über «Liebe, Depression und Begehren» im Spleur-Magazin bei den Macherinnen selbst erblättert werden müssen. Das Lokal bleibt wegen eines Konzerts unbetreten.

Lesende Figuren von Maria Luque aus Buenos Aires.

Lesende Figuren von Maria Luque aus Buenos Aires.

Die Künstlerin besucht Luzern zum ersten Mal.

Die Künstlerin besucht Luzern zum ersten Mal.

Die fröhlichsten Bilder des Abends stammen von Maria Luque. Die Argentinierin, die in der Galerie F5 ausstellt, malt lesende Figuren in warmen Farben. Die Dargestellten haben es um einiges gemütlicher als die Rundgangsteilnehmer, die mit möglichst wenig Drängeln versuchen, mehr als einen Blick auf die Werke zu erhaschen. Von der leisen Ansprache der Künstlerin haben manche zudem nur Satzfetzen wie «(...) work in progress (...)» mitbekommen. «Ich beobachte andere gerne beim Lesen», sagt Luque, im direkten Gespräch nun fast nicht mehr schüchtern. In fremden Städten lande sie oft früher oder später in einer Bibliothek. Wie die Bibliothek hier in Luzern sei, fragt sie. «Modern? Klingt gut.»

Kühl, technisch und eigenwillig ist der Erzählstil des Genfer Illustrators und Comicautors Martin Panchaud. Sein überdimensionales Bild, das er für das neuste Strapazin-Magazin zum Thema Flanieren kreiert hat, zeigt eine Vogelperspektive auf den Planpalais-Platz im Zentrum von Genf. Wie bei einer Infografik sind einzelne Elemente beschriftet, mit «Mensch» beispielsweise. Erst mit Hilfe der Legenden zeichnet sich eine Geschichte ab.

«Meine Kunst zählt zu den kalten Medien»

Panchaud hat mit dieser Methode auch schon einen ganzen Star-Wars-Film nacherzählt. Ein ziemlicher Spass zum Scrollen, für Fans zumindest. «Meine Kunst zählt zu den kalten Medien», sagt er. Im Gegensatz zu den «warmen Medien» wie dem Fernsehen müsse das Publikum bei seinen Werken bereit sein, sich lesend Zugang zu verschaffen. Beim Comic ist das längst nicht mehr die Norm, gibt es am Fumetto doch auch viele Bildnarrationen ohne Text.

Martin Panchaud (links) und Benedikt Notter, Gewinner von Comicstipendien 2018.

Martin Panchaud (links) und Benedikt Notter, Gewinner von Comicstipendien 2018.

Wesentlich leichter fällt auch Panchaud das Erzählen im Eins-zu-eins-Gespräch, wenn das Publikum nicht zuhört. «An meinen Ausstellungen bin ich lieber inkognito, sonst fühlen sich die Leute manchmal verpflichtet, mich zu loben oder etwas zu fragen», sagt er. Sobald die Ausstellung eröffnet ist, gelte sowieso «C’est le public qui fait l’oeuvre». Nur durch die Wahrnehmung des Publikums könne Kunst existieren.

Bloss, wie entscheidet es sich zwischen den Dutzenden Ausstellungen? Selbst ein treuer Besucher des Fumetto, hat Panchaud eine Strategie entwickelt. «Man muss seine Aufmerksamkeit optimieren, sonst verzettelt man sich.» Er setze erste, zweite und dritte Prioritäten und plane einen Parcours. «Manchmal bin ich dann trotzdem frustriert, weil ich eine interessante Ausstellung verpasst habe.»

Mit Verspätung treffen die Spaziergänger schliesslich an der Rössligasse ein. Zu sehen sind Porträts von Geflüchteten und Helfern der NGO Ärzte ohne Grenzen. Die Thurgauerin Carole Isler hat sie aus Griechenland mitgebracht. Danach können sich die Besucher gegenseitig zeichnen. Die meisten ziehen jedoch den Apéro vor.

Fumetto: 6. bis 14. April 2019

Programm und Infos: www.fumetto.ch

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