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Interview

Sängerin Sina im grossen Interview übers Altern, Feminismus und schwierige Zeiten

Die 52-jährige Mundartsängerin erhält einen Swiss Music Award für ihr Lebenswerk. An einen Abschied von der Bühne denkt Sina aber noch lange nicht. Ihr neues Album «Emma» widmet sie ihrer Grossmutter.
Stefan Künzli

Sina, herzliche Gratulation zum Swiss Mus ic Award für Ihr Lebenswerk. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

So auf Deutsch tönt das für mich schon etwas komisch. Es hat etwas Abschliessendes. Dabei will ich ja nicht aufhören. Der Vogel ist in der Luft und hat noch nicht vor zu landen. Ich werde natürlich weiterhin mit Energie und Herzblut Musik machen. Aber natürlich: Ich freue mich sehr über die Anerkennung, dass ich seit 25 Jahre aktiver Teil dieser Schweizer Musikszene bin. Den roten Teppich an den Swiss Music Awards werde ich trotzdem ganz gern wieder verlassen.

Passen diese Glamour- und Cüplianlässe nicht zu Ihnen?

Hm … Sagen wir es so: Sie sind Teil des Jobs. Ich bin da eher zurückhaltend, zeige mich nicht so prominent in der Öffentlichkeit. Aber ich liebe Preise: Den ersten habe ich mit 17 Jahren an einem Oberwalliser Nachwuchswett­bewerb erhalten. Ein Adler aus Holz. Er steht auf dem Bücherregal und erinnert mich an meine Anfänge.

Es ist aber schon bemerkenswert, dass Sie sich in diesem schnelllebigen Business 25 Jahre lang an der Spitze halten können. Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?

Ohne ein funktionierendes Team, das sich gegenseitig vertraut, geht es nicht. Klar, Talent gehört dazu. Aber ohne Glück und Zufall geht es nicht. Das Lied, «Där Sohn vom Pfarrär», war so ein Glücksfall. Ebenso dass ich 1994 auf der ersten Welle des Mundart-Pop reiten durfte. Ein Vorteil war auch, dass der Walliserdialekt im Pop etwas Neues, etwas Besonderes war. Dann kann ich hartnäckig sein, das sieht man mir vielleicht nicht so an. Aber in diesem Geschäft braucht es einen langen Atem.

Sins 2009 an einem Konzert in Amriswil TG.

Sins 2009 an einem Konzert in Amriswil TG.

Wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken. Was war das schönste Erlebnis?

Da gibt es unzählige Begegnungen, in der Musik und ausserhalb, magische Momente auf der Bühne. Sicher, als ich zum ersten Mal am Radio gespielt wurde. Weil ich merkte, dass ich und meine Musik wahrgenommen werden. Als der Durchbruch gelang, nach zehn Jahren Erfolglosigkeit, in denen ich mich durchgehangelt habe zwischen Temporärjobs und künstlerischer Selbstfindung. In dieser Zeit habe ich mich oft gefragt: Willst du das wirklich, oder wäre eine Bankkarriere nicht doch gescheiter?

War das die schwierigste Zeit?

Ja. Ich wohnte in Genf und war am Wochenende in der Deutschschweiz unterwegs in Dancings und an Unterhaltungsabenden. Ich hatte keine Band, nur einen rosaroten Koffer mit Kassetten mit Halbplaybacks, die dann abgespielt wurden. Wenn es genug Gage gab, habe ich zwei meiner Freundinnen mitgenommen, die Tänzerinnen waren. Das waren meine wichtigen Wander- und Irrjahre, in denen ich stilistisch einiges ausprobiert habe, auch deutschen Schlager. Ich war zu dieser Zeit auf der Suche nach der eigenen Stimme. Vor der Produktion zum «Pfarrär» sagte ich meinen Produzenten, dass das jetzt wohl meine letzte Chance sei.

Ihr heutiger Mann, Markus Kühne, der damals in Polos Schmetterband spielte, war der Produzent Ihrer ersten Platte. Waren Sie damals schon ein Paar?

Nein, gar nicht. Wir brauchten eine Weile, bis wir uns fanden. Er war älter als ich und hatte andere Vorstellungen davon, wie ich tönen sollte. Da hat es zwischendurch schon mal gekracht.

Und heute?

Keine Sorge, wir sind ein Herz und eine Seele. Doch wenn es um musikalische Vorstellungen oder Haltungen geht, sind die Diskussionen immer sehr lebendig.

