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Interview

Mahan Esfahani: Das Cembalo als innovatives Instrument

Der iranisch-amerikanische Cembalist Mahan Esfahani kommt für ein Rezital nach Luzern. Weltweit setzt er sich für sein Instrument ein – und widersetzt sich damit gängigen Erwartungen.
Interview: Katharina Thalmann
Ein Meister auf seinem Instrument: der Cembalist Mahan Esfahani (35). (Bild: Stefan Höderath/Getty)

Ein Meister auf seinem Instrument: der Cembalist Mahan Esfahani (35). (Bild: Stefan Höderath/Getty)

Mahan Esfahani, Sie sagten einmal, dass das Cembalospiel für Sie eine Art von Teenager-Rebellion war. Denken Sie mit 35 noch immer so darüber?

Dank des Cembalos konnte ich mich selbst sein und mich ausdrücken. Obwohl ja Cembalospielen nicht gerade etwas ist, dass man mit Selbstentfaltung in Verbindung bringt.

Sie sind auch Musikwissenschafter, studierten in Stanford und Oxford. Woher kommt Ihr Bedürfnis, sich Musik auch wissenschaftlich zu erschliessen?

Nun, es ist sehr interessant, nicht wahr? Alles, was einem Musiker hilft, das Musikverständnis zu vertiefen, und was das Musikhören positiv beeinflusst, lohnt sich. Sind das nicht die Ziele, ist es Zeitverschwendung.

In Luzern werden Sie die Schweizer Uraufführung von Miroslav Srnkas «Triggering» spielen. Können Sie etwas über das Werk erzählen?

Miroslav hat das Stück für mich geschrieben, wir leben beide in Prag. Die letzten Jahre habe ich ihm in den Ohren gelegen: Wann schreibst du endlich für Cembalo? Was ihn fasziniert, ist die Natur des Timings. Eine auf dem Cembalo gespielte Note ist fast wie ein Peitschenschlag, die Saite wird so schnell angeschlagen. Alles, was darauf folgt, ist ein unmittelbarer Effekt davon.

Das Stück hat sieben Sätze mit Titeln wie: «Das letzte Tennisspiel mit meinem Grossvater» oder «Schon wieder eine High-School-Schiesserei». Was hat es damit auf sich?

Teile des Stücks drehen sich um Familie und Sehnsucht. Ich hatte nie einen Ort, den ich «Zuhause» nannte. Meine Familie verliess den Iran während des Kriegs in den 1980er-Jahren, ich wuchs in den USA auf und reise sehr viel. Miroslav wuchs hinter dem Eisernen Vorhang in der ehemaligen Tschechoslowakei auf. Seine Kompositionsarbeit wurde begleitet von den vielen Meldungen über Schiessereien in den USA.

Im Untertitel des Stücks heisst es: «Für Cembalo und zwei E-Bows». E-Bows sind eigentlich Utensilien für E-Gitarre. Wie werden sie verwendet?

Sie untersuchen die Essenz einer gezupften Saite. Denn die Saite vibriert – und diese Vibration wird durch die E-Bows verstärkt. Der eine E-Bow liegt einfach im Cembalo, den anderen spiele ich.

Sie stellen in Luzern auch Bachs «Italienisches Konzert» und Steve Reichs «Piano Phase» nebeneinander. Das sind zwei Klassiker der Musikgeschichte – obwohl sie über 200 Jahre nacheinander entstanden sind. Welche Gemeinsamkeiten sehen Sie?

Sie zeigen das Cembalo als innovatives Instrument. Bach erforscht Strukturprinzipien der beiden Cembalomanuale und damit die Idee von «Solo» und «Ensemble». Er hat das Cembalo in den 1720ern entdeckt, und 1735 legt er das «Italienische Konzert» vor – das ist eine Form von Innovation und Genie! Das Cembalo war damals ein modernes Instrument, das sich technologisch immer weiterentwickelte. Das ist zu Steve Reichs Zeiten anders: Das Klavier und das Cembalo haben sich im letzten Jahrhundert nicht wirklich verändert. Er gibt eine zeitgenössische Antwort auf ein traditionelles Instrument.

Sie setzen sich auch über Interviews, Radiosendungen und Vorträge für das Cembalo ein. Warum?

Ich sehe es so: Es ist sehr wichtig, die Chance zu haben, musikalisch das zu sagen, was man zu sagen hat. Als Cembalist bekomme ich diese Gelegenheiten selten: Die Mainstream-Säle bleiben mir verschlossen. Oft höre ich: «Wie schade, dass wir nichts mit Cembalo machen.» Das ist lächerlich.

Aber gerade die Alte Musik trat dank Persönlichkeiten wie Cecilia Bartoli und Nikolaus Harnoncourt in den letzten Jahrzehnten aus ihrer Nische heraus. Das wäre doch gut für das Cembalo?

Ja, aber wie viele Barockorchester spielen instrumentale Solokonzerte? Sie sind inzwischen eher Begleitensembles für irgendwelche Sänger. Ich selber konnte an der Szene nie teilhaben: Ich bin Iraner und Amerikaner, ich konnte es mir nicht leisten, in den europäischen Hochburgen für Alte Musik wie Amsterdam oder Paris zu studieren. Diese Szene ist von vielen Ängsten geprägt, ohne solche «Fachausweise» erhält man keinen Zugang. Also muss ich eben zeitgenössische Musik machen.

Sie wirken an ihren Konzerten sehr entspannt und humorvoll, erklären hie und da etwas. Das ist nach wie vor eine ungewöhnliche Erscheinung im klassischen Konzertprotokoll. Ist das wieder eine Art rebellischer Akt?

In Amerika erhalte ich darauf meistens negative Reaktionen. Dort ist klassische Musik eine prätentiöse Klassenfrage; das Publikum will die «heilige Kunst» schützen. In Europa ist klassische Musik ein natürlicher Teil der Kultur, die Leute fühlen sich durch meine Art nicht bedroht.

Was wäre denn Ihr ideales Publikum?

Alle sollen jemanden mitbringen, von dem sie wissen, dass er oder sie das Cembalo nicht mag. Denn nachher werden sie es mögen, das garantiere ich. Und falls nicht: Kommt bitte zu mir und erzählt mir davon.

Mahan Esfahani, Cembalo; Sonntag, 17. Februar 2019, 17 Uhr, Marianischer Saal, Luzern. Werke von Srnka, Bach, Reich u. a.

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