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Culturescapes-Direktor Cooiman: «Warschau ist der coolste Ort in Europa»

Jurriaan Cooiman, Direktor von Culturescapes, spricht über die Zukunft seines Festivals und den Kampf der polnischen Kulturszene.
Mathias Balzer
Jurriaan Cooiman bringt seit 15 Jahren internationales Kulturschaffen in die Schweiz. (Bild: Kenneth Nars (17. September 2019))

Jurriaan Cooiman bringt seit 15 Jahren internationales Kulturschaffen in die Schweiz. (Bild: Kenneth Nars (17. September 2019))

Das Festival Culturescapes ist eines der grossen Kulturfestivals der Schweiz. Es richtet zwar seinen Fokus auf seinen Stammort Basel. Von dort aus bedient es jedoch ein Netzwerk von Kulturinstitutionen im ganzen Land. Mit seinem Programm, das jeweils Kulturschaffende eines Gastlandes präsentiert, erreicht es pro Ausgabe 40 000 bis 50 000 Besucherinnen und Besucher schweizweit. Die diesjährige Ausgabe ist Polen gewidmet.

Jurriaan Cooiman hat das spartenübergreifende Festival vor 15 Jahren gegründet und ist seither dessen künstlerischer Leiter. Er studierte Kulturmanagement an der Universität Basel, war Leiter der Produktionsagentur Performing Arts Services und arbeitete unter anderem mit dem Od-Theater, der Werkbühne Berlin und dem Goetheanum zusammen.

Sie bereisen für Culturescapes seit 15 Jahren die ganze Welt. Ist das immer noch ein Traumjob?

Jurriaan Cooiman: Ja, absolut. Ich bin froh, dass die Anfangsjahre Früchte getragen haben. Ich bin zu einer Art Schnittstelle zwischen allen Partnern in den Gastländern und den Partnern in der Schweiz geworden. Das betrifft teilweise bereits die dritte Generation von Museums-, Theaterdirektorinnen und -direktoren.

In den letzten 15 Jahren hat sich die weltweite Kulturszene verstärkt global vernetzt. Braucht es da Culturescapes als Vermittlungs- plattform überhaupt noch?

Ich versuche da mal, zwei Antworten zu geben: Zum einen gibt es eine gegenläufige Bewegung zur Globalisierung. Inmitten dieses weltweiten Waren- und Kulturaustausches stellen viele Kunstschaffende die Frage nach ihrer eigenen Identität und dem Kontext, in dem sie leben. Daraus entstehen beispielsweise neue Formen von Volksmusik oder auch nationalistische Abschottungstendenzen wie in Ungarn oder Polen. Wenn nun Kulturhäuser oder wir als Festival internationale Produktionen zeigen, ist das immer noch ein wichtiger Beitrag dazu, dass Gesellschaften sich besser verstehen können.

Und die zweite Antwort?

Ich bin nicht sicher, ob wir an diesem Konzept der einzelnen Länder festhalten werden. Gerade die Orientierung an Landesgrenzen trägt ja oft nicht zu Lösungen bei. Sie verschärft die Probleme eher.

Was wäre denn das andere Modell?

Wir sind dabei, in grösseren Einheiten zu denken. Wir entwickeln für das Jahr 2021 einen Schwerpunkt zum Amazonasgebiet. Da sind neun Staaten involviert, die diese Biosphäre eigentlich schützen sollten. Ein Thema, das Kulturschaffende dort, aber auch weltweit beschäftigt. 2023 könnte das Thema die Sahara sein, 2025 der Himalaja. Im Grunde eine Tour rund um den Globus zu jenen Regionen, die grosse Bedeutung haben für das Überleben dieses Planeten. Wir werden deshalb nicht nur mit den Künstlern aus diesen Regionen arbeiten, sondern auch mit Künstlern von hier.

Nach welchen Kriterien haben Sie die Länder bisher ausgewählt?

Mit der diesjährigen Ausgabe schliessen wir eine Europatrilogie ab: Island, Griechenland und Polen. Ein Versuch, uns der europäischen Krise zu nähern. Bei den ersten beiden Ländern waren es verschiedene Arten von Wertekrisen, die Wirtschafts- und Flüchtlingskrise. In Polen ist es eine Nationalisierungskrise.

In der Schweiz gibt es ja diesen vor allem durch die Pro Helvetia getriebenen Austausch mit anderen Ländern. Zurzeit reisen viele Künstler nach Südamerika. Das ist gut für die Künstler, nur fehlen sie dann, um sich hier mit den Problemen vor Ort zu beschäftigen. Wie sehen Sie das?

So, wie Sie das formulieren, wäre das ganze Programm ein Ablenkungsmanöver. Man sagt dem Künstler: Geh mal dorthin und beschäftige dich mit Postkolonialismus anstatt mit den Problemen vor Ort. Nur ist es aber so, dass viele Probleme in Südamerika auch etwas mit der Schweiz zu tun haben. Gerade im Bereich der Bodenschätze steht die Schweiz ja in einer globalen Verantwortung. Wenn die Künstler dies thematisieren, ist ein solches Programm sicher zu befürworten.