Heute hält er sich weitgehend im Hintergrund.

Ganz bewusst, ja. Er hat rund die Hälfte meiner Alben produziert, sich dann aber zurückgezogen.

Sie widmen Ihr neues Album «Emma». Wer ist sie, und was bedeutet Emma für Sie?

Emma war meine Grossmutter und Gotte. Sie war Rebbäuerin und Mutter von acht Kindern. Ich bin teilweise bei ihr aufgewachsen, zusammen mit zwei Tanten. Für mich waren sie emanzipierte Frauen, die sich vielleicht nicht verwirklichen konnten wie wir heute, aber das Beste aus der Situation machten, in der sie waren. Die drei Frauen haben mein Frauenbild mit ihrer sanften, aber zähen Art geprägt.

Ist es für Frauen schwieriger, sich im Musikbusiness durchzusetzen, als für Männer?

Definitiv. Wir Frauen müssen uns in allen Bereichen mehr beweisen, uns traut man oft nicht gleichviel zu wie Männern. Ich glaube nicht, dass Büne Huber oft gefragt wird, ob er seine Songs selber schreibe. Aber die Zeiten ändern sich – auch dank der #MeToo-Bewegung. Es findet ein Umdenken statt, langsam, aber stetig. Dabei gibt es viele talentierte Musikerinnen in der Schweiz, und ich habe mich gefreut, dass ich bei der Kampagne der Swiss Music Awards als Mentorin der charismatischen Sängerin Pamela Mendez agieren durfte. Es braucht Netzwerke. Wir Frauen müssen sichtbarer werden. Auch darum muss es mehr Preise für Frauen geben.

In der Schweiz wurden diese Fragen vor einem Jahr erstmals richtig diskutiert. Sehen Sie schon Veränderungen?

(seufzt)

Es kann ja gar nicht so schnell gehen. Die Gleichstellung ist ein langer Prozess, das wissen wir gerade in der Schweiz.

Würden Sie sich als Feministin bezeichnen?

Wenn Feministin bedeutet, dass eine Frau sich für ihre Rechte einsetzt, für soziale und wirtschaftliche Gleichberechtigung, dann bin ich eine Feministin.

Was war die Idee für Ihr neues Album «Emma»?

Vor allem einige Konzeptänderungen. Der Musiker Adrian Stern ist der neue Produzent, und «Emma» ist mein erstes Gitarrenalbum. Dann besann ich mich auf meine Liebe zu mehrstimmigen Gesängen und suchte dafür die Stimmen, die zu mir passen. Mit Ritschi, Micha Dettwyler, Adrian Stern und Cathryn Lehmann fand ich den perfekten Stimmenmix für meine Songs. Die Texte haben ein besonderes Gewicht. Ich wollte, dass die Geschichten den Rhythmus, die Form und Länge der Lieder vorgeben und nicht umgekehrt. Weg von den Dreiminutenförmchen, radiofreundlich ist das Album nur zum Teil. Bei den Geschichten habe ich unter anderem mit Trummer und Tinu Heiniger gearbeitet. Dieser andere Fokus auf meine Texte war mir wichtig.

In «Wiär sii schön» thematisieren Sie das Altern. Haben Sie kein Problem mit dem Altern?

Ich wollte nach «Unbeschriiblich wiiblich» aus dem Jahre 1997 das Thema nochmals beleuchten aus jetziger Sicht. Heute versuche ich, grosszügig über gewisse Altersprozesse hinwegzusehen, am Schluss ist wohl am besten, man behandelt das Thema mit Humor und Selbstironie. Bei Filter und Fotoretouchen sage ich aber erfreut ja zur digitalen Technik.

50 ist ja ein komisches Alter. Nicht mehr jung, aber nicht wirklich alt? Wie fühlen Sie sich in Ihrer Haut?

Auf den Verfallprozess könnte ich ganz gut verzichten. Aber andererseits ist eben auch das wackelige Selbstbewusstsein passé. Ich bin grosszügiger geworden mit mir. Was ich mit der Energie einer 30-Jährigen nicht mehr erreichen kann, mache ich mit Erfahrung wett. Und wenn es trotzdem mal zu viel wird, dann gehe ich früh schlafen.

Pop ist immer noch auf die Jugend fixiert. Wie ist es, im Popbusiness zu altern?

Nervig. Trotzdem, mit Madonna oder Heidi Klum möchte ich nicht tauschen. Und es kann sehr angenehm sein, wenn das Gegenüber mehr zuhört als guckt.

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