Corona
Bundesrat Alain Berset wird zum Theaterregisseur

Die Teil-Öffnung macht die Menschen glücklich, lässt sie Bier trinken, heisse Pizza essen und Sinfonien hören. Unser Wochenkommentar.

Christian Berzins
Christian Berzins
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Den Musikern und Musikerinnen des Tonhalle-Orchester war anzusehen, dass sie nichts Zweckloses machten, sondern diesem kleinen Häuflein von 50 Menschen, dass da zusammengepfercht vorne links im Parkett sass, die Nahrung für ihr Ich schenkten.

Den Musikern und Musikerinnen des Tonhalle-Orchester war anzusehen, dass sie nichts Zweckloses machten, sondern diesem kleinen Häuflein von 50 Menschen, dass da zusammengepfercht vorne links im Parkett sass, die Nahrung für ihr Ich schenkten.

Gaetan Bally / KEY

Als Montag um 18.12 Uhr und 59 Sekunden der Kopf des Böögg in der Schöllenenschlucht explodierte, war der Frühling da und Corona vorbei. Das Bier floss in der ganzen Schweiz in Strömen, auf den Bänken stehend, brüllten die Menschen euphorisiert: «Bye-bye, Take-away!» Nie mehr lauwarme Pizza aus dem Karton essen, nie mehr 7.50 Franken für einen Plastikbecher Weisswein bezahlen. Die Welt war zum Paradies geworden, die Zeitenwende nah.

Fast. Am Montag war es noch etwas zu kühl für dieses Szenario, aber heute Abend soll es so weit sein. Oder morgen Sonntag. Naja, vielleicht im Herbst.

Am Mittwoch fragte man sich aber bereits, wo die Restaurants und Grillstände dieses Mobiliar herhatten? In welche Stadt- oder Dorfecke man zwischen Brig und Appenzell auch trat, überall konnte man sich vor den Lokalen hinsetzen, selbst wenn die ausgewählte Ecke das Stigma des ewigen Schattens trug. Wer braucht schon Parkplätze, wenn da Tische hingestellt werden können!

Auf dem Balkon der Luzerner Brasserie «Bodu» fühlte man sich am Mittwochabend wie in einer Theaterloge, erlebte ein Spektakel, inszeniert von BAG und Bundesrat Alain Berset: «Saalöffnung» war schon um 11 Uhr, als würde ein ewiglanges Bühnenweihfestspiel von Richard Wagner gegeben. Die Protagonisten waren Familien, Freunde, Bekannte; die Bühne die Reuss-Uferpromenade.

Dank der Lockerung lacht uns dort das Leben in Form einer Stange Bier auf einem Tablett entgegen. Und sei es auch ein alkoholfreies Bier. Was jammern sie da auf der echten Theaterbühne auf der anderen Flussseite dem Teufel ein Ohr ab: Das Leben wertlos, eine Pein? Quatsch, Dr. Faust hatte vergessen, wie das Glück aussah! Es leuchtete aus den Gesichtern an den Luzerner Wirtshaustischen.

Gewiss haben dunkle Denker recht, die behaupten, dass auf der Erde nichts so vollkommen sei wie das Unglück. Das Coronajahr lieferte die Beweise dafür. Aber warum sich gewöhnen an diese schwarze Kraft, die uns seit Monaten niederdrückt? Da liegt eine Speisekarte, dieser Wunschzettel für Erwachsene, der jeden sorglos stimmt. Entrecôte? Tatar mit Pommes Alumettes? Am Nebentisch sind es Austern und eine Flasche Burgunder. Carpe diem.

Diese Welle war besser vorauszusehen als jede zuvor. Seit Montag kreist das Blut schneller in den Adern, jetzt kommt Quellwasser in den gleichmässigen Lebensstrom: Hinweg mit der Teil-Lockdown-Monotonie, vorbei der Gang in den Keller, wo immer noch Lockdown-Vorräte lagern, deren Ablaufdatum wir längst auswendig kennen.

Dem einen die Stange, der anderen die Sinfonie. Als am Donnerstag das Zürcher Tonhalle-Orchester zum Konzert rief, durften zwar nur 50 Leute im Saal sitzen, aber ein jeder und eine jede merkte, wie da A-Dur-Tonleitern aus den Seelen aufstiegen, da war die Sehnsucht nach ewigem Frühling und Leben spürbar, die todgeweihte Tonhalle Maag verwandelte sich in einen Ballsaal des Glücks. Den Musikern und Musikerinnen war anzusehen, dass sie nichts Zweckloses machten, sondern diesem kleinen Häuflein von 50 Menschen, dass da zusammengepfercht vorne links im Parkett sass, die Nahrung für ihr Ich schenkten.

Es ist unglaublich, was die Künstler uns dieser Tage alles schenken wollen, vergessen sind die Stimmen, die im Lockdown sagten: «Wir müssen von dieser Produktionsflut wegkommen.» Opernintendant Klaus Bachler hat in der NZZ gesagt: «Ich fürchte nur, dass diese Krise fast zu klein ist für eine wirkliche Veränderung.»

Seien wir froh, dass es keine Veränderung geben wird. Der Mensch ist zu gierig nach Lust, zu einfach gestrickt. Aber immerhin erschuf er Pizza, Bier, «Faust» und Sinfonien. In Bern spielen sie ab 2. Mai die Operette «Die Fledermaus», im 1. Akt singt man, das drohende Unglück erahnend: «Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist.» Der Bundesrat kennt das Werk bestens.

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