Auf welche Wirkung zielen Sie mit Ihrem eigenen Programm?

Es geht immer darum, bestehende Bilder zu hinterfragen und sie mit einer realen Begegnung zu konfrontieren. Das führt dann dazu, dass das Publikum nicht bloss sein Bild des Fremden, sondern auch das Bild von sich selbst neu denkt. Es geht letztendlich um Vorurteile. Diese haben oft schlicht mit Unkenntnis zu tun. Polen ist dafür ein hervorragendes Beispiel. Wir wissen beinah nichts über dieses Land.

Stimmt. Ich kenne wenige Leute, die nach Polen in die Ferien fahren.

Und das ist schade. Polen ist ein fantastisches Land. Vielfältige Landschaften, unglaublich dynamische Städte. Warschau ist im Moment der coolste Ort in Europa.

Was zeichnet denn die Kulturszene in Polen aus?

Die polnische Kulturszene ist so profiliert, weil sie sich bereits seit über 200 Jahren gewohnt ist, sich gegen Regime zur Wehr zu setzen. Bereits während der deutsch-russischen Besetzung im 19. Jahrhundert, aber auch später waren Musik und Lyrik eine Art Geheimsprache, um die eigene Identität hochzuhalten.

Also ein positiv gewendeter Nationalismus in der Kultur. Bei uns ist das ja eher verpönt.

Ich finde es nicht falsch, Freude zu haben und stolz zu sein auf den Ort, wo man sozialisiert wurde. Nur muss man das nicht den Nationalisten überlassen. Die haben die Hoheit darüber ja nicht gepachtet. Anstatt zu sagen, wir sind stolz auf die Folklore, kann man ja auch sagen: Wir sind stolz auf diese inklusive, urbane, vielfältige Gesellschaft.

In Polen wird dieser Kulturkampf jedoch mit härteren Bandagen gefochten als bei uns.

Ja, das stimmt. Es werden immer wieder unliebsame Theater- oder Museumsdirektoren entlassen, oder ihre Verträge werden nicht verlängert. Das führt natürlich zu einer Gegenbewegung. Aber viele linke Künstler haben mittlerweile auch genug davon, sich dauernd gegen diese Tendenzen wehren zu müssen. Sie würden lieber ihre eigentliche Arbeit machen.

Führt das zu einem Exodus?

Es gibt viele gute Künstler, die oft im Ausland arbeiten. Die meisten arbeiten jedoch in Polen. Das Land hat 40 Millionen Einwohner. Man muss auch sehen, dass vor allem die nationale Kulturpolitik rechtskonservativ ist. Viele Städte sind jedoch links regiert und unterstützen dementsprechend die progressive Kulturszene.

Das Programm ist in drei Begriffe geordnet. Der eine ist Protest.

Die Protestkultur spielt in der polnischen Geschichte eine herausragende Rolle. Das war bei der Bildung der Nation 1918 so, später bei Solidarność, mit neun Millionen Mitgliedern. Heute gibt es die schwarzen Proteste für die Frauenrechte oder gegen die Vereinnahmung des obersten Gerichts. Eine wichtige Koordinationslinie also.

Geschichte ist der zweite Punkt.

Da geht es eigentlich um Erinnerung und um Geschichtsschreibung. Polen debattiert heftig darüber, dass die Regierung die Geschichte zugunsten ihrer Interessen umschreibt. Die Erinnerungskultur läuft also Gefahr instrumentalisiert zu werden. Da legen viele Künstler den Finger drauf.

Das dritte Wort ist Spiritualität.

Wir haben den Begriff gewählt, weil gerade die Rolle der Kirche ein grosses Thema ist. Viele Künstler stellen die Hoheit derselben in spirituellen und politischen Belangen infrage. Und trotzdem beschäftigt sie die Sinnfrage, die Frage nach Transzendenz und einer anderen Spiritualität.

Was hat die Kulturszene in Polen selbst für eine Resonanz?

Wir haben vor allem Produktionen ausgewählt, die für eine offene, inklusive, liberale, kritische Gesellschaft stehen. Diese Künstler sind in diesen Kreisen recht bekannt. Es gibt aber auch eine sehr konservative Szene, wo Theater wie im 19. Jahrhundert gemacht wird. Beiden eigen ist, dass sie Publikum haben. In Polen sind Kulturveranstaltungen immer voll.

Hat das nationale Kulturinstitut keine Vorgaben gemacht?

Nein. Die lassen es zu, dass wir dieses Programm machen. Da ist auch unsere rote Linie. Ich hab Polen und seine Kulturszene in den letzten drei Jahren mehr als 25 Mal besucht. Da lassen wir uns nicht vorschreiben, wie wir dieses Engagement am Ende umsetzen.

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