DADA-JUBILÄUM: Früher war es Dada, heute ist es Gaga

Vor fast hundert Jahren begründete eine Hand voll «gefährlicher Ausländer» im biederen Zürich den Dadaismus. Da, da, das geht uns heute noch was an.

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Bild: Schweizerische Nationalbibliothek

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Julia Stephan

Angenommen, die Dadaisten bekämen mit, was sich Zürich zum 100. Geburtstag ihres Cabaret Voltaire alles ausgedacht hat. Wahrscheinlich würden sie sich vor so viel geballter institutioneller Beweihräucherung gleich selbst wieder zu Grabe tragen. Wenn sogar Hotels mit Dada-Specials werben, wirkt der «Urknall der Moderne», wie Künstler Dieter Meier die Geburtsstunde von Dada beschreibt, wie eine Tischbombe zum Kindergeburtstag.

Vielleicht ist es das Schicksal aller Protestbewegungen, dass sie irgendwann der Kultur, der sie entwuchsen, zahm erlegen sind. Die Luzerner Band Dada ante portas schmückt sich heute mit Dada im Bandnamen, die Hip-Hop-Band Freundeskreis schwärmte in den 1990-ern im Song «A.N.N.A.» über eine regennasse Schönheit mit den Worten von Kurt Schwitters berühmtem Merz-Gedicht «An Anna Blume», dieser mit Zeitungsschnipseln zusammengestammelten Liebeserklärung.

In den 1980ern war die Deutsche-Welle-Band Trio mit dem Ohrwurm «Da da da» eine ähnlich internationale Marke wie Dada. Und wenn sich Popsängerin Lady Gaga in ein Kostüm aus Fleisch wurstelt, dann steht sie der Ikone der New Yorker Dada-Szene, Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven, in puncto Selbstvermarktung in nichts nach. Zur Garderobe der Exzentrikerin gehörten Gesässpolster mit Rücklicht oder mit Gemüse garnierte Hüte.

Raus aus der Isolation

Es waren mittellose Emigranten, die dem biederen Zürich während des Ersten Weltkrieges etwas Weltläufiges gaben. Zürich war damals Zufluchtsort für politisch Verfolgte. Kommunisten und Künstler brüteten nur wenige Strassenzüge voneinander entfernt an Stammtischen über ihre Zukunft, die der Krieg gerade blockierte, als am 5. Februar 1916 der deutsche Autor Hugo Ball mit seiner Lebenspartnerin Emmy Hennings, in der Weinstube Meierei im Niederdorf das Cabaret Voltaire gründete, um künstlerisches Niveau in die Zürcher Kabarettszene zu bringen, und sich aus der lähmenden Isolation zu befreien.

Der Name des Kabaretts, das auf Rumänisch «Ja, ja» bedeutet, auf Französisch «Steckenpferd», soll auf eine Idee Hugo Balls zurückgehen. Dass eine Marke der in Zürich ansässigen Parfümerie- und Seifenfabrik Bergmann & Co ebenso geheissen hat, macht das Verwirrspiel um dieses Wort, das alles und nichts bedeutet, nur noch grösser.

Ein Ort für alle

Das «Voltaire» war zunächst eine einfache Künstlerkneipe, in der jeder spontan auftreten durfte. Ein Zuhause für emigrierte Künstler wie Hans Arp, der eine Weile auch in Weggis lebte («es war eine qualvolle Zeit»), Marcel Janco, Tristan Tzara, Max Oppenheimer, Richard Huelsenbeck sowie für die Tänzerinnen aus der Zürcher Schule des ungarischen Tänzers Rudolf von Laban, die den Ausdruckstanz mit den Darbietungen im «Voltaire» verschmelzten. Auch wenige Schweizer wie Sophie Täuber und Friedrich Glauser waren bei den Tänzen, Gesangsauftritten und Gedichtrezitationen gern gesehen. Letzterer hielt sich jedoch vornehm schweizerisch zurück, begleitete Hugo Ball höchstens mal am Tambourin, wohingegen Laban-Schülerin Täuber, die an der Kunstgewerbeschule unterrichtete, sich mit ihren Marionetten und abstrakten Tänzen hinter den bei den Zürcher Dadaisten populären Masken versteckte. Noch heute ist die Künstlerin der Schweiz wichtig und teuer. Ihr Antlitz prangt auf dem 50-Franken-Schein.

Gegen Krieg, gegen alles

Die Schweizer beobachteten die «gefährlichen Ausländer» mit Argwohn, obwohl die Dadaisten nur in den Anfängen aktiv den Kontakt zu den Kommunisten suchten und sich in der Schweiz, «diesem Vogelkäfig, umgeben von brüllenden Löwen» (Ball), vordergründig apolitisch gaben. Ihre Geste: die Verneinung. Man schoss gegen alles: gegen den Krieg, gegen die Literatur, die Richard Huelsenbeck in Grund und Boden trommeln wollte, gegen die Sprache, indem man sie mit Lautgedichten sinnentleerte, und gegen Nationalstaaten durch internationale Vernetzung. Man wandte sich mit der Zeitschrift «Dada», Manifesten und mit kunterbunten Soirées gegen die Rationalisierung der Gesellschaft – für den Kunsthistoriker Raimund Meyer hatte Zürichs Dada deshalb auch den «Charakter eines Gemischtwarenladens».

Die Künstler wollten mit europäischen Traditionen brechen. In der später eröffneten Galerie Dada im Sprüngli-Haus, die der Kunstsammler Coray an die Dadaisten übertrug, zeigte man afrikanische Kunst Seite an Seite mit dadaistischen Werken. Und ähnlich wie die Underground-Clubs von heute, fanden einzelne Soirées in der Galerie Dada als geschlossene Veranstaltung statt, weil der Vermieter, Confiseur David Robert Sprüngli, den Dadaisten wegen Lärmimmissionen mit Kündigung gedroht hatte.

Heute könnte man diese Organisationsform ganz salopp mit ein paar Worten umschreiben: flache Hierarchie, offene Strukturen, gute internationale Vernetzung. Und man sollte dabei das hervorragende Marketing nicht vergessen, denn die Dadaisten hatten ein Flair für Typografie – in Berlin bastelte Hannah Höch später aus Illustriertenschnipseln ihre berühmten Fotocollagen.

Dada, der Exportschlager

Die Dadaisten wussten lange vor dem Internetauftritt mit Portfolio, wie man für seine künstlerischen Ambitionen Massenmedien produktiv für sich nutzen kann. Dank dem unermüdlichen Netzwerker Tristan Tzara, der Presseartikel sammelte, Anzeigen schaltete und als Werber für sich und die Sache Dada die Werbung zur Kunst erhob, wurde der Zweisilber Dada in Genf, Paris, New York, Berlin, Köln und Hannover zum Exportschlager. Schon in den 1920ern erschienen Tausende Artikel über Dada. Mit einem theoretischen Überbau in Form von Zeitschriften und Pamphleten schafften die Dadaisten auch als Schreibende mediale Sichtbarkeit.

Ist Dada tot? Mit einem «-ismus» als Anhang für alle Zeiten in die Kunstgeschichtsschreibung eingebettet? Wohl kaum. Unter Dadaisten war es schon zu Lebzeiten Mode, sich für tot zu erklären. Chefpropagandist Tzara streute einmal sogar eine Falschmeldung von einem tödlichen Pistolenduell zwischen Arp und Tzara in die europäische Presse. Sie hat ihren Nachruhm nur vergrössert